Baugemeinschaften: Hamburg ist Vorreiter dieser Wohnform
Gemeinsam planen und bauen
Aktuell suchen 90 Gruppen nach Grundstücken. Eine Agentur hilft bei der Suche und der Planung.
Leben, wie ich es mir wünsche. Bauen, wie es mir gefällt - für die meisten geht der Wunsch nach einem selbst gebauten Haus nicht in Erfüllung. Darum schließen sich immer mehr Menschen zu Baugemeinschaften zusammen: Ähnliche Interessen und Wünsche führen sie zusammen, gemeinsam baut es sich preiswerter als allein. Mit 60 bestehenden und weiteren 20 Baugemeinschaften, die derzeit in Planungs- oder Bauphase sind, ist Hamburg bundesweit Vorreiter dieser Form des Zusammenlebens geworden.
"Rund 90 Gemeinschaften sind derzeit aktiv auf der Suche nach Grundstücken, auf denen sie bauen können", sagt Angela Hansen von der Agentur für Baugemeinschaften. Die mit vier Beamten besetzte Einheit wurde 2003 eigens von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) gegründet, um den vielen Anfragen von Bauwilligen gerecht zu werden. Denn die Gruppen und deren Wünsche unterscheiden sich teilweise stark. "So kann es sein, dass etwa vier Familien mit kleinen Kindern kommen, die zusammen bauen und leben möchten", sagt die 50-Jährige. "Oft sind auch Einzelne da, die sich an bestehende Gemeinschaften anschließen möchten. Oder es kommen größere Gruppen mit einem besonderen Ziel."
Etwa die Klimaschutz-Siedlung in Klein-Borstel. 14 Haushalte hatten sich über den Verein "Autofreies Wohnen" kennengelernt und 2005 beschlossen, gemeinsam zu bauen. "Wir wollten nicht nur ohne Wagen, sondern auch ökologisch sinnvoll wohnen", sagt Gründungsmitglied Volker Kuhlmann. "Nachdem wir über die Agentur ein geeignetes Grundstück gefunden hatten, ging es an die Planung. Im September vergangenen Jahres begannen die Bauarbeiten. Alle Gebäude sind Passivhäuser, die kaum Energie benötigen." Zudem seien nur sechs Stellplätze für Autos gebaut worden. "Für die 30 Wohnungen auf dem 6000 Quadratmeter großen Gelände hätten wir normalerweise 24 Stellplätze bauen müssen. So haben wir mehr Platz zum Spielen für die Kinder", sagt Kuhlmann.
Vor allem Familien mit kleinen Kindern leben jetzt in der Siedlung. Sie alle haben sich vor dem Einzug verpflichtet, kein Auto zu besitzen. Wer dennoch eins braucht, hat Zugriff auf einen Pkw, den die Bewohner sich teilen. "Das klappt prima", sagt Kuhlmanns Lebensgefährtin Cornelia Hesse. "Überhaupt hat sich ein tolles Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Wir kennen uns durch die gemeinsame Planung und wussten, auf wen wir uns einlassen." Sie fände es angenehm, jeden zu kennen, der in ihrer Nähe wohne, sagt sie.
"Außer dem finanziellen Aspekt und dem Einfluss auf den Bau ist das Kollektiv ein wichtiger Aspekt für alle Baugemeinschaften", sagt BSU-Mitarbeiterin Hansen. Oft kämen Gruppen zu ihr, die begeistert wären von der gemeinsamen Idee. "Manchmal muss ich bremsen", sagt sie. "Die Grundstücke sind knapp. Die Stadt verkauft sie zum Verkehrswert, das ist oft nur einen Tick günstiger als auf dem freien Markt." Viele Anwärter würden zudem unterschätzen, wie viel Durchhaltevermögen eine Baugemeinschaft brauche. Abstimmung koste Zeit, man müsse vieles selbst machen. "Ohne Baubetreuer geht es nicht", sagt die Expertin. "Die haben die Erfahrung und wissen, wo die Fallstricke sind und wo es Hilfe gibt." Aufgabe der Agentur sei es, solche Betreuer zu vermitteln. Gemeinsam mit den interessierten Gruppen würde sie auch die Förderungsmöglichkeiten erörtern. "Die Stadt unterstützt beispielsweise Familien mit Kindern oder ältere Menschen. Die Höhe der Förderung richtet sich nach der Höhe des Einkommens", so Hansen. Auch ginge es darum, Menschen zu integrieren, die nur schwer Zugang zum normalen Wohnungsmarkt fänden. "Wir arbeiten mit sozialen Trägern zusammen. So fördern wir etwa Baugemeinschaften für Menschen mit Behinderungen oder Demenzkranke."
Doch auch ganz normale Vorhaben wie die Baugemeinschaft Atrium werden von der Agentur betreut. Bauleiter Matthias Groth gründete Atrium vor zwei Jahren aus ganz praktischen Gründen mit seinem Kompagnon Tino Kusserow: "Wir wollten selbstständig und preiswert bauen. Etwas, das zu unseren Bedürfnissen passt." Insgesamt zwölf Wohnungen sind auf dem 1700 Quadratmeter großen Grundstück in Eilbek geplant. Sechs sind jedoch noch frei: "Wir waren fast vollständig, doch einige sind wieder abgesprungen, weil sie doch nicht kaufen oder sich allein etwas suchen wollten", sagt der 51-Jährige. Dabei sei Atrium keine Baugemeinschaft mit besonderen Ideen.
"Bei uns ist jeder willkommen", sagt der Bauleiter. "Es sind Einzelpersonen wie Familien dabei. Am meisten freuen wir uns natürlich über Leute, die mitmachen wollen und die Lust haben, selbst Hand anzulegen." Die Wohnanlage sei so geplant, dass man in ihr alt werden könne, sprich: mit Fahrstuhl. Schließlich wolle er, wenn alles fertig sei, dort bleiben: "Wenn man so etwas macht, dann soll es auch für die Dauer sein", sagt Groth.



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