Der Wal, ein Riesen-Wunder
Wale - vor 60 Millionen Jahren begann ihre Entwicklung. Forscher lösen jetzt ihre letzten Geheimnisse. Zum Beispiel: Warum Finnwale, wie der in der Ostsee gesichtete, nur wenige Minuten tauchen können.
Frühstückstische wurden verlassen, Tagesplanungen verworfen, das Ausflugsziel verändert: Ein Finnwal lockte zahlreiche Schaulustige zu Lande und zu Wasser erst an die Flensburger Förde, dann vergangene Woche an die Kieler Bucht. Zuletzt wurde der "Fjord-Spezialist" - so nennt ihn Professor Boris Culik, Zoologe am Kieler Institut für Meereskunde - am Sonntag vor Heiligenhafen von Sportbootfahrern in der Ostsee gesichtet. Doch Wale sind nicht nur eine Attraktion für Laien, sie sind auch ein begehrtes Forschungsobjekt. Nach dem Blauwal ist der Finnwal der zweitgrößte Wal. 26 Meter maß das bisher längste Tier. Normalerweise begnügen sich die wendigen Schwimmer mit 22 Metern. "Im Nordatlantik werden sie meist nur 18 Meter lang", sagt Culik. Der Ostsee-Ausflügler "Kielian" misst 15 Meter. Der Finnwal gehört zu den schnellsten Walen und kann Spitzengeschwindigkeiten von 37 Kilometern pro Stunde (km/h) erreichen. Das brachte ihm den Spitznamen "Windhund der Meere" ein. Den Rekord hält mit 55 km/h ein Schwertwal, der im Nordpazifik auf Beutezug ging. Das auffälligste Merkmal der Finnwale ist die asymmetrische Färbung seines Kopfes. Während die rechte Unterlippe, Mundhöhle und Barten fast weiß sind, ist die linke Seite dunkel. Zur Nahrungsaufnahme drehen sich die Tiere oft auf die Seite, so dass die helle Färbung des Kopfes nach unten zeigt. Die Beutetiere können sie so schlecht erkennen. Der große Bruder des Finnwals, der Blauwal, verzeichnet die meisten Rekorde. Taucht er auf, um Luft zu holen, schießt eine bis zu zwölf Meter hohe Fontäne in die Luft. Er ist der wahre Gigant, größer als jedes Tier (die Dinosaurier eingeschlossen), das jemals gelebt hat. Blauwale sind fast so lang wie ein Flugzeug des Typs Boeing 737. Den Längenrekord hält ein Weibchen mit 33 Metern. Gewöhnlich werden die Tiere bis zu 27 Meter lang. Erwachsene Tiere wiegen mit bis zu 120 Tonnen mehr als 2000 Menschen oder 25 Elefanten zusammen - allein die Zunge ist vier Tonnen schwer. Der Mundraum ist so groß, dass eine ganze Fußballmannschaft auf der Zunge Platz fände. Dennoch ist dieser Gigant mit seinem stromlinienförmigen Körper erstaunlich schnell. Er schwimmt mit 30 Kilometern pro Stunde durch die Fluten, wenn er - trotz weltweiten Verbots - gejagt wird. Sonst ziehen diese großen Säuger, von denen vermutlich nur noch 3500 Tiere leben, eher gemächlich durch die Meere. Nur beim Tauchen sind keine Rekorde zu verzeichnen. Meist bleiben die Tiere nicht länger als acht bis zehn Minuten unter Wasser. Dabei müssten sie - theoretisch - wegen ihrer Größe viel länger unter Wasser bleiben können. Amerikanische Forscher, die Blauwale an der kalifornischen Küste beobachteten, haben jetzt den Grund für die vergleichsweise kurzen Tauchgänge herausgefunden: Blauwale - wie auch Finnwale - verbrauchen bei der Jagd nach Beute so viel Energie, dass ihr Sauerstoffvorrat schnell aufgezehrt ist. Daher müssen sie häufiger Luft holen. Zwar filtern auch Blau- und Finnwale wie alle Bartenwale ihre Nahrung aus dem Meerwasser. Doch während andere Walarten gemächlich schwimmend ihre Beute sammeln, stürzen sich diese beiden Arten temporeich in Ansammlungen von Beutetieren wie Krill und andere Kleinkrebse und reißen dabei ihr Maul so weit wie möglich auf. Blauwale können mit einem Schluck bis zu 50 Tonnen Krill und Wasser aufnehmen - knapp 50 Prozent ihres Körpergewichts. Doch ein Schluck macht nicht satt. Um seinen Hunger zu stillen, braucht ein Blauwal vier Tonnen Krill täglich. Das bedeutet viel Arbeit. Dabei strömt stundenlang Wasser durch sein Maul. Dennoch erkälten sich die Bartenwale auch in kaltem Wasser nicht. Der Grund: Ihre Zunge besitzt einen effizienten Wärmeaustauscher. Die Blutbahnen, die das warme Blut weit im Innern des Körpers transportieren, laufen parallel zu denen, die kälteres Blut von der Außenhaut bringen. So wird das kalte Blut aus der Zunge erwärmt, bevor es ins Körperinnere strömt. Auf dem Weg Richtung Zunge wird das Blut "vorgekühlt". So vermindern Bartenwale Wärmeverluste. Der "Fjord-Spezialist" wird die Ostsee sicher nicht verlassen, weil sie ihm zu kalt ist.



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