Fischerei

Nachtangelverbot in Niedersachsen gescheitert

Foto: Axel Heimken / dpa

Die Tierschutzorganisation Peta ist mit ihrem Vorstoß eines Nachtangelverbots in Niedersachsen gescheitert. Der Verein will die Freizeitfischerei am liebsten ganz verbieten.

Hannover. Vielleicht liegt es in der Natur der Sache, dass das Angeln lange Zeit kaum im Fokus der Öffentlichkeit stand. Immerhin hat Freizeitfischen viel mit dem Genuss der Abgeschiedenheit an intakten Ufern zu tun. Als Tennis wegen Boris Becker und Steffi Graf zum Massensport wurde, war es das Angeln längst. Doch die früher fehlende Aufmerksamkeit in Deutschland ereilt jetzt die Angler. Tierschützer wollen die Freizeitaktivität verbieten.

Es trifft keine Nische: Die Demoskopen bei Allensbach melden seit Jahren eine konstante Anglerzahl von knapp fünf Millionen hierzulande. Fast eine Million werfen regelmäßig die Köder aus, nicht nur gelegentlich, also etwa im Urlaub.

Anders als Jäger – die meist eher zu den Reicheren gehören - spiegeln Sportfischer laut Allensbach einen Querschnitt zumindest der Männer wider. Auch gut betuchte Akademiker greifen ungefähr gemäß ihrem Anteil an der gesamten Gesellschaft zur Angel.

Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei legte schon 2004 dar, dass Deutschlands Hobbyfischer jedes Jahr für gut fünf Milliarden Euro Umsatz sorgten. Mehr als 50.000 Jobs hingen von dem Hobby ab.

Deutschlands einziger Fischerei-Professor Robert Arlinghaus rechnet vor, dass die Wertschöpfung des Angelns die der gesamten Fischerei samt Handel übersteige. Hinzu kämen weiche Faktoren wie die Gewässerpflege, Jugendarbeit, Tourismusentwicklung, Freizeitqualität, Umweltschutz und Naturerlebnisse in Großstadtnähe.

Arlinghaus forscht am Berliner Leibniz-Institut und an der Humboldt-Uni zu interdisziplinären Aspekten des Angelns. Seit einiger Zeit gibt es dabei eine Kontroverse um die Legitimationsgrundlage des Massen-Hobbys: Umstritten ist, ob und wie Fische Schmerzen erleiden.

Die Tierschutzorganisation Peta setzt den Fischfang gleich mit häuslicher Gewalt oder brutalen Raubüberfällen. Peta meint, Kinder würden "beim Angeln an den "Haken der Grausamkeit" genommen". Nach eigenen Angaben zeigte Peta allein 2013 schon gut 1000 Angler an, da deren Hobby angeblich auf unnötigem Töten und Quälen basiere.

Mit Kampagnen wie "Haben Angler kurze Ruten?" sorgt Peta dabei kaum für Sachlichkeit. Die Organisation propagiert einen veganen Lebensstil. Gerichte haben es dem Verein bereits verboten, mit Holocaust-Vergleichen gegen das Schlachten von Tieren zu werben. Peta nennt das "intellektuelle Provokation".

Tierschutzgesetz verbietet, Fische grundlos zu töten

Doch das Angeln hat tatsächlich Auswüchse, die dem Bild vom Angler als Pfleger eines Naturschatzes schaden können. So sind zum Beispiel kommerzielle Angelteiche beliebt – und als Privatgelände schwer zu überwachen. "Forellenpuff" nennt die Szene das, wenn Besatzfisch für garantierten Erfolg sorgt – Exoten wie Störe inklusive. Kritiker nennen das eine Trophäenjagd nur fürs Foto.

Das Tierschutzgesetz verbietet, Fische grundlos zu töten und ihnen länger oder öfter "erhebliche Schmerzen oder Leiden" zuzufügen. Und so bekommt das Milliardengeschäft Angeln Rechtfertigungsprobleme. Denn obwohl gefangene Fische laut Gesetz eigentlich gegessen werden müssten, setzen viele Angler sie nach dem Abhaken zurück ins Wasser.

Das beweisen auch Angelzeitschriften, deren DVDs das Prinzip "Catch and Release" offen zeigen, etwa am Wannsee in Berlin. Auch bei diesem Thema gibt es viel Für und Wider rund um Arterhaltung und Tötungszwang – und um mögliches Leid zurückgesetzter Flossenträger.

Die Debatte läuft. Markus Wild, der eine Förderprofessur für Philosophie aus dem Schweizerischen Nationalfonds hat, betont, Fragen zum Schmerzempfinden der Fische berührten auch die Berufsfischerei, Fischzucht, Laborforschung und die Aquarienwelt.

Dabei ist der wesentliche Punkt wissenschaftlich unklar: Was heißt es für Fische, am Haken zu hängen? Selbst wenn sie eine Art Schmerz registrieren, was nach menschlichem Maßstab mit Qualen einhergeht, leiden sie dann auch? Und dürfte der Faktor Angeln das aufwiegen?

Forscher Arlinghaus spricht von einer ideologischen Atmosphäre. Dabei sei die Legitimation des Angelns – derzeit Kochtopf und Hege - vielleicht längst zu eng. "Angesichts einer steigenden Entfremdung von der Natur in einer urbanisierten Gesellschaft ist das Angeln eine der letzten Möglichkeiten für wertvolle, psychologisch reiche Erfahrungen mit Wildtieren in der freien Natur", sagt er. Es gehe also nicht nur um die vielen Jobs und um das selbst gefangene Essen.

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