Wohnen im Denkmal
Ein wahrer Schatz im Südosten Hamburgs
In der Vierländer Großkate sehen alle Räume so aus wie vor 300 Jahren. Gisela und Torsten Wirsching wohnen in dem Schmuckstück von 1700.
Direkt am Kirchwerder Elbdeich liegt die um 1700 erbaute Großkate mit den dekorativen Ziegelausfachungem
Foto: Chan Sidki Lundius
"Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um unseren Wunsch nach einem Leben in einem alten Bauernhaus auf dem Land wahr zu machen", entschieden Gisela und Torsten Wirsching, als sich 1976 ihre zweite Tochter ankündigte. Nach langem Suchen entdeckten sie in den Vier- und Marschlanden, Deutschlands größtem Gemüse- und Blumenanbaugebiet im Südosten Hamburgs, eine um 1700 erbaute Vierländer Großkate, die zum Verkauf stand. Das direkt am Kirchwerder Elbdeich gelegene Bauernhaus war in einem desolaten Zustand: Es verfügte weder über sanitäre Einrichtungen noch über eine Abwasserversorgung oder Heizungsanlage. Das Außenmauerwerk fiel aus den Gefachen, das Krüppelwalmdach mit Reet, das Mauer- und Fachwerk waren ziemlich marode und sämtliche Schwellen durchgefault. "Doch das ließ uns unbeeindruckt, zumal die Zweiständerkonstruktion des Gebäudes in einem guten Zustand war", erinnert sich Torsten Wirsching. Der Apotheker und die Lehrerin griffen zu und unterschrieben den Kaufvertrag, der Charme des 13 Meter breiten und 20 Meter langen Reetdachhauses und das dazugehörige, 6000 Quadratmeter große, lang gestreckte Grundstück in direkter Elbnähe hatten es ihnen angetan: Es war quasi Liebe auf den ersten Blick!
Voller Tatendrang und mit Unterstützung des Denkmalschutzamtes, das das Haus auf Antrag 1982 unter Denkmalschutz stellte, nahmen die Wirschings die Renovierung in Angriff. Dabei ging es ihnen in erster Linie darum, die alte Substanz, Struktur und Schönheit der Kate zu erhalten, sie bautechnisch jedoch auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Denn auf die Annehmlichkeiten modernen Wohnkomforts wollte die Familie natürlich nicht verzichten. "Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutzamt war sehr ergiebig. Die Spezialisten dort haben uns fachlich und in finanzieller Hinsicht gut beraten. So konnten sie zum Beispiel wertvolle Bezugsquellen für spezielle Baustoffe nennen", berichtet der Hausherr.
Baulich wurde in dem Haus nicht viel verändert. Die ursprüngliche Raumaufteilung mit großer Diele, Flett (Wohnküche mit offenem Feuer in der Diele) und Kammerfach - das ist die an die Diele angrenzende Zimmerreihe - ist weitgehend erhalten geblieben. Kompromisse sind die Wirschings allerdings bei der Ausnutzung des Tageslichts eingegangen. So wurde die "Grotdör" in der Hinterdiele verglast.
Fast alle Räume sehen heute so aus wie vor 300 Jahren, auch wenn sie jetzt anders genutzt werden. Mittelpunkt des Hauses ist wie in früheren Zeiten das Flett. Es ist Eingangshalle, Wirtschaftsraum, Küche, Wohn- und Essbereich in einem. Für Wärme sorgt unter anderem eine Fußbodenheizung unter den neu verlegten Klinkern. Der alte Herd wurde zu einem Kamin umgebaut. Das heimelige Knistern des Feuers kann gerade jetzt zum Jahreswechsel einen kalten, grauen Wintertag schnell vergessen machen.
Imposant sind die Balken und die Decke in der Diele, die durch den abziehenden Rauch aus den ehemals offenen Herden nach wie vor rußgeschwärzt sind. "Wenn man in einem Denkmal lebt, sollte man eine gewisse romantische Ader haben und in Kauf nehmen, dass es in einem alten Haus eher dunkel ist", sagt Gisela Wirsching. Sie hat schon viel Zeit damit verbracht, auf Trödelmärkten und bei Antiquitätenhändlern nach Möbeln und Accessoires Ausschau zu halten. Die Stücke, von denen die meisten auch in ein Heimatmuseum passen würden, finden sich heute in allen Räumen der Kate wieder: seien es die Küchenutensilien, Schränke, Lampen oder Uhren. Besonders schön sind der gemütlich hergerichtete Alkoven, der Vierländer Kachelofen oder die nach alten Vorbildern gestalteten Intarsienwände in der kleinen Stube im vorderen Bereich des Hauses.
Gisela und Torsten Wirsching haben den Umzug mit den Kindern aufs Land niemals bereut. Es sei enorm viel Arbeit, die alte Kate in Ordnung zu halten, betonen sie. Doch die Lebensqualität, die ihnen das wunderschöne Haus bietet, möchten sie nicht missen. "Wir fühlen uns hier sehr wohl, das Haus ist uns ans Herz gewachsen", sagt Gisela Wirsching.




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