26.05.07

Schadstofffrei: In Ahrensburg entstand ein Domizil für Allergiker

Deutschlands gesündestes Haus

Die Suche nach wirklich unbelasteten Baustoffen war langwierig. Strenge Regeln für die Handwerker.

In dem allergikergerechten zweigeschossigen, nicht unterkellerten Haus in Ahrensburg wurde viel unbehandeltes Eichenholz verbaut. Die Wände wurden mit Rotkalkputz versehen. Eine Lüftungsanlage mit Filtern sorgt laufend für frische, reine Luft.

Jahrelang hatte Britta Merburg (Name geändert) starke Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, quälende Hautausschläge. Eine Odyssee hat die dreifache Mutter hinter sich. "Ich war bei gut 20 bis 25 Ärzten und Heilpraktikern. Keiner wusste mir zu helfen", sagt sie. Erst seit Kurzem weiß die 35-Jährige, dass sie an MCS, Multipler Chemischer Sensivität leidet. Das bedeutet, dass die zierliche Frau bereits auf kleinste Mengen von chemischen Stoffen reagiert.

Seit einigen Monaten geht es ihr und ihrer Familie - die drei Kinder leiden ebenfalls an Allergien - jedoch besser. Der Grund: Sie leben nun in einem Haus in Ahrensburg, das nachweislich über eine extrem saubere Raumluft verfügt. Angesichts der hervorragenden Messergebnisse wurde dem Haus am Mittwoch das Qualitätssiegel "Gutes Innenraumklima" verliehen. "In Europa haben wir noch nie so gute Raumluftwerte direkt nach Fertigstellung eines Hauses gemessen", sagte Reto Coutalides von der S-Cert, der Schweizer Zertifizierungsstelle.

Der Weg dorthin war jedoch lang, es dauerte mehr als zwei Jahre bis zu dieser Lösung, die eher auf einen Zufall zurückzuführen ist. Britta Merburg ging es nämlich auf einmal gut, als sie mehrere Wochen mit ihrer Familie in Spanien zeltete. Kaum, dass sie wieder zu Hause war, verschlechterte sich ihr Befinden schlagartig. Bald war klar: Es sind die vielen Schadstoffe und Lösungsmittel im eigenen Haus und in den Wohnräumen der Freunde, die ihr den Alltag zur Qual machten.

Ein Artikel im Abendblatt führte die junge Familie zu dem Hamburger Architekten Niels Nolte, der zu diesem Zeitpunkt mit seiner Firma "Neue Baukultur" Häuser im Rahmen der Solarbauausstellung in Wilhelmsburg errichtete. Nolte hatte bereits Erfahrung mit dem Bau von ökologischen Holzhäusern. Allerdings wurde schnell klar: Die reichte nicht aus, um Britta Merburg zu helfen.

Gemeinsam ging man auf die Suche nach erfahrenen Partnern. Bald stieß man auf die beiden Experten für gesundes Wohnen, Peter Bachmann und Josef Spritzendorfer. Die beiden waren gerade auf der Suche nach Baupartnern, mit denen sie ihr Konzept für ein Sentinel-Haus, unterstützt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), umsetzen konnten. Peter Bachmann: "Wir wollen zeigen, dass man durch die gezielte Wahl unbedenklicher Baustoffe, durch das Anleiten der am Bau beteiligten Handwerker und eine ausgeklügelte Bauweise Häuser erstellen kann, die sich konsequent an den Gesundheitsbedürfnissen der Bewohner ausrichten."

Für Britta Merburg bedeutete dies, dass man dort, wo man unsicher war, ob ein Baustoff auch hält, was er verspricht, den Werkstoff schon mal für ein, zwei Nächte unter ihr Bett legte. Stellten sich am nächsten Morgen wieder Juckreiz und Kopfschmerzen ein, wurde das Material verworfen und man ging auf die Suche nach einem neuen Baustoff.

Das Resultat war unter anderem: Fenster und Böden aus unbehandeltem Eichenholz, Rotkalkputz an den Wänden, der die Fähigkeit besitzt, große Mengen überschüssigen Wasserdampfs aus der Luft aufzunehmen und eine kontrollierte Be- und Entlüftung mit integriertem Filter gegen Staub und Milben.

Der Aufwand hat sich gelohnt: Das Haus unterschreitet alle Vorgaben, die von der ohnehin strengen schweizerischen Zertifizierungsstelle C-Cert vorgesehen sind. Was aber noch wichtiger ist: Es wurden im Haus keinerlei Schimmelsporen gefunden. "Das ist für mich als Umweltmediziner am beeindruckendsten. Denn Schimmel gehört mit Abstand zu den allerhäufigsten Gründen für Allergien", sagt Umweltmediziner Frank Bartram, der das Projekt in Ahrensburg begleitete. Der höhere Kostenaufwand für dieses Haus von etwa fünf bis zehn Prozent gegenüber konventionell gebauten Häusern sei angesichts der Ergebnisse gerechtfertigt, sagt Peter Bachmann.

Britta Merburg und ihre Familie haben die Investition jedenfalls nicht bereut: "Wir führen seit einigen Monaten ein vollkommen neues Leben ohne die früheren Krankheitsbeschwerden." Peter Bachmann und Josef Spritzendorfer hat dieses und ein weiteres Projekt in Freiburg ermuntert, noch in diesem Monat das Sentinentel-Haus-Institut zu gründen. Ihr Ziel ist es, Standards für gesundes und allergikergerechtes Bauen zu entwickeln und dieses Wissen an Baufirmen und Bauherren weiterzugeben. "Denn das allergikergerechte Haus, wie es manche Hersteller vollmundig versprechen, gibt es nicht", sagen sie. "Es ist immer der Mensch und sein konkretes Krankheitsbild, das die Maßstäbe für die Auswahl der Baustoffe und die Bauweise setzt."

  • Am 3. Juni können sich Interessierte selbst einen Eindruck von dem Haus in Ahrensburg machen. Die Experten sind vor Ort, um Fragen zu beantworten. Voraussetzung ist eine telefonische Anmeldung unter Tel. 0761/150 44 13 oder unter Tel. 040/86 69 35 30. Mehr Informationen unter: www.sentinel-haus.eu

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