21.08.12

Mecklenburg-Vorpommern

Kanzlerin Merkel besucht Krisenwerft in Stralsund

Merkel kündigte überraschend einen Besuch der von Insolvenz bedrohten P+S-Werften an. Stralsund liegt in ihrem Bundestagswahlkreis.

Foto: dpa/DPA
Der neue Chef der angeschlagenen P+S-Werftengruppe sieht die Zukunft der Schiffbaubetriebe im Spezialschiffbau
Das Firmenschild der P+S Werften vor dem Standort der Werft in Wolgast (Archivbild)

Berlin/Stralsund. Der Fortbestand des größten Industriebetriebes in Vorpommern steht auf der Kippe. Die knapp 2000 Beschäftigten der P+S-Werften in Stralsund und Wolgast sollen heute erfahren, wie gefährdet ihre Jobs sind. Sie waren am Morgen normal zur Arbeit erschienen. Am Mittag informiert Geschäftsführer Rüdiger Fuchs die Belegschaften über die wirtschaftliche Lage und das weitere Vorgehen. Überraschend hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen Besuch in Stralsund angekündigt. Die Stadt liegt in ihrem Bundestagswahlkreis. Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) und Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) wollen an den Belegschaftsversammlungen teilnehmen.

Nachdem das Land am Montag die staatlichen Hilfen für die Werften endgültig gestoppt hatte, bleibt nach Angaben von Geschäftsführer Fuchs nur noch die Insolvenz. Er wird nach eigenen Angaben voraussichtlich am Mittwoch den Insolvenzantrag stellen.

Die Werften sind schon seit 2009 in Schwierigkeiten. Lieferverzögerungen bei zwei Großfähren und zwei Spezialschiffen hatten die Situation weiter verschärft. Das Sanierungskonzept war laut Sellering schließlich gescheitert, weil sich das von Land und Bund verbürgte Rettungspaket über 152 Millionen Euro als unzureichend herausgestellt hatte und eine Aufstockung der Mittel rechtlich nicht möglich ist. Von den Krediten zur Sicherung der Liquidität seien etwa 70 Millionen Euro bereits ausgereicht worden. Land und Bund stehen zudem für reguläre Schiffbaukredite in Höhe von insgesamt 326 Millionen Euro gerade.

Wie der Betriebsrat der Stralsunder Volkswerft, Jürgen Kräplin, am Morgen sagte, herrscht eine sehr bedrückte Stimmung unter den Schiffbauern. Er erwarte, dass das Land die Volkswerft jetzt nicht hängen lasse. "Wir müssen die bestehenden Aufträge abarbeiten, damit wieder Geld in die Kasse der Werft kommt." Die Volkswerft müsse als Ganzes erhalten bleiben, verlangte er. Sellering und Glawe hatten am Vortag Hilfe "im Rahmen des rechtlich Möglichen und wirtschaftlich Vertretbaren" angekündigt.

Nach dem vorzeitigen Scheitern der Rettungsbemühungen für die P+S-Werften rückte die Opposition Fragen der politischen Verantwortung in den Blickpunkt. Linke und Grüne warfen Bund und Land vor, nicht über die tatsächliche wirtschaftliche und finanzielle Lage der Werften im Bilde gewesen zu sein, als im Mai das Rettungspaket beschlossen wurde. "So ist für uns bislang nicht erklärbar, warum die Landesregierung trotz Treuhandverwaltung vor wenigen Wochen von den Liquiditätsproblemen der Werft überrascht wurde", erklärte der Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Suhr.

Auch nach Ansicht der Linken gibt es Fragen zum Krisenmanagement: "Offensichtlich hat der Bund die Verwendung der ausgereichten Bürgschaften nicht sorgfältig kontrolliert", monierte der Linke-Landeschef und Bundestagsabgeordnete Steffen Bockhahn. Er deutete an, dass der von Bund und Land gemeinsam verbürgte Rettungskredit über 152 Millionen Euro von vornherein zu klein gewesen sein könnte. Anders lasse sich das Scheitern des Rettungspakets nach nur drei Monaten kaum erklären. "Zudem bleibt offen, ob die Kanzlerin, in deren Wahlkreis die Werften liegen, in diesem Verfahren Einfluss genommen hat", erklärte Bockhahn. (dpa)

