Wildtiere: Der Rummel um Eisbärenbabys hat eine uralte Diskussion neu entfacht
Schauen oder schützen - wozu braucht man Zoos?
Allen Vorwürfen der Tierquälerei zum Trotz: Manche Art wurde schon gerettet. Doch die "Natur-Entfremdung" des Menschen kann auch das nicht aufhalten.
Hamburg. Eisbären und kein Ende. Gefeiert (Berlin) oder gefressen (Nürnberg), zu guter Letzt, wenn man so will, gerettet (ebenfalls Nürnberg) oder ausgeliehen (Bremerhaven von Hamburg): Die weißen Pelzträger genießen zurzeit eine Popularität, die manchen Politiker vor Neid erblassen lässt. Doch nicht den wild lebenden Eisbären der nördlichen Polarregion wird diese Aufmerksamkeit zuteil. Sondern einer Handvoll Exemplaren in Menschenobhut. Womit gleichzeitig die Institution Zoo in den Blickpunkt und, je nach Windrichtung an der Eisbärenfront, in die Kritik gerät.
Brauchen wir Zoos?
Diese Frage ist vermutlich genauso alt wie Zoologische Gärten selbst. Menagerien (der Begriff wurde erstmals 1712 verwendet) unterhielten in ihren Frühformen ab Beginn des 13. Jahrhunderts vor allem Päpste, Bischöfe und Fürsten zur ihrer Erbauung. So war der Anblick auf die exotischen Tiere in der barocken Anlage, die Kaiser Franz I. Stephan 1752 in Wien in unmittelbarer Nähe zum Schloss Schönbrunn gründete, ausschließlich ihm und seinem Hofstaat vorbehalten. Heute gilt der Tiergarten Schönbrunn als ältester durchgehend bestehender Zoo der Welt.
Kaum vorzustellen, dass sich in der damaligen Zeit auch nur einer dieser Menagerie-Besitzer einen Gedanken an artgerechte Tierhaltung verschwendet hätte. Sie sollten da sein, die possierlichen Geschöpfe, und sie sollten gefallen. Parallel zu diesen exklusiven Tierschauen entstanden jedoch auch Wandermenagerien für das gemeine Volk, häufig nur mit einem einzigen Tier wie einem Elefanten oder Nashorn oder mit einer Kollektion kleinerer Tiere. In diesen Wandermenagerien konnten erste Erfahrungen mit wilden und exotischen Tieren gesammelt werden, was Anfang des 19. Jahrhunderts zur Gründung der ersten bürgerlichen Zoos führte. So wurden zum Beispiel Anlagen 1828 in London, 1838 in Amsterdam und 1844 der erste deutsche Zoo in Berlin eröffnet.
Von Anfang an sollten Zoos naturwissenschaftliche Erkenntnis fördern. Obwohl keiner auf Anregung einer Universität oder Akademie entstand, fertigten Wissenschaftler dort anatomische Zeichnungen an und studierten Verhaltensweisen. Vieles, was in den folgenden Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten über die verschiedenen Tierarten in Zoos herausgefunden wurde, fließt heute in den Schutz von Wildtierpopulationen ein. "Ohne Zoos gäbe es einige Arten heute nicht mehr", sagt Roland Wirth, Vorsitzender der Zoologischen Gesellschaft für Arten- und Populationsschutz e. V. (ZGAP) in München. So konnten der Wisent, der Echosittich von Mauritius oder der Kalifornische Kondor nur durch Haltung in Menschenobhut beziehungsweise die Anwendung des daraus gewonnenen Wissens auf die Freilandpopulationen erhalten werden.
Eines ist hierbei klar: Allein können Zoos diese Aufgabe nicht bewältigen. Wie schon der Schweizer Heini Hediger, Gründer der modernen Tiergartenbiologie, sagte: "Zoos sind die Notausgänge der Natur." Aber ein Notausgang muss irgendwohin führen, wenn er seine Funktion erfüllen soll. Und darf nicht einfach blind enden. Deshalb müssen für einen ernsthaft betriebenen Artenschutz parallel zur sogenannten Erhaltungszucht einer bedrohten Art in einem Zoo möglichst auch immer Schutzmaßnahmen für das Biotop dieser Tierart im Freiland erfolgen.
