Alter: Intelligente Technik für Zuhause
Telemedizin ermöglicht langes Verbleiben im eigenen Heim
Angesichts einer zunehmend alternden Gesellschaft sind neue Konzepte der Gesundheitsversorgung und Prävention gefragt. Technische Unterstützung wird...
Angesichts einer zunehmend alternden Gesellschaft sind neue Konzepte der Gesundheitsversorgung und Prävention gefragt. Technische Unterstützung wird wichtig. Die Wohnung wird zu einem Gesundheitsstandort.
Rund 380 Sozial- und Pflegedienste betreuen derzeit in Hamburg circa 63 000 kranke, behinderte oder pflegebedürftige Menschen zu Hause. Bei geringen Beeinträchtigungen können Hausnotrufgeräte die häusliche Situation und Sicherheit verbessern. Der Notrufsender wird um den Hals oder wie eine Armbanduhr getragen, eine Basisstation dient im Notfall als Gegensprechanlage zur Zentrale. Beim DRK-Hausnotruf kostet die Grundversorgung mit Sender und Basisstation 39 Euro monatlich, wovon die Kasse je nach Pflegestufe bis zu 18 Euro übernimmt. Zusätzlich zum Notrufknopf können Fallsensoren, eine "Aktivitätskontrolle" oder Bewegungsmelder installiert werden.
Laut Statistischem Bundesamt wird sich bis 2030 in Deutschland der Anteil der 60- bis 70-Jährigen um knapp 26 Prozent, der 80- bis 90-Jährigen um 58 Prozent erhöhen und der über 90-Jährigen mehr als verdoppeln. "Zugleich nimmt die Zahl der pflegenden Fachkräfte und Familienangehörigen ab, was Gesundheitssysteme und Pflegestrukturen vor enorme Herausforderungen stellt", sagt Viktor Grinewitschus, Leiter des Fraunhofer-inHaus-Zentrums in Duisburg. Es erforscht technische Systeme und neue Anwendungen für den Gesundheits- und Pflegebereich. Grinewitschus prognostiziert: Ambulante Systeme werden an Bedeutung gewinnen, auch weil die meisten Menschen möglichst lange in ihrer eigenen Wohnung bleiben wollen.
Schon heute gibt es intelligente Technologien, die Menschen mit einer Demenzerkrankung beim Verlassen der Wohnung warnen, wenn der Herd noch angeschaltet oder ein Fenster offen ist. "In Zukunft werden zudem mobile medizinische Diagnoseverfahren und elektronisch vernetzte Lösungen für Prävention, Pflege und Rehabilitation Patienten schützen und Pflegekräfte entlasten", sagt Carmen Gehring vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Dafür werde zunehmend der Begriff Ambient Assisted Living (AAL) verwendet. "AAL umfasst IT-basierte Assistenzsysteme zur Förderung der Selbstständigkeit im Alter. Mittels AAL-Technologien wird eine intelligente, unterstützende Umgebung gebildet, die der Gesundheitsvorsorge dient, Gefahren erkennt, Behandlung unterstützt und das unabhängige Leben in den eigenen vier Wänden verlängert", sagt Carmen Gehring. Deshalb werde von der Wohnung als drittem Gesundheitsstandort gesprochen.
Im Projekt "aal@home" entwickeln vorwiegend im Raum Lüneburg-Hamburg angesiedelte Institute, Firmen und Gesundheitsdienstleister ein Assistenzsystem, das die Unabhängigkeit allein lebender Senioren gewährleisten soll und Angehörige, Pflegedienst und Ärzte einbindet. "Innovative Ultrabreitband-Sensoren in Wänden oder Einrichtungsgegenständen sollen Vitaldaten messen oder Stürze erkennen", erklärt Ralph Welge von der Universität Lüneburg. Durch die Vernetzung mit Lichtschaltern und Haustechnik entstehe ein lernendes System, das Alltagsaktivitäten und Gesundheitsdaten interpretiere, schleichende Veränderungen erkenne und Angehörige auf einen Hilfebedarf oder Ärzte auf Gefahren hinweise. "Das Projekt schließt die Lücke zwischen Hausnotruf und Telemedizin", so der Forscher.
Das von Lübecker Firmen und Universitätsinstituten getragene Projekt "SmartAssist" entwickelt für allein lebende Senioren ein soziales und technisches Unterstützungssystem. "Zusätzlich zur Betreuung durch ehrenamtliche Paten sollen Sensoren die Nutzung von Haushaltsgeräten, Wasserhähnen oder Lichtschaltern erfassen, daraus Aktivitätsroutinen und gesundheitsrelevante Veränderungen erkennen", sagt Projektkoordinator Lutz Kleinfeldt vom Lübecker Wachunternehmen Dr. Kurt Kleinfeldt, das auch eine Hausnotrufzentrale betreibt.
Auch wenn der technikunterstützten Assistenz die Zukunft gehört, ist Ralf Lange, der für das DRK in Hamburg Hausnotruf-Kunden berät und betreut, skeptisch: "Zu viel Technik schreckt alte Menschen nur ab, die Geräte müssen möglichst einfach sein. Das mag sich aber für künftige Seniorengenerationen ändern."
Viktor Grinewitschus betont, dass Assistenzsysteme ihre Nutzer nicht als hilfsbedürftig stigmatisieren dürfen. Sie sollten weitgehend unsichtbar sein und sich auf die jeweilige Situation des Nutzers einstellen können. "Das ist wie bei der Einparkhilfe des Autos: Mal bin ich gut drauf und parke selbst ein, mal macht dies der Parkassistent für mich".



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