Werft-Pleiten in Deutschland
Pleiten großer und traditionsreicher Werften haben mehrfach die deutsche Wirtschaft erschüttert.
Mai 1996
Der Bremer Vulkan geht als größter deutscher Werftenverbund in Konkurs. Knapp 2000 Beschäftigte verlieren ihren Job. Der Konzern hatte umgerechnet mindestens 435 Millionen Euro Subventionen zweckentfremdet, die eigentlich für Tochterfirmen in Ostdeutschland bestimmt waren. Der im Herbst 1995 zurückgetretene Vorstandschef Friedrich Hennemann und zwei weitere Mitarbeiter werden später wegen Untreue zu Bewährungsstrafen verurteilt.
Februar 2004
Die Lloyd Werft Bremerhaven mit rund 500 Beschäftigten beantragt Insolvenz. Die finanziellen Probleme entstanden vor allem durch die Havarie des gekenterten Kreuzfahrtschiffes "Pride of America". In der Folgezeit gelingt die Sanierung des Unternehmens, 2006 steigen die italienische Staatswerft Fincantieri und eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Bremen als Gesellschafter ein. 2011 arbeiten 200 Menschen bei Lloyd.
September 2008
Die Kieler Traditionswerft Lindenau stellt Insolvenzantrag. Die auf Doppelhüllen-Tanker spezialisierte Werft verfügt nach eigenen Angaben über Aufträge von zusammen 225 Millionen Euro. Anfang 2012 geht der Millionenauftrag für eine größere Reparatur des Marine-Segelschulschiffes Gorch Fock an die Konkurrenz. Von den ehemals 370 Beschäftigten arbeiten noch 38 bei Lindenau.
Januar 2009
Die Bremerhavener Schichau Seebeck Werft meldet Insolvenz an. Offene Verbindlichkeiten bei Lieferanten konnten trotz eines gut gefüllten Auftragsbuches nicht beglichen werden. Auf der Werft arbeiten mehr als 300 Beschäftigte. Kurz darauf wird die Werft geschlossen.
Juni 2009
Für die Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde wird trotz staatlich verbürgter Kredite in dreistelliger Millionenhöhe Insolvenz beantragt.
November 2011
Deutschlands älteste Werft, die Hamburger Sietas-Gruppe, geht in die Insolvenz. Im Juni 2012 wird das Unternehmen zerschlagen: Die Sietas-Werft geht an die niederländische Veka-Gruppe. Die Bremer Lürssen-Gruppe übernimmt die Reparaturwerft Norderwerft.
P+S – Das Auf und Ab der Werften

Chronologie der P+S-Werften

1948 wurden die Volkswerft Stralsund und die Peene-Werft Wolgast gegründet.

1992 übernimmt die Bremer Hegemann-Gruppe die einstige Marinewerft in Wolgast. Jahrelang hat die Peene-Werft volle Auftragsbücher.

Juli 2007: Die Hegemann-Gruppe übernimmt die Volkswerft Stralsund. Sie will in die Produktion besonders großer Containerschiffe einsteigen.

Februar 2009: Infolge der Wirtschaftskrise werden in beiden Werften die Aufträge knapp. Reedereien stornieren Schiffsneubauten.

März 2009: Hegemann kündigt die Umstellung auf den Spezialschiffbau an.

Juni 2009: Finanz- und Wirtschaftsministerium geben grünes Licht für eine Bürgschaft über 9 Millionen Euro.

Juni 2010: Die beiden Werften stellen sich unter dem Namen P+S- Werften neu auf. Die Hegemann-Gruppe hält einen Anteil von 7 Prozent, die HSW Treuhand- und Beteiligungsgesellschaft ist mit 93 Prozent beteiligt.

August 2010: Die Belegschaften erklären sich zu kostenloser Mehrarbeit bereit, um die weitere Sanierung der Werften zu sichern.

August 2011: Die P+S-Werften erhalten einen weiteren Millionenauftrag über den Bau von zwei Offshore-Installationsschiffen.

März 2012: Land, Bund und Banken einigen sich auf Unterstützung bei der Finanzierung von Schiffbauaufträgen. Grund sind die teureren Spezialschiffe.

Mai 2012: Ein Finanzloch von 200 Millionen Euro gefährdet den Fortbestand. Das Land ist grundsätzlich zu erneuter Hilfe bereit, braucht aber die Zustimmung der EU und sieht auch Bund, Banken, das Unternehmen und die Belegschaft mit in der Verantwortung.

Juni 2012: Es stellt sich heraus, dass fast 300 Millionen Euro Umstrukturierungsbeihilfe nötig sind. Die Mitarbeiter erklären sich bereit, sich an der Rettung mit 68 Millionen Euro zu beteiligen. Schwerin sagt ein Darlehen von bis zu 152,4 Millionen Euro zu.

Juli 2012: Die EU-Kommission genehmigt die staatliche Garantie für die P+S Werften unter Vorbehalt.

August 2012: Der frühere Airbus-Manager und Sietas-Werftsanierer Rüdiger Fuchs wechselt als Unternehmenschef an die Spitze der P+S-Werften. Er deckt größere Probleme als bisher bekannt auf, darunter Lieferverzögerungen für Scandlines-Fähren und zwei Spezialfrachter.

20. August: Das Land stoppt die Hilfen.

1. November: Gut zwei Monate nach dem Insolvenzantrag für die P+S-Werften eröffnet das Amtsgericht Stralsund das Insolvenzverfahren. Die Gläubiger haben Forderungen in dreistelliger Millionenhöhe, auch das Land.

 Quelle: dpa

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