27.08.12

Drohende Werften-Insolvenz

P+S-Krise: Zähes Ringen um Scandlines-Fährschiffe

Reederei Scandlines wartet auf Lösungsvorschläge der Werft, die Werft wartet auf ein Gespräch. Fremdfirmen kehren zurück. Die Zeit drängt.

Von Martina Rathke
Foto: dpa/DPA
P+S Werften
Die Geschäftsführung der von Insolvenz bedrohten P+S-Werften in Stralsund und Wolgast hat am Montag eigenen Angaben zufolge ihre Gespräche mit Kunden und Lieferanten fortgesetzt

Stralsund. In den zähen Verhandlungen der von Insolvenz bedrohten P+S-Werften mit der Reederei Scandlines über zwei neue Fähren verrinnt für die Beschäftigten wertvolle Zeit. Die Reederei bewertete am Montag den Kontakt mit dem angeschlagenen Schiffbauer zurückhaltend. "Wir haben noch immer keinen konkreten Lösungsvorschlag erhalten, der als Grundlage für Gespräche dienen könnte", sagte eine Sprecherin der Reederei. Bisher habe es nur einen ersten Schriftverkehr gegeben, um eine Gesprächsbasis auszuloten.

+++Zitterpartie um P+S-Werften geht weiter+++

Die P+S-Geschäftsführung wies die Vorwürfe zurück. Man habe Scandlines durchaus konkrete Lösungsverschläge unterbreitet und auch detaillierte Fragen beantwortet. Auf einen von der Werftengruppe für Dienstag vorgeschlagenen Gesprächstermin sei Scandlines nicht eingegangen, sagte ein Werftensprecher. Ein Gespräch zwischen der Werft und dem Hauptauftraggeber Scandlines kommt wohl demnach frühestens am Donnerstag und Freitag zustande.

Ende dieser Woche sind die Löhne der rund 1750 Werftarbeiter fällig. Unklar ist weiter, ob diese von P+S oder bereits als Insolvenzgeld gezahlt werden. Ein Insolvenzantrag lässt sich nur vermeiden, wenn Kunden und Lieferanten zu finanziellen Zugeständnissen bereit sind. Vor einer Woche hatten Land und Bund die staatliche Rettungsbeihilfe für die Werften gestoppt.

+++Rettungsversuch für 2000 Mitarbeiter der P+S-Werften+++

Ende voriger Woche war bekanntgeworden, dass sich die Auslieferung der Scandlines-Fähren wegen weiter ungelöster Bauprobleme nochmals auf 2013 verschieben wird. Scandlines kritisierte die Werft, zuvor nicht offiziell über die neuen Liefertermine informiert zu haben. Unklar ist, wie hoch die Vertragsstrafen für die verspätete Auslieferung der Fähren ausfallen. Ursprünglich sollten sie schon im Sommer den Dienst aufnehmen.

Unter der P+S-Belegschaft in Stralsund wird spekuliert, ob Scandlines angesichts der Finanzprobleme auf der Werft inzwischen pokert, um die Fähren zu einem weitaus geringeren Preis zu kaufen als vereinbart. Ursprünglich wollte Scandlines 230 Millionen Euro für Fähren und Kaianleger zahlen.

"Scandlines setzt darauf, dass die Fähren aus der Insolvenzmasse heraus billiger zu haben sind", sagte ein Insider aus der Belegschaft. Die Reederei könne sich dabei aber auch verrechnen. Denn die Fähren besäßen – wenn einmal fertiggestellt – einen extrem hohen Ausstattungsgrad und wären auch für andere Fährlinien attraktiv.

Unterdessen gibt es auf der Schwesterwerft in Wolgast erste Anzeichen dafür, dass die Gespräche von Werftenmanager Rüdiger Fuchs gefruchtet haben. Zwei Fremdfirmen, die sich nach dem Stopp der staatlichen Rettungsbeihilfe vor einer Woche zunächst zurückgezogen hatten, hätten inzwischen wieder Arbeiter auf die Werft geschickt, sagte Betriebsrat Carsten Frick. Die Belegschaft habe derzeit voll zu tun. Neben der Fertigstellung und Erprobung von zwei Schiffen für die schwedische Küstenwache arbeiteten die rund 600 Schiffbauer in Wolgast an Stahl-Sektionen für zwei Spezialfrachter, die die dänische Reederei DFDS A/S bestellt hat, sowie für drei der fünf Frachter für die grönländische Royal Arctic Line. Daneben seien die Werftarbeiter mit Marineaufträgen beschäftigt.

Werftenmanager Rüdiger Fuchs hatte vor einer Woche angekündigt, die Wolgaster Peene-Werft mit einem "im Kern tragfähigen Geschäftsmodell" an einen Investor verkaufen zu wollen, während die Stralsunder Werft zunächst wieder in einen "leistbaren Tritt" gebracht werden solle. Weil die Staatshilfe von 152,4 Millionen Euro nicht bis zur voraussichtlichen Genehmigung der Umstrukturierung durch Brüssel Ende 2013 gereicht hätte, hatten Land und Bund die Zahlungen gestoppt. Seitdem droht der Werft die Zahlungsunfähigkeit. (dpa)

