Die Schatzinsel der Natur
Madagaskar: Bestandsaufnahme der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt. Internationale Wissenschaftler- Gruppen erforschen die bedrohten Waldreste auf der Insel vor Afrika und entdecken dabei regelmäßig bislang unbekannte Arten.
Eine Gruppe von Biologen untersucht ein 5000 Quadratkilometer großes Areal an der Westküste Madagaskars. Sie kartiert Gebiete mit besonders artenreicher Flora und Fauna, die später ein Schutzgebiet bilden sollen. Dabei entdeckt sie, quasi nebenbei, zwei neue Tierarten.
Dieses Beispiel aus dem Jahr 2004 spiegelt die Situation der viertgrößten Insel der Welt wider: Madagaskar gehört zu Regionen der Erde, in denen die biologische Vielfalt am größten ist. Und sie ist dabei, diesen noch gar nicht vollständig erschlossenen Reichtum durch Waldzerstörung zu verlieren. Internationale Forscherteams arbeiten fieberhaft daran, die Naturschätze zu entdecken und zu orten, um sie wirksam schützen zu können. Zu ihnen gehört Professor Jörg Ganzhorn vom Biozentrum Grindel der Universität Hamburg.
Die Flora und Fauna der östlich von Afrika gelegenen Insel ist nicht nur artenreich, sie ist auch einzigartig. Fast alle Tiere und Pflanzen sind endemisch, das heißt sie kommen weltweit nur hier vor. Denn die Insel trennte sich vor 160 Millionen Jahren von Afrika und vor 90 Millionen Jahren vom nach Norden driftenden Indien. Seitdem hat sich die Tier- und Pflanzenwelt isoliert entwickelt, ausgehend von einzelnen Einwanderern, die Meeresströmungen an madagassische Gestade spülten.
Ähnlich wie auf den Galapagosinseln läßt sich auf Madagaskar Evolution studieren. Während Charles Darwin, Vater der Evolutionstheorie, die Entstehung der Arten vornehmlich an Finken nachvollzog, bietet der afrikanische Inselstaat ein Füllhorn von Studienobjekten, allen voran die Lemuren. Die possierlichen Halbaffen mit den großen Kulleraugen bilden weltweit die größte Vielfalt an Primaten.
Sie sind das Forschungsgebiet von Jörg Ganzhorn. Er schätzt die Anzahl der heute lebenden Lemurenarten auf 60 bis 65. Die genaue Zahl sei kaum zu ermitteln, denn sie ändere sich schnell. Es kommen jedes Jahr neue Artbeschreibungen hinzu. Und zum Teil stellt sich später bei genauerer Betrachtung heraus, daß eine als neu eingestufte Art doch einem bereits bekannten Verwandten zuzuordnen ist.
Fest steht, daß bereits 16 Lemurenarten ausgestorben sind. Einige von ihnen verschwanden schon im 14. oder 15. Jahrhundert, vermutlich durch Bejagung. Andere verloren im 20. Jahrhundert ihren Lebensraum. Die stark wachsende Bevölkerung rodet die Regenwälder. Sie nutzt das Holz und brennt den Waldrest nieder, um dort für einige Jahre Ackerland zu gewinnen. Nur zehn Prozent der Wälder haben die Landnahme durch den Menschen überlebt. Auch diese letzten Fragmente stehen unter hohem Druck der Bevölkerung.
Die isolierten Waldflecken sind vor allem ein ökologisches Problem, aber sie erschweren auch die Arbeit der Forscher. "Ein übliches Konzept der Artdefinition ist die Fruchtbarkeit", erklärt Ganzhorn. "Wenn zwei Tiergruppen keine oder nur weitgehend unfruchtbare Nachkommen miteinander zeugen können, unterteilt man sie in zwei Arten. Da die Wälder, in denen die Lemuren leben, oft voneinander isoliert sind und sich die Tiere nicht treffen, kann es nicht zu Verpaarungen kommen. Deshalb wissen wir oft auch nicht, ob zwei unterschiedliche Lemurenpopulationen einer Art angehören."
Als der heute 49jährige Ganzhorn 1984 mit seinem Mentor von der amerikanischen Duke Universität (Bundesstaat North Carolina) erstmals auf die Insel kam, gehörten die beiden zu den ersten ausländischen Wissenschaftlern, die nach der Unabhängigkeit und mehrjähriger politischer Isolation der Insel auf Madagaskar forschten. Viele der ausländischen Forscher kommen nur für ein paar Wochen. Einer aber blieb und startete eine der umfangreichsten Inventarisierungen der Neuzeit: der Ornithologe Dr. Steven Goodman (48). Kein anderer Wissenschaftler hat die Tierwelt Madagaskars so intensiv erforscht wie der Amerikaner, der für das Naturhistorische Museum von Chicago und den WWF Madagaskar arbeitet.
Goodman und Ganzhorn lernten sich durch ihre Arbeit kennen und schätzen. Und sie befanden: Um langfristig die biologische Vielfalt Madagaskars zu dokumentieren und sicherzustellen, daß sie bei der Entwicklung des Landes, bei Planungen von Naturschutz-, Bergbau- und Siedlungsprojekten, berücksichtigt wird, braucht es engagierte einheimische Biologen. Seit 1993 nehmen die beiden Forscher bei ihren wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen Diplomanden und Doktoranden der Universität von Madagaskars Hauptstadt Antananarivo mit.
In den Jahren 2001 bis 2004 finanzierte die Volkswagen Stiftung einen Teil der Kombination aus Naturinventur und Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern. In dieser Zeit untersuchten Experten für Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien sowie weiterer Tiergruppen 30 Areale in 12 Regionen, begleitet von insgesamt gut 20 madagassischen Studenten. Allein diese Bestandsaufnahmen erbrachten zwölf neu entdeckte Amphibien-, 19 Reptilien-, acht Nagetier- und drei Fledermausarten.
Und auch 2005 wurden Forscher fündig. So entdeckten Wissenschaftler des Göttinger Primatenzentrums zwei neue Lemurenarten. Die eine tauften sie Nördlichen Riesenmausmaki, die andere - zu Ehren ihres engagierten Kollegen - Goodman Mausmaki.
Steven Goodman fand seinerseits unter anderem eine neue Fledermausart. Sie soll ebenfalls den Namen eines bekannten Biologen tragen: von Harald Schliemann, emeritierter Professor der Universität Hamburg. Die gut zehn Zentimeter große Schliemann-Fledermaus lebt an der Westküste Madagaskars und hat an den Handgelenken jeweils ein Saugnapf, mit dem sie an Bananenblättern emporklettern kann.
Lemuren im Internet www.madainfo.de/lemuren.htm



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