18.09.06

Hochwasser: Wie sicher ist Hamburg?

Umwelt-Forum: NDR 90,3 und Hamburger Abendblatt luden ins CCH ein. Sturmflut- und Hochwasserschutz in Zeiten des Klimawandels - ist Hamburg gerüstet? Darüber diskutierte das Publikum mit fünf Experten.

Von ANGELIKA HILLMER
Foto: AP
Hochwasser schwappt auf den Fischmarkt. In Zukunft könnte es auch andere Stadtteile vermehrt treffen − durch Starkregen.

Wetterrekorde fallen, der Meeresspiegel steigt. Mehr Klimaschutz ist nötig, gleichzeitig muss der Hochwasserschutz auf die neue Situation reagieren. Dies waren die Themen des Forums im Rahmen des Kongresses "acqua alta", zu dem von Mittwoch bis Freitag 1200 Teilnehmer kamen.

Wie wird Hamburg in 30 Jahren aussehen?

Die Temperatur der Erde hat sich im vergangenen Jahrhundert weltweit um 0,8 Grad erhöht. Wir erwarten bis zum Jahr 2100, abhängig davon, wie wir uns verhalten, weitere zwei bis fünf Grad. Für Deutschland kann es mehr sein, weil die Erwärmung über Land stärker ist als über dem Meer. Der Meeresspiegelanstieg bis 2030 wird beherrschbar sein, in 30 Jahren werden das etwa zehn Zentimeter sein. Auf die zunehmenden Starkniederschläge sind die Städte, auch Hamburg, noch nicht ausgelegt, da müsste noch einiges passieren.

Prof. Mojib Latif, Klimaforscher am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften, Kiel

Wir berücksichtigen bei Sturmflutschutzanlagen einen Meeresanstieg von 30 Zentimetern pro Jahrhundert. Bei neuen Bauwerken planen wir, dass sich die Wasserstände weiter erhöhen. Beim Schutz der Bevölkerung vor Hochwasser durch Starkregen gibt es EU-Vorgaben, sodass wir mehr tun müssen für die Bürgerinformation.

Olaf Müller, Baudirektor, Stadtentwicklungsbehörde, zuständig für Flutschutz

Extremniederschläge von 30 Millimeter pro Tag - 30 Liter pro Quadratmeter - treten häufiger auf. Hinsichtlich der Sturmflutgefahr gibt es keine Anzeichen, dass Orkane bei uns zugenommen haben. Das muss nicht so bleiben. Wenn der Sturm zunehmen sollte, sind zehn Zentimeter Wasseranstieg bis 2030 nicht entscheidend, sondern die Stürme.

Dr. Gerhard Steinhorst, Leiter der Warndienste vom Deutscher Wetterdienst

Wir müssen lernen, mit Hochwasser zu leben. Die Bürger sollten hochwassergerecht bauen, etwa in gefährdeten Gebieten ohne Keller. Hinter den Deichen kann man eine Verbindung zum Wasser schaffen mit amphibischen Häusern (Floating Homes), die aufschwimmen.

Prof. Erik Pasche, Arbeitsbereich Wasserbau, Techn. Universität Hamburg-Harburg

Wie häufig treffen Hochwasser im Elbe-Oberlauf und Sturmflut zusammen?

Im April hatten wir ein recht großes Oberwasser - in Zollenspieker waren die Wasserstände etwa 1,80 Meter erhöht. Aber in Hamburg waren es nur noch wenige Dezimeter. Die Elbe ist gut ausgebaut, das Wasser kann abfließen. Zudem muss eine Sturmflut gegen das Oberwasser gegenan strömen, das wirkt dämpfend.

Dr. Sylvin Müller-Navarra, Sturmflutwarndienst des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH)

Unsere Untersuchungen am Tidegewässer Stör ergaben ein Verhältnis des extremsten Abflusses aus dem Binnenbereich zu dem, was als Sturmflut einfließt, von 1 zu 15.

Erik Pasche

Helfen mehr Überflutungsräume?

Wenn wir mit Retention etwas erreichen wollen, müssen wir große Flächen am Einlauf, also im Mündungsbereich, reaktivieren. Das heißt: Deiche gezielt öffnen und Land fluten. Dort leben aber Menschen. Man muss sich fragen, ob es legitim ist zu sagen, wir haben einen Schaden von 100 Millionen Euro gegenüber einem vermiedenen Schaden in Hamburg von fünf Milliarden Euro.

Erik Pasche

Bei der Sturmflut 1962 blies drei Tage lang Nordwest-Sturm. Wird dies wiederkehren?

