Biologische Vielfalt: Im Mai tagt Konferenz der UN-Konvention in Bonn
Weltgipfel des Naturschutzes
Etwa 5000 Teilnehmer werden am Rhein über den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt debattieren. Ein Schwerpunkt: der Schutz von Lebensräumen sowie von Tier- und Pflanzenarten.
Sie leben in klirrender Kälte oder in brennend heißem Wüstenklima, auf 4000 Meter hohen Berggipfeln, in 4000 Meter Meerestiefe - kaum ein Winkel der Erde ist nicht von irgendwelchen, oft bizarren Organismen bewohnt. Das Geheimnis dieses Siedlungserfolges heißt biologische Vielfalt: Das Spektrum an Tier- und Pflanzenarten reicht von Allerweltsvertretern bis zu Spezialisten fürs Extreme. Die genetische Vielfalt lässt dieselbe Art unter verschiedenen Bedingungen gedeihen. Und die Vielfalt der Lebensräume bildet die Basis dieses Reichtums an Lebensformen. Im Mai dieses Jahres treffen sich Vertreter von 190 Staaten in Bonn, um diesen grünen Schatz besser als bisher zu schützen.
Der Weltnaturschutzgipfel ist die neunte Vertragsstaaten-Konferenz der UN-Konvention zum Erhalt der biologischen Vielfalt (engl. CBD), die 1992 beim Erdgipfel von Rio beschlossen worden war. Das Abkommen verfolgt drei Ziele: den Schutz von Lebensräumen, Arten und genetischer Vielfalt, die nachhaltige Nutzung der Natur und die faire Verteilung des Gewinns aus der Verwertung genetischer Ressourcen. Ihr derzeit wichtigstes Anliegen verträgt keinen Aufschub: Die Vertragsstaaten hatten 2002 beschlossen, den rasanten Schwund der biologischen Vielfalt bis 2010 deutlich zu bremsen. Bislang ohne Erfolg- die Verlustrate ist höher denn je.
Nach der Statistik der Weltnaturschutzunion IUCN stehen mehr als 16 000 von gut 41 000 bewerteten Tier- und Pflanzenarten auf der Roten Liste, Tendenz steigend. Ein Fünftel aller wissenschaftlich beschriebenen Säugetiere (5416) gilt als bedroht: 582 Arten stuften die Naturschutzexperten als gefährdet ein, 349 als bedroht, 163 als stark bedroht. In diese höchste Gefährdungsstufe fallen zudem 189 Vogel-, 441 Amphibien- und 1569 Pflanzenarten. Sie alle befinden sich am Rande des Aussterbens.
Bei den Fischen steht etwa ein Drittel der gut 3100 untersuchten Spezies auf der Roten Liste. Zudem bedroht die Übernutzung vieler Bestände die Vielfalt innerhalb der Arten. So ist die Biomasse von großen Speisefischen wie Thunfisch, Kabeljau, Seebarsch und Schwertfisch im Nordatlantik in den vergangenen 50 Jahren um zwei Drittel gesunken, heißt es in einem CBD-Arbeitspapier.
Nicht besser ist das Bild bei den Lebensräumen: Jährlich werden geschätzte sechs Millionen Hektar Urwälder vernichtet, so das UN-Umweltprogramm Unep. In der Karibik sank die Korallenbedeckung von 50 Prozent um 1970 auf jetzt zehn Prozent. Und in den jüngsten zwei Jahrzehnten wurde mehr als ein Drittel aller Mangrovenwälder vernichtet. Zudem werden intakte Naturräume zerstückelt. So flossen nur zwölf Prozent von 292 untersuchten großen Flusssystemen völlig frei, also ohne Aufstauungen durch Dämme.
Als wichtigste Ursache für Naturverluste nennt das CBD-Papier die Landnutzung. Dies werde sich in den nächsten Jahrzehnten nicht ändern, so die Experten. Aber auch die Nährstoff-Überlastung von Böden und Gewässern sowie die Übernutzung von Naturressourcen spielen heute und in Zukunft eine Schlüsselrolle.
Bei keinem dieser Einflüsse sei ein abnehmender Trend erkennbar, ebenso wenig bei zwei weiteren Belastungsfaktoren, dem Klimawandel und dem Einschleppen von gebietsfremden Arten (etwa durch Ballastwasser von Schiffen). "Diese Erkenntnis lassen keinen Raum für Selbstzufriedenheit. Aber ebenso wenig heißt dies, dass es keine Fortschritte geben kann in Richtung der Biodiversitäts-Ziele für 2010", heißt es in dem Papier.
Wie solche Fortschritte aussehen könnten, zeigt die "Strategie zur biologischen Vielfalt" vom Gastgeberland Deutschland. Sie soll dazu führen, dass sich der Anteil der stark gefährdeten Arten in Deutschland bis 2010 verringert und ein Großteil aller Rote-Liste-Arten bis 2020 sich um mindestens eine Gefährdungsstufe erholt hat. Durch Wiedervernässung von Mooren soll deren Speicherkapazität von Kohlendioxid bis 2020 um zehn Prozent erhöht werden. Und 25 Prozent der nach Deutschland importierten Naturstoffe und -produkte sollen dann aus nachhaltiger Nutzung stammen.
"Die deutsche Strategie ist im weltweiten Vergleich die bei weitem anspruchvollste", sagte Umweltminister Sigmar Gabriel bei der Präsentation im November selbstsicher. Der Gastgeber Deutschland müsse in Bonn mit gutem Beispiel voranschreiten. Etwa 5000 Teilnehmer werden vom 19. bis 30. Mai am Rhein erwartet.
"Wir brauchen noch nie dagewesene zusätzliche Anstrengungen, um unser 2010-Ziel für die biologische Vielfalt auf nationaler, regionaler und globaler Ebene zu erreichen", stellten die Staatsvertreter bereits auf dem vorangegangenen CBD-Gipfel im März 2006 im brasilianischen Curitiba fest. In Bonn haben sie die letzte Chance vor 2010, bei der sich weiter beschleunigenden Ausrottung von Natur die Notbremse zu ziehen.
Informationen im Internet:
www.biologische-vielfalt.de
www,cbd.int (englisch)




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