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Umwelt

Auf dem Acker schwindet die Sortenvielfalt - mit fatalen Folgen

Nicht nur Linda, die Kartoffelsorte, ist in ihrer Existenz bedroht - viele Gewächse haben sich bereits vom Acker gemacht. In Deutschland ist der Rückgang der genetischen Vielfalt von Kulturpflanzen dramatisch. "Der Sortenreichtum hat in den vergangenen 100 Jahren um 90 Prozent abgenommen. Weltweit waren es nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO 75 Prozent", sagt Ursula Prall, Rechtsanwältin in Hamburg und Expertin für biologische Vielfalt. Sie stellte kürzlich ihre Forschungsergebnisse in einem Kolloquium der Forschungsstelle Umweltrecht an der Universität Hamburg vor.

Viele alte Sorten verschwinden, nur noch drei machen in Deutschland 95 Prozent der Roggenernte aus. Welche fatalen Folgen solch eine starke Beschränkung haben kann, zeigt das historische Beispiel aus Irland: Bei einer Hungersnot kamen zwischen 1845 und 1848 eine Million Iren um, weil ein Pilz die drei Kartoffelsorten befiel und die gesamte Kartoffelernte vier Jahre vernichtete. Viele traditionelle Kulturpflanzen verschwinden, weil Hochleistungs-Saatgut gezüchtet und die Landwirtschaft industrialisiert wird. "Getreide muß nicht mehr nur satt machen, sondern eine einheitliche Halmlänge haben, nicht knicken, schnell reifen, ertragsstark und leicht zu mähen sein. Da fallen alte und unrentablere Sorten weg", sagt Ursula Prall.

"Wir müssen an die Zukunft denken", mahnt die Juristin. "Zum Beispiel der Klimawandel wird die Artenvielfalt und -verbreitung weltweit stark verändern. Es werden bald andere Bedingungen herrschen, unter denen Pflanzen wachsen müssen. Deshalb ist es wichtig, daß möglichst viele Pflanzensorten erhalten bleiben. Denn nur aus einem möglichst großen Genpool können Pflanzen gezüchtet werden, die an die veränderten Verhältnisse angepaßt sind und unsere Ernährung sichern."

Dabei müßten seltene Sorten wie der Champagnerroggen sowohl weiter angebaut als auch in Genbanken archiviert werden. "Das ist, als würde ein Mensch 50 Jahre leben und ein anderer ebenso lange tief schlafen: Der eine kann sich langsam an Veränderungen gewöhnen. Der andere wird sich, wenn er erwacht, erst mal nicht zurechtfinden", erklärt Prall. Bei Kulturpflanzen sei es ähnlich: Durch den Anbau entwickeln sich Obst- und Gemüsesorten weiter.

Doch laut Prall finden viele alte und neue Pflanzen nie den Weg auf den Acker, weil sie vom deutschen und europäischen Saatgutverkehrsgesetz aussortiert werden: "Der Handel mit Saatgut ist seit etwa 60 Jahren gesetzlich geregelt: Das heutige Gesetz und seine Vorläufer sollen den Landwirt vor ,schlechten' Sorten schützen und schreiben deshalb eine Anerkennung durch das Bundessortenamt vor", sagt Prall. "Das Gesetz ist ein Eingriff in die Entscheidungsfreiheit des Landwirts, eine Hürde für die Biodiversität. 85 Prozent der Pflanzensorten kommen erst gar nicht auf den Markt und können nicht genutzt werden."hpakr

 

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