Werft-Pleiten in Deutschland
Pleiten großer und traditionsreicher Werften haben mehrfach die deutsche Wirtschaft erschüttert.
Mai 1996
Der Bremer Vulkan geht als größter deutscher Werftenverbund in Konkurs. Knapp 2000 Beschäftigte verlieren ihren Job. Der Konzern hatte umgerechnet mindestens 435 Millionen Euro Subventionen zweckentfremdet, die eigentlich für Tochterfirmen in Ostdeutschland bestimmt waren. Der im Herbst 1995 zurückgetretene Vorstandschef Friedrich Hennemann und zwei weitere Mitarbeiter werden später wegen Untreue zu Bewährungsstrafen verurteilt.
Februar 2004
Die Lloyd Werft Bremerhaven mit rund 500 Beschäftigten beantragt Insolvenz. Die finanziellen Probleme entstanden vor allem durch die Havarie des gekenterten Kreuzfahrtschiffes "Pride of America". In der Folgezeit gelingt die Sanierung des Unternehmens, 2006 steigen die italienische Staatswerft Fincantieri und eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Bremen als Gesellschafter ein. 2011 arbeiten 200 Menschen bei Lloyd.
September 2008
Die Kieler Traditionswerft Lindenau stellt Insolvenzantrag. Die auf Doppelhüllen-Tanker spezialisierte Werft verfügt nach eigenen Angaben über Aufträge von zusammen 225 Millionen Euro. Anfang 2012 geht der Millionenauftrag für eine größere Reparatur des Marine-Segelschulschiffes Gorch Fock an die Konkurrenz. Von den ehemals 370 Beschäftigten arbeiten noch 38 bei Lindenau.
Januar 2009
Die Bremerhavener Schichau Seebeck Werft meldet Insolvenz an. Offene Verbindlichkeiten bei Lieferanten konnten trotz eines gut gefüllten Auftragsbuches nicht beglichen werden. Auf der Werft arbeiten mehr als 300 Beschäftigte. Kurz darauf wird die Werft geschlossen.
Juni 2009
Für die Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde wird trotz staatlich verbürgter Kredite in dreistelliger Millionenhöhe Insolvenz beantragt.
November 2011
Deutschlands älteste Werft, die Hamburger Sietas-Gruppe, geht in die Insolvenz. Im Juni 2012 wird das Unternehmen zerschlagen: Die Sietas-Werft geht an die niederländische Veka-Gruppe. Die Bremer Lürssen-Gruppe übernimmt die Reparaturwerft Norderwerft.
P+S – Das Auf und Ab der Werften

Chronologie der P+S-Werften

1948 wurden die Volkswerft Stralsund und die Peene-Werft Wolgast gegründet.

1992 übernimmt die Bremer Hegemann-Gruppe die einstige Marinewerft in Wolgast. Jahrelang hat die Peene-Werft volle Auftragsbücher.

Juli 2007: Die Hegemann-Gruppe übernimmt die Volkswerft Stralsund. Sie will in die Produktion besonders großer Containerschiffe einsteigen.

Februar 2009: Infolge der Wirtschaftskrise werden in beiden Werften die Aufträge knapp. Reedereien stornieren Schiffsneubauten.

März 2009: Hegemann kündigt die Umstellung auf den Spezialschiffbau an.

Juni 2009: Finanz- und Wirtschaftsministerium geben grünes Licht für eine Bürgschaft über 9 Millionen Euro.

Juni 2010: Die beiden Werften stellen sich unter dem Namen P+S- Werften neu auf. Die Hegemann-Gruppe hält einen Anteil von 7 Prozent, die HSW Treuhand- und Beteiligungsgesellschaft ist mit 93 Prozent beteiligt.

August 2010: Die Belegschaften erklären sich zu kostenloser Mehrarbeit bereit, um die weitere Sanierung der Werften zu sichern.

August 2011: Die P+S-Werften erhalten einen weiteren Millionenauftrag über den Bau von zwei Offshore-Installationsschiffen.

März 2012: Land, Bund und Banken einigen sich auf Unterstützung bei der Finanzierung von Schiffbauaufträgen. Grund sind die teureren Spezialschiffe.

Mai 2012: Ein Finanzloch von 200 Millionen Euro gefährdet den Fortbestand. Das Land ist grundsätzlich zu erneuter Hilfe bereit, braucht aber die Zustimmung der EU und sieht auch Bund, Banken, das Unternehmen und die Belegschaft mit in der Verantwortung.

Juni 2012: Es stellt sich heraus, dass fast 300 Millionen Euro Umstrukturierungsbeihilfe nötig sind. Die Mitarbeiter erklären sich bereit, sich an der Rettung mit 68 Millionen Euro zu beteiligen. Schwerin sagt ein Darlehen von bis zu 152,4 Millionen Euro zu.

Juli 2012: Die EU-Kommission genehmigt die staatliche Garantie für die P+S Werften unter Vorbehalt.

August 2012: Der frühere Airbus-Manager und Sietas-Werftsanierer Rüdiger Fuchs wechselt als Unternehmenschef an die Spitze der P+S-Werften. Er deckt größere Probleme als bisher bekannt auf, darunter Lieferverzögerungen für Scandlines-Fähren und zwei Spezialfrachter.

20. August: Das Land stoppt die Hilfen.

1. November: Gut zwei Monate nach dem Insolvenzantrag für die P+S-Werften eröffnet das Amtsgericht Stralsund das Insolvenzverfahren. Die Gläubiger haben Forderungen in dreistelliger Millionenhöhe, auch das Land.

 Quelle: dpa

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