Baugemeinschaften: Pilotprojekt in Ottensen

Vieles soll bald schneller gehen

Foto: Huke-Schubert Berge Architekte

In der Arnoldstraße wird ein neuer Weg beschritten: Profis bereiten alles bis zur Planungsreife vor, Bewohner kommen erst dann ins Spiel.

Hamburg. "Früher haben sich Leute aus einer Protesthaltung heraus zu Baugemeinschaften zusammengefunden und ein altes Gebäude für ihre Zwecke umgebaut. Das ist heute anders." Reiner Schendel, Geschäftsträger der Stadtentwicklungsgesellschaft Stattbau Hamburg ( www.stattbau-hamburg.de ) hat Erfahrung bei der Betreuung von Baugemeinschaften. "Die Gruppen und ihre Ansprüche sind im Laufe der Jahre bürgerlicher geworden." Es gebe mittlerweile Baugemeinschaften, die sich aus Gutverdienern rekrutierten.

Meist seien es jedoch junge Familien mit Kindern, die sich ihre neue Wohnung in einer Baugemeinschaft nach ihren eigenen Vorstellungen und zu vertretbaren Kosten bauen wollten. "Die zweite große Gruppe, die zu unseren Treffen, jeden ersten Freitag im Monat um 14 Uhr, kommt, sind ältere Frauen, die Anschluss an eine Baugemeinschaft suchen."

Obwohl viele Baugemeinschaften in der Anfangsphase aus kleinen Kerngruppen bestehen, die weitere Mitglieder suchen, stehen die Chancen der Älteren meistens nicht gut. "Natürlich ist es sinnvoll, generationenübergreifende Gruppen zu bilden", sagt Schendel. "Aber dennoch ist es nicht immer einfach, Gruppen mit älteren Interessenten zu verstärken."

Ein Problem, das viele Baugemeinschaften in der Gründungsphase unterschätzen, ist der Faktor Zeit. Wer sich in einer bestimmten Lebensphase entschließt, in eine Baugemeinschaft zu ziehen, will diesen Traum in einem kurzen, überschaubaren Zeitabschnitt verwirklichen. "Ich habe schon Extremfälle erlebt, wo es sieben Jahre gedauert hat, bis das Haus stand", erinnert sich Schendel. Da seien die Kinder, die in der ersten Planungsphase im Mittelpunkt der Überlegungen gestanden hätten, gar nicht mehr mit eingezogen. Außerdem würden bei einer zu langen Planungszeit immer wieder Mitglieder abspringen, die dann mühsam durch neue ersetzt werden müssten.

Zeit kostet vor allem die Suche nach einem geeigneten Grundstück. Hier ist Flexibilität von Vorteil. Wer nur in bestimmten Wohnlagen bauen will, legt sich unnötige Fesseln an. Am Stadtrand komme man leichter zum Zug, weiß Schendel. "Die Stadt Hamburg unterstützt Baugemeinschaften, indem sie Liegenschaftsgrundstücke zur Verfügung stellt. Diese werden häufig ein Jahr lang anhand gegeben. In dieser Zeit muss ein Entwicklungskonzept stehen."

Da nicht alle Baugemeinschaften die finanziellen Möglichkeiten haben, das Projekt im Eigentum zu entwickeln, kooperieren immer mehr mit traditionellen Baugenossenschaften. So hat die Baugenossenschaft der Buchdrucker in Ohlsdorf 32 Wohnungen für die Baugemeinschaft Gofi gebaut. "Eigentlich besteht Gofi aus zwei Baugemeinschaften", sagt Frank Seeger vom Vorstand der Baugenossenschaft. "In einem Haus wohnen nur Frauen, in den beiden anderen Familien mit Kindern."

Alle sind Mitglieder und Mieter der Genossenschaft geworden, der die Wohnungen gehören. "Sie haben die Gestaltung der Wohnungen weitestgehend nach ihren Vorstellungen mitbestimmen können", sagt Seeger. Dennoch sei der gesamte Bau ganz knapp kalkuliert worden. "Das sind wir schon unseren Altmitgliedern schuldig." Frank Seeger kann sich gut vorstellen, noch einmal für Baugemeinschaften zu bauen, würde sich dann aber ausbedingen, dass auch interessierte Genossenschaftsmitglieder im stärkeren Maße daran teilnehmen können.

Eine Baugemeinschaft für seine Mitglieder hat auch der Altonaer Spar- und Bauverein organisiert. Ausgangspunkt waren Überlegungen, wie man die lange Planungsphase verkürzen könne. Das Projekt der Buchdrucker-Baugenossenschaft hat vier Jahre gedauert, bis es im März dieses Jahres bezogen werden konnte.

"Wenn man junge Familien, die zu günstigen Konditionen in den eigenen vier Wänden wohnen wollen, in der Stadt halten will, muss man ihnen einen überschaubaren Planungszeitraum garantieren", sagt die Architektin Beata Huke-Schubert. Sie hat aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Baugemeinschaften ein Konzept entwickelt, das derzeit in einem Pilotprojekt in der Arnoldstraße in Ottensen umgesetzt wird. "Unsere Idee ist, dass wir als professioneller Bauentwickler alles bis zur Genehmigungsreife vorbereiten und die Baugemeinschaften erst dann einsteigen, wenn es einen gesicherten Planungsstand gibt." Dieses Konzept hat den vorigen Senat überzeugt, der das Grundstück an der Arnoldstraße unter der Maßgabe verkaufte, dass dort Eigentumswohnungen gebaut würden.

Nachdem das Architekturbüro Huke-Schubert das aus drei Baukörpern bestehende Projekt mit 32 Wohnungen entwickelt hatte und der Altonaer Spar- und Bauverein für die Baubetreuung gewonnen worden war, wurden unter den Mitgliedern der Baugenossenschaft, aber auch über diesen Kreis hinaus, Interessenten für eine Baugemeinschaft gesucht. Gut 100 Bauwillige fanden sich bei den ersten Treffen ein, aus denen sich dann die Baugemeinschaft herausbildete. Diese fungierte fortan als Bauherrin. "Die Mitglieder konnten sich bei den regelmäßigen Planungstreffen darauf konzentrieren, wie ihre Wohnungen gestaltet werde sollten und wie der finanzielle Rahmen gesteckt werden sollte", erklärt Huke-Schubert. Lediglich die Wohnungsgrößen waren vorgegeben.

Ob man einen offenen Grundriss oder mehrere Zimmer wollte, eine kleinere Küche oder ein größeres Bad, lag in der Entscheidung der Bauherren. Eine nach traditionellem Muster gebildete Baugemeinschaft hätte sich im Vorfeld noch mit vielen Problemen herumschlagen müssen, die die Projektentwickler und die Baubetreuer ihnen abgenommen hatten. Dazu Beata Huke-Schubert: "Wir hatten das Grundstück ohne Planungsrecht bekommen. Wir mussten das Baurecht umsetzen und, was sich als äußerst schwierig erwies, eine Abrissgenehmigung für den Hochbunker bekommen, der auf dem Grundstück stand."

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