150 bis 200 größere Zoos gibt es in Deutschland. Nimmt man jede öffentliche Tierhaltung mit mehr als drei Arten zusammen, kommt man sogar auf 700. Wenn es nach Wirth geht, würde der Zoo der Zukunft den Artenschutz in den Vordergrund stellen. "Dann müsste sich unsere Kultur allerdings dahingehend ändern, dass wir bereit wären, so viel Geld auszugeben, dass hinter den Kulissen der Zoos eine vernünftige Zucht betrieben werden kann. So scheitert es bisher am Geld."
Ein öffentliches Standbein, so Wirth, müsste jedoch auch weiterhin jeder Zoo haben. Neben der wissenschaftlichen, arten- und naturschützerischen Aufgabe kommt einem Zoo ja auch immer die der Volksbildung zu. Das Dilemma, das Wirth dabei sieht, ist, dass Zoos allein durch die unzähligen Doku-Soaps heute schon zu sehr im öffentlichen Interesse stehen und dabei ein Pseudowissen bei den Fernsehzuschauern entsteht. Knuts Lieblingsspielzeug und den Namen seines Pflegers kennt schätzungsweise schon jeder zweite Deutsche. Doch wo genau leben Eisbären in freier Wildbahn? Und wie groß ist das Revier eines Eisbärenmannes? "Natur-Entfremdung", sagt Wirth dazu. "Uns geht jegliches Gefühl für die Natur verloren."
Zum Thema Eisbär gibt Wirth zu bedenken, dass hier Tierschutz und Artenschutz schnell in einen Topf geworfen werden - und einander doch oftmals widersprechen. Schon der ehemalige Frankfurter Zoodirektor und Tier-Professor der frühen Fernsehjahre, Bernhard Grzimek, setzte sich zwar vehement für den Schutz bestimmter Wildgebiete und gegen das unsachgemäße Abschlachten von Robben ein. Wenn ihm jedoch eine Zuschauerin vom Tod ihres treuen Hundes schrieb und darum bat, dass er sich doch bitte für einen Tierfriedhof starkmachen möge, antwortete er schlicht: "Kaufen Sie sich einen neuen Hund."
Auch Wirth plädiert hier für eine klare Trennung: "Wenn es uns wirklich um Eisbären geht, dann müssen wir nicht über einzelne Handaufzuchten sprechen. Bei einer wirklich bedrohten Tierart sollte jedes Mittel recht sein, aber Eisbären sind noch 20 000 da. Außerdem gibt es für diese großen Tiere nur begrenzt Platz in Zoos, das darf man nicht aus den Augen verlieren. Nein, wenn es uns um den Schutz der Art an sich geht, müssen wir als Erstes über unseren Energieverbrauch und seine Folgen nachdenken. Denn die machen sich im Lebensraum der Eisbären bemerkbar."
Die Diskussion, welche Arten man in einem Zoo halten sollte und welche nicht, findet Wirth übrigens unsachlich: "Wenn wir uns generell für Tierhaltung aussprechen, ist jede Art in Menschenobhut haltbar - wenn man ihr die richtigen Bedingungen bietet. Denn das allein setzt Grenzen. Sonst könnte man auch Blauwale halten."
Vorerst hält sich Deutschland an Eisbären. Bleibt zu hoffen, dass Knut in Berlin und seine kleine Artgenossin in Nürnberg nicht unter der Kategorie "niedlich" abgehakt und in Kürze vergessen werden. Und Kinder nicht zu der Ansicht kommen, dass Eisbären-Mütter ihre Babys in freier Wildbahn mit Bürsten kämmen. Sondern dass die beiden Raubtiere es schaffen - auch dank der Diskussion, die ihretwegen in Gang gekommen ist -, den Blick der Menschen wieder mehr auf die Natur zu heften. Dann wären sie, freilich ungewollt, gute Botschafter.



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