12.05.12

Fantasiemöbel

Tische aus der Hightech-Werkstatt

Die Arbeit mit digitalen Programmen bringt erstaunliche Fantasiemöbel hervor. Inspiriert von Stilen des 17. und 18. Jahrhunderts.

Foto: dpa-tmn/DPA
Mehr Kunstwerk als Möbelstück - Designer erfinden den Tisch neu
Der Tisch Cinderella Table wirkt von vorne wie eine massive Kommode, von hinten aber ist er hohl. Die Seiten zeigen die Umrisse eines Tisches (rechts) und einer Kommode (links)

In den vergangen Jahren wurde entspannt auf der Couch gelümmelt. Drei Strömungen rücken nun den Tisch in den Fokus. Zum Ersten ist da der Spaß am Kochen: Wenn das Essen schon mit viel Leidenschaft zubereitet wird, sollen die Gäste auch an einem schönen Tisch speisen können. Zum Zweiten kommen neue Materialien zum Einsatz: Sie machen andere Konstruktionen möglich. Und zum Dritten ist da die Sammelleidenschaft von Designliebhabern, die ihr Augenmerk von Stühlen und Liegen nun auf Tische richten.

"An ihnen verbringt man intensive Zeit des Nachdenkens oder versammelt Familie und Freunde zum gemeinsamen Speisen", sagt Birgit Gebhard vom Trendbüro Hamburg. "Damit erhält das Möbel einen symbolischen, einen sinnstiftenden Wert."

Für Tische namhafter Designer müssen Kunden dabei einiges investieren: Sie kosten schon mal fünf- bis sechsstellige Summen. Dafür sind solche Tische oft echte Hingucker. Das gilt etwa für die Entwürfe aus dem Haus der Firma Established & Sons. Die Briten vereinen in ihren Objekten ein bisschen Kunst, eine große Dosis Design und eine Prise Mode.

+++Möbelkäufer bevorzugen Naturmaterialienaus Holz, Leder und Fell+++

Als sich das Unternehmen 2005 auf der Mailänder Möbelmesse präsentierte, gab es kurzfristig Probleme: Der fast vier Meter lange Aqua Table passte nicht durch die Tür der Ausstellungsräume. Wie konnte also die Präsentation trotzdem durchgeführt werden? Kurzerhand organisierte die Crew einen Kran, ließ das Metalldach aufsägen, den Tisch ins Innere der ehemaligen Sporthalle hieven und das Dach flicken. Der Tisch, oder besser die Raumskulptur - ein Entwurf der Stararchitektin Zaha Hadid - scheint aber jegliche Masse zu leugnen: Er ist elegant geschwungen und wirkt nahezu schwerelos.

Eine ähnliche Faszination löst der Surface Table von Terence Woodgate und Formel-1-Ingenieur John Barnard aus, der ebenfalls für Established & Sons kreiert wurde. Die beiden Männer entwarfen in kühner Kombination von aktueller Rennwagen- und Flugzeugtechnik ein hauchdünnes Etwas aus Carbonfasern: Die Platte des Tisches hat bei einer Länge von drei Metern gerade einmal eine Stärke von zwei Millimetern - fünfmal weniger als jedes annähernd vergleichbare Objekt.

+++Möbel "to go" für ein mobiles Leben+++

Ein weiteres Beispiel kommt aus Holland: "Wir lieben das Alte, aber wir wollen etwas Neues und dabei auch scheinbar unmögliche Wege einschlagen", sagt Jeroen Verhoeven, einer von drei Designern des Trios Demakersvan aus Rotterdam. Ein Beispiel: der Cinderella Tableist ein Realität gewordenes Fantasiemöbel. Es ist eine Neuinterpretation alter Stücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert, in der sich Tisch und Kommode verbinden. Von vorne wirkt das Möbel kompakt, auf der Rückseite zeigt es sich als hohles Gebilde. Angeboten wird der Tisch aus Holz oder aus 200 Kilogramm schweren Stücken aus Carrara-Marmor. Einen hat Schauspieler Brad Pitt gekauft, eine anderer steht im Victoria & Albert Museum in London.

Ohne digitale Programme und eine computergesteuerte Fräse wäre die Fertigung dieses Tisches nicht möglich. "Es geht darum, etwas Einzigartiges mit einer Maschine zu schaffen, die sonst für die Massenproduktion eingesetzt wird", sagt Designer Jeroen Verhoeven.

Um einzigartige und auserlesene Stücke geht es auch der Firma e15 aus Oberursel in ihrer Kollektion Selected, vorgestellt auf der Internationalen Möbelmesse IMM Cologne in Köln im Januar. "Trunk" beispielsweise ist ein circa vier Meter langer Tisch, bestehend aus vier versetzt zusammengelegten Nussbaum-Planken. "Wir können zeigen, wo dieser Baum im baden-württembergischen Creglingen gestanden hat", sagt Susanne Günther von der Firma e15. Der Architekt Philipp Mainzer hat das Material so belassen, dass die Tischkanten den rohen, nur gebürsteten Rand des Stammes zeigen. Die Tischplatte liegt wie schwebend auf Stahlbeinen.

Die Qual der Wahl überlässt die italienische Möbelmarke Minotti ihren Kunden beim Kauf des Esstisches Claydon: Für den Tisch von Rodolfo Dordoni mit mittigem Sockel kann eine Platte aus Marmor, mokkafarbener Esche oder eine MDF-Platte in Hochglanz gewählt werden. Dadurch dürfte dieses Modell auch für Nicht-Sammler interessant sein.

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