06.02.13

Prinovis-Druckerei

"Druckerei ist nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben"

Talfahrt der europäischen Druckindustrie erreicht den Standort Itzehoe in Schleswig-Holstein. Ein Schock für 1000 Mitarbeiter.

Foto: dpa
Die Einfahrt zur Prinovis-Druckerei in Itzehoe
Die Einfahrt zur Prinovis-Druckerei in Itzehoe

Itzehoe. Im angespannten Druckmarkt in Europa kommt es in Deutschland zu einem weiteren herben Einschnitt. Am Druckstandort Itzehoe in Schleswig-Holstein schließt der Prinovis-Konzern in der zweiten Jahreshälfte 2014 ein Werk mit rund 1000 Mitarbeitern. In der Tiefdruckerei werden unter anderem Magazine wie "Spiegel" und "Stern" hergestellt. Der Schock über das Aus saß am Mittwoch tief: bei den Mitarbeitern und der Gewerkschaft Verdi, bei der Regierung in Schleswig-Holstein sowie den Politikern im Kreis Steinburg. Ihre Kritik richtete sich vor allem an den Mehrheitsgesellschafter Bertelsmann, dessen soziale Verantwortung eingefordert wurde.

"Die Druckerei in Itzehoe ist nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben", sagte der Prinovis-Vorstandschef Bertram Stausberg. Die bisher fünf Druckereien im Konzern - neben Itzehoe die Standorte Ahrensburg, Dresden, Nürnberg, Liverpool (Großbritannien) – seien im Durchschnitt nur zu 80 Prozent ausgelastet und damit mittel- und langfristig nicht wirtschaftlich zu betreiben. Itzehoe habe die mit Abstand höchsten Stückkosten aller Prinovis-Standorte und verfüge über die mit Abstand schlechteste Prognose, teilte das Unternehmen mit. Es erzielt insgesamt rund 600 Millionen Euro Umsatz.

Die Überkapazitäten im europäischen Druckmarkt – es gibt mehr Maschinenkapazität als Nachfrage nach Druckereierzeugnissen – haben sich somit auch auf Prinovis ausgewirkt. "Die Marktbereinigung ist seit einigen Jahren im Gange", sagte Stausberg. Er erwartet, dass nach der Schließung dauerhaft rund 20 Millionen Euro eingespart werden können. Die aktuellen Restrukturierungskosten beliefen sich auf einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag.

Die geplante Schließung im nächsten Sommer ergibt sich den Angaben zufolge aus der Kündigung eines Beschäftigungs-Sicherungsvertrages bis 2015 sowie gesetzlichen und individuellen Kündigungsfristen. Das Weihnachts- und Urlaubsgeld, auf das die Mitarbeiter für 2012 und 2013 vertraglich verzichtet hatten, muss nun gezahlt werden.

Die Druckaufträge für Itzehoe sollen auf die anderen Prinovis-Standorte verteilt werden. Wo es logistisch sinnvoll ist, bietet sich Ahrensburg nahe Hamburg als Ausweich-Standort an. 74,9 Prozent der Prinovis-Anteile gehören dem Bertelsmann-Konzern, der Rest der Axel Springer AG.

Prinovis will mit den Arbeitnehmervertretern über einen Interessensausgleich und Sozialplan verhandeln. Den Unternehmensangaben zufolge verlieren 750 Mitarbeiter und rund 250 Leiharbeitskräfte ihren Job im Betrieb. Sie weichen um rund 100 Mitarbeiter weniger von den Gewerkschaftszahlen ab.

Die Beschäftigten würden zum Opfer einer unverantwortlichen Unternehmensstrategie, teilte der stellvertretende Verdi-Vorsitzende Frank Werneke in Berlin mit. Dass die Anteilseigner nicht bereit seien, über Alternativen am Standort zu sprechen, mache ihn wütend, sagte Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB-Nord. Die Gewerkschaften würden nicht nachlassen, die Gesellschafter finanziell in die Verantwortung zu nehmen – für die Beschäftigten, für die Region und für die Volkswirtschaft. Der Betriebsratsvorsitzende Stefan Lützen warf der Unternehmensleitung fehlendes Entgegenkommen vor. "Wir sind innerlich total aufgewühlt. Es reibt uns auf, dass die Schließung aufgrund von Planzahlen geschieht."

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) will sich dafür einsetzen, dass möglichst viele Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region gerettet werden. Itzehoes Bürgermeister Andreas Koeppen sprach von einem rabenschwarzen Tag für die Stadt und die Region, es sei eine Katastrophe.

(dpa)
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