Wo Flüsse noch frei fließen
Gewässer: Zum ersten Mal gibt ein Güteatlas Aufschluss über Bach- und Flussbetten. Naturnähe mildert die Hochwasserfolgen
Die Peene in Vorpommern und die Schaale östlich von Hamburg (Kreis Ludwigslust) sind Deutschlands natürlichste Fließgewässer. Dies zeigt der erste Gewässergüteatlas, der sich nicht auf die Wasserqualität, sondern auf die Struktur der Gewässer bezieht. Das Umweltbundesamt in Berlin hat die Daten zusammengefasst, die die sechzehn Bundesländer im Jahr 2001 über Bäche und Flüsse sowie deren Auen erhoben haben - erfasst ist eine Strecke von insgesamt mehr als 33 000 Kilometer. Die Bestandsaufnahme soll helfen, naturnahe Strukturen zu erhalten oder, wo dies möglich ist, wieder herzustellen. Dies wäre auch ein Beitrag zu einem ökologisch orientierten Hochwasserschutz. Nur noch zwei Prozent der deutschen Fluss- und Bachabschnitte werden der Güteklasse eins - also vom Menschen unverändert - zugerechnet. 19 Prozent gelten als gering oder mäßig verändert (Klassen 2 und 3). Der mit 46 Prozent mit Abstand am größte Teil ist deutlich oder stark reguliert (Klassen 4 und 5). Ein Drittel aller deutschen Gewässer, vor allem die größeren, landet in den Güteklassen sechs und sieben (sehr stark oder sogar vollständig verändert). Aus Hamburg flossen Elbe, Alster und Bille in die Bewertung ein. Danach sind nur an den Oberläufen von Alster und Bille naturnahe Abschnitte zu finden. Dagegen landen die Gewässer des Innenstadtbereiches erwartungsgemäß in den Güteklassen fünf bis sieben. Die Hamburger haben auch kleinere Gewässer in die Zange genommen. Peter Haake, Leiter des Amtes Bau und Betrieb der Baubehörde, nennt als Beispiel die Berner Au. "Sie ist zum Graben geworden, eingegrenzt durch Grundstücke. Bei Starkregen müssen sich Anwohner solcher eingezwängten Gewässer nicht wundern, wenn sie Wasser im Keller haben. Die Stadt muss darüber nachdenken, wie viel Flächenversiegelung sie sich noch leisten will", sagte Haake in einer Experten-Debatte zum Hochwasserschutz an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH). Ein möglichst naturnaher Zustand dient nicht nur den Flusslebewesen oder erholungssuchenden Touristen, er schützt auch vor Hochwasserfolgen. "An unbefestigten Ufern ist während des Sommerhochwassers weniger Schaden entstanden als an befestigten", so Dr. Christian Korndörfer, Umweltamtsleiter der sächsischen Hauptstadt Dresden. Auch das Ziel der Bundesregierung, den Flüssen mehr Raum zu geben, ist mit mehr Naturnähe verbunden: Es gilt, Flussauen zu reaktivieren, Altarme zu öffnen, Deiche rückzuverlegen, (Nutz-)Flächen hinter den Deichen als Vorranggebiete für den Hochwasserschutz zu sichern und durch regelmäßige Flutungen für Hochwassersituationen zu "trainieren". Eine Schlüsselrolle bei der Schadensbegrenzung spiele die kommunale Bauleitplanung, betont Professor Erik Pasche, Leiter des Arbeitsbereichs Wasserbau der TUHH: "Die Bundesländer brauchen bei der Ausweisung von Bauland ein Vetorecht, denn es wird viel zu viel gekungelt auf kommunaler Ebene." Potenzielle Bauherren sollten sich bewusst werden, dass es nicht nur vor, sondern auch hinter den Deichen ein Überflutungsrisiko gibt. Auch die Eigentümer bestehender Gebäude sollten aktiv werden und etwas für den Schutz ihrer Häuser tun, betont Professor Pasche. Der Staat und die Versicherungen müssten solche Anstrengungen finanziell belohnen. Es gelte, das Bewusstsein für die Gefahr wachzuhalten, sagt auch Christian Korndörfer. Und berichtet von den leidvollen Dresdner Erfahrungen: "Bei Hochwasser setzt sich der ursprüngliche Charakter eines verbauten Flusses gnadenlos durch." Die Gewässerstrukturkarte ist erhältlich beim Umweltbundesamt in Berlin, Referat Öffentlichkeitsarbeit, Telefon 0188/30 50 oder bei der Geschäftsstelle der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser, Telefon 0511/120 33 75.










