06.01.13

"Patriot"-Einsatz

Erste Fahrzeugkolonne unterwegs nach Travemünde

Bundeswehrsoldaten aus Sanitz haben damit begonnen, Ausrüstung für den Nato-Einsatz von Flugabwehrraketen in die Türkei zu verlegen.

Foto: dapd
Verlegung von "Patriot"-Systemen in die Tuerkei
Die erste Bundeswehr-Kolonne verlässt das Kasernengelände in Sanitz in Richtung Lübeck-Travemünde, wo die "Patriot"-Raketen am Dienstag verschifft werden soll

Sanitz/Travemünde. Die Bundeswehr hat am Sonntag mit der Verlegung von "Patriot"-Abwehrraketen in die Türkei begonnen. Eine erste Kolonne mit gut 20 Fahrzeugen habe am Morgen das Kasernengelände bei Sanitz östlich von Rostock verlassen und sei in Richtung Lübeck-Travemünde unterwegs, sagte ein Sprecher des Flugabwehrraketengeschwaders 2. Eine weitere Kolonne mit einer Feuereinheit machte sich von Warbelow im Landkreis Rostock aus auf den Weg.

Die "Patriot"-Raketen werden am Dienstag nach Angaben der Bundeswehr auf ein Schiff der dänischen Reederei DFDS verladen. Die "Suecia Seaways" wird nach Angaben der Bundeswehr voraussichtlich am 21. Januar den türkischen Hafen Iskenderun erreichen und insgesamt 300 Militärfahrzeuge und 130 Container an Bord haben. Die Einheit mit rund 170 Soldaten des Geschwaders soll Anfang Februar in der Türkei einsatzbereit sein.

Zum deutschen Kontingent gehören insgesamt bis zu 350 Soldaten, darunter auch 20 aus Husum in Schleswig-Holstein. Es wird von Oberst Marcus Ellermann, dem Kommodore des Flugabwehrraketengeschwaders 1 "Schleswig-Holstein", geleitet. Es soll gemeinsam mit Raketenabwehrspezialisten aus den USA und den Niederlanden den Nato-Partner Türkei vor Angriffen aus dem Bürgerkriegsland Syrien schützen.

Ein etwa 20 Mann starkes Vorauskommando soll am Dienstag von Eindhoven zusammen mit niederländischen Kameraden nach Incirlik in der Türkei fliegen, wie ein Sprecher der Luftwaffe am Sonntag sagte.

Das linksgerichtete Rostocker Friedensbündnis kritisierte die Entsendung der Abwehrraketen. "Der nächste Krieg wird vorbereitet", hieß es am Sonntag in einem offenen Brief.

"Patriot": Symbolische Hilfe für die Türkei

 Der Einsatz von "Patriot"-Raketen ist ein wichtiges Zeichen im Syrien-Konflikt. Türkisches Gebiet schützen können die deutschen Luftwaffensoldaten aber kaum. Denn der Bundeswehreinsatz findet auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Kahramanmaras gut 100 Kilometer im türkischen Hinterland statt. Angesichts der Bedrohungen und der Fähigkeiten, welche die deutschen und niederländischen Militärs nach Ost-Anatolien schicken, bleibt der Beitrag eher symbolisch.

Bei einer effektiven Kampfreichweite von maximal 45 Kilometern ist in Abfangen von Raketen oder Flugzeugen für die deutschen Soldaten erst lange nach Verletzung des türkischen Luftraums möglich. Auch die Radar-Systeme reichen vom Boden aus kaum bis an die Grenze heran. Die Hauptaufgabe wird damit den AWACS-Flugzeugen zur Luftraumüberwachungsflugzeugen zufallen.

 Die AWACS-Beteiligung ist vorsorglich Teil des neuen Mandats. Denn an Bord der im pfälzischen Spangdahlem startenden NATO-Flugzeuge sind auch deutsche Soldaten, und diese Flugzeuge tragen wesentlich zum Luftlagebild der Raketenstaffeln bei. Schließlich können sie – anders als die "Patriots" – tief in syrisches Gebiet blicken. Dies geschieht zum Teil aber auch schon jetzt im Rahmen der Mittelmeerflüge unter dem NATO-Mandat "Active Endevour", das erst Mitte der Woche durch das Parlament verlängert wurde.

Das Luftabwehrsystem "Patriot" gilt als eines der modernsten der Welt. Beim Einsatz gegen Kampfflugzeuge in mittleren und großen Höhen erzielen die Lenkflugkörper gute Abschussergebnisse. In den Golfkriegen mit dem Irak schossen amerikanische "Patriot"-Verbände auch die verhältnismäßig langsamen "Scud"-Mittelstreckenraketen von Saddam Hussein ab. Mit solchen Raketen hatte zuletzt auch das Assad-Regime vermutete Rebellenstellungen im Grenzgebiet beschossen.

 In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Dörfer entlang der Grenze Ziel von Granaten aus Mörsern oder Artilleriegeschützen. Diese erfolgreich abzufangen, ist mit einem Raketensystem eigentlich unmöglich. Die Artilleriegeschosse bewegen sich schnell, sie sind sehr klein und haben eine verhältnismäßig steile Flugbahn.

Für den Schutz gegen Artilleriebeschuss ist "Patriot" also nicht geeignet. Zwischen dem Granat-Abschuss und dem Auffassen durch die Radarsysteme liegen meist einige Sekunden, die gleiche Zeit verstreicht, bis das Lagebild am Radarschirm erkannt und ausgewertet wird. Bis eine Entscheidung getroffen wird, die Rakete zu starten, können noch einmal 20 bis 30 Sekunden verstreichen. Bei einem anfliegenden Flugzeug oder einer ballistischen Rakete mit gleichmäßiger Flugbahn reicht dies aus. In der gleichen Zeit aber sind Mörser oder Artilleriegranaten längst eingeschlagen.

 Zwar verfügt die Luftwaffe inzwischen mit dem hochmodernen Waffensystem "Mantis" über die Technik, auch diese Geschosse abzuwehren. Jedoch gibt es bislang nur fünf solcher Geschütztürme - also gerade mal genug für ein einziges Feldlager. Der Schutz der gut 900 Kilometer langen syrisch-türkischen Grenze ist mit dieser Waffe weder möglich noch bezahlbar.  (dapd)

(dpa)
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