Wohnraum
Planen im Konsens mit den Nachbarn
Auch wenn Wohnungen fehlen: Manche Projektentwicklung ist nicht einfach. Anwohner wollen mitreden.
Kurzerhand aufgestockt wurde die Wohnanlage Eckerkoppel in Farmsen. Der Bauvorbescheid genehmigt so 45 zusätzliche Wohnungen.
Foto: Architekturbüro Wessling + Walkenhorst
Wohnraum ist in Hamburg derzeit ein hohes Gut. Studenten finden ebenso wenig wie junge Familien bezahlbare Zimmer oder Flächen und müssen zudem erleben, oft abgewiesen zu werden. In den innenstadtnahen Stadtteilen wie Winterhude, St. Georg oder Eppendorf bewegt sich kaum etwas - und wenn, dann nur im hochpreisigen Segment. Und trotzdem tut sich was auf dem Wohnungsmarkt. Dort, wo es möglich ist, ziehen Politik und Behörden an einem Strang, um Hürden zu meistern.
Beispiel Farmsen: Hier sah der ursprüngliche Bebauungsplan auf einem Grundstück an der Eckerkoppel nur eine zweigeschossige Bebauung vor. "Wir haben jedoch einen Antrag beim Bauprüfausschuss für eine viergeschossige Bebauung gestellt, und dieser wurde nun genehmigt", sagt Bernd Wessling vom Architekturbüro Wessling + Walkenhorst, das den Neubau entwarf.
Mit diesem positiven Bauvorbescheid sei es nun möglich, zusammen mit dem Bauherrn, der Wohnungsgenossenschaft von 1904, an diesem Standort 45 zusätzliche Wohneinheiten zu erstellen. Geplant sind Zwei- bis Fünfzimmerwohnungen, die Größen variieren zwischen 60 und 140 Quadratmeter. Sie sollen zu den üblichen Mieten der Wohnungsgenossenschaft, also zwischen sieben und zehn Euro pro Quadratmeter, angeboten werden. Baubeginn ist im kommenden Jahr.
Aber nicht immer läuft es so glatt. Und die Gründe für manch zögerliche Neubauentwicklung sind nicht nur auf Seiten der Behörden und ihren Auflagen zu finden. So hat sich zum Beispiel wegen der geplanten Bebauung eines stadteigenen Sportplatzes in Marienthal eine große Bürgerinitiative gebildet, die sich gegen die Bebauung mit überwiegend geplanten Einfamilienhäusern wendet. "An solchen Beispielen zeigt sich deutlich, dass für manche Nachverdichtung im Wohnungsbau der gesellschaftliche Konsens fehlt", sagt Hans Joachim Rösner, Geschäftsführender Gesellschafter der Stadtentwicklungsgesellschaft (steg) Hamburg. Rösner, der im Fall Marienthal mit seinem Unternehmen als Mediator zwischen Stadt und Nachbarschaft agiert, beobachtet eine deutliche Zunahme derartiger Fälle und einen gewissen Egoismus der Nachbarn gegen manche Neubauplanungen im Stadtgebiet.
Julia Dettmer, Projektleiterin bei der steg, bekräftigt, dass man im Fall Marienthal daran interessiert sei, einen Interessenausgleich zwischen den Bürgern, dem Investor und der Stadt hinsichtlich der zukünftigen Bebauung herzustellen. "Wir wollen Kompromisse erzielen über die Bauformen, also ob Einzelhäuser, Doppelhäuser oder die klassische Kaffeemühle mit mehreren Wohnungen realisiert werden."
Aber nicht nur Eigenheimbesitzer gehen auf die Straße, wenn sie sich durch unmittelbare Neubauten benachteiligt fühlen, auch Mieter in umliegenden Wohnungen organisieren sich, wenn sie eine Beschneidung ihrer Wohn-Gewohnheiten befürchten.
So geschehen zum Beispiel bei der Wulffschen Siedlung in Langenhorn, deren Modernisierung und Erweiterung am 4. November durch eine Bürgerinitiative gekippt wurde. "Bürger soll man natürlich nach den demokratischen Regeln hören", sagt Siegmund Chychla, Leiter der Rechtsabteilung des Mietervereins zu Hamburg. Trotzdem sieht der Mietrechtsexperte diese Entwicklung mit Sorge. Denn schon jetzt würden in Hamburg an die 400 000 Senioren leben, in etwa 40 Jahren könnte sich diese Zahl auf 700 000 erhöhen. Und viele, so Chychla, würden dann sicher auch seniorengerechten Wohnraum benötigen. In der überwiegenden Zahl heute schon geplanter Neubauprojekte würde dieser Umstand berücksichtigt. Wenn diese aber nicht realisiert werden könnten, würde entsprechender Wohnraum fehlen. Zahlen des Statistikamtes Nord beweisen dies. So wurden im vergangenen Jahr in Hamburg nur 3520 neue Wohnungen gebaut - 1,9 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Bei den Baugenehmigungen wurde ein Rückgang um 1,4 Prozent auf 4129 neue Wohnungen verzeichnet.
Gut verlief es dagegen bei einem Bauprojekt am Winterhuder Marktplatz, wo ab Sommer 2012 in Form von Stadthäusern und Mehrfamilienhäusern 114 Eigentums- und Mietwohnungen entstehen. Schon vor Beginn des Bebauungsplanverfahrens wurde ein Architektenwettbewerb unter Beteiligung der Bezirksverwaltung und -politik durchgeführt. "Wir haben dadurch eine Bebauungsstruktur gefunden, die bereits nachbarliche und bezirkliche Interessen berücksichtigt", sagt Andreas Seithe, Geschäftsführer der Wulff Hanseatische Bauträger GmbH. Im Zuge des neuen Bebauungsplans sei man sehr daran interessiert gewesen, Fragen von Nachbarn, die im Verlauf des Verfahrens auftraten, zu beantworten.
"Die meisten Punkte waren allerdings eher Verständnisfragen, die im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen und durch Beteiligungsprozesse im Verfahren erörtert werden konnten", sagt Seithe.




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