Alle Klimamodelle sagen eine Zunahme von Stürmen voraus, jedoch in einer Bandbreite von wenigen Prozent bis zum Plus von 20 bis 30 Prozent.

Mojib Latif

Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass diese Wetterlage nicht irgendwann oder vielleicht bald wiederkommt. Dazu bräuchte es ein Tief, das über Dänemark bleibt und nicht, wie üblich, weiterzieht. Wir Meteorologen sprechen zwar von hundertjährigen oder tausendjährigen Ereignissen. Aber das sind Mittelwerte. Ein Ereignis kann auch mehrfach auftreten, wie 1999 dreimal extreme Orkane.

Gerhard Steinhorst

Und wenn sich diese Wetterlage wiederholt?

Wir haben gerade die 1962er Sturmflut mit den heutigen Verfahren nachgerechnet: Wir sind weit davon entfernt, dass die Deiche in Gefahr geraten.

Sylvin Müller-Navarra

Welche Rolle spielt die Elbvertiefung?

Die Sturmflutwasserstände sind 50 bis 80 Zentimeter höher als vor 80 Jahren. Aber der Scheitel hält kürzer an, die Tidewelle schiebt sich zusammen. Ich denke nicht, dass mehr Last auf den Deichen ist. Im Vergleich zu 1962 können wir sechs bis zwölf Stunden früher warnen.

Sylvin Müller-Navarra

Künstliche Inseln in der Elbmündung sollen die Flut bremsen. Wie weit ist das Projekt?

Man will damit die Folgen der Elbvertiefung kompensieren. Die Inseln verursachen Rückstau. Diese Wirkung kann man in Computer-Modellen der Unterelbe gut nachvollziehen. Die Frage ist nur, wie bauen wir die Inseln?

Erik Pasche

Das Modell ist kompliziert. Man wird wahrscheinlich erst Jahre nach den Aufspülungen feststellen, ob es etwas gebracht hat.

Sylvin Müller-Navarra

Nach Verlängerung der Airbus-Landebahn hat sich im Fluss ein Loch von 21 Metern gebildet.

Das hat keiner berechnet. Diese Vorgänge sind derartig kompliziert, dass man sie nicht 100-prozentig berechnen kann.

Sylvin Müller-Navarra

Warum wird noch immer in Niederungen gebaut?

Die meisten Bürger haben das Problembewusstsein nicht, sie richten sich nur nach dem Preis. Es gibt in Hamburg 5000 Hotspots, wo Sie nach einem Wolkenbruch 30, 40 Zentimeter Wasser haben, das auch in Keller läuft. Wir sind dabei, Risikokarten zu erstellen. Die Stadt wird bald die Bürger darüber informieren.

Erik Pasche

Wo bleibt in Hamburg das Wasser nach einem Starkregen?

Es wird überwiegend in der Alster zusammengeführt und über die Schaartorschleuse in die Elbe geleitet. Dort gibt es ein riesiges Pumpwerk, das das Wasser in die Elbe pumpt.

Erik Pasche

Und wenn die Alpen-Gletscher schmelzen?

Viele Alpengletscher haben schon etwa zwei Drittel ihres Volumens verloren. Auf der Internetseite gletscherarchiv.de sehen Sie Aufnahmen aus verschiedene Zeiten - das ist erschreckend. Gletscher sind Wasserreservoire für dort lebende Menschen. Zudem kann es, wenn der Permafrost nicht mehr da ist, zu gigantischen Gerölllawinen kommen. Wenn die Gletscher Grönlands oder der Antarktis schmelzen, hätten wir massive Anstiege der Meere. Allein das Grönlandeis würde den Spiegel sechs bis sieben Meter steigen lassen. Wenn das angestoßen ist, können Sie es nicht rückgängig machen. Die Gelehrten streiten sich, ob es in 200 oder in 1000 Jahren geschieht.

Mojib Latif

Was passiert mit dem Golfstrom?

Wenn Grönland abschmelzen sollte, haben wir eine globale Erwärmung von um die drei Grad. Das wären bei uns etwa fünf Grad. Wenn der Golfstrom zusammenbricht, würde dies bei uns eine Abkühlung von zwei Grad bringen; wir hätten also weiterhin eine massive Erwärmung.

Mojib Latif

Was können wir tun für den Klimaschutz?

Deutschland liegt weltweit auf Rang sechs der CO2-Emittenten, aber unser Anteil am Gesamtausstoß liegt bei wenigen Prozent. Wenn wir Deutschen kein CO2 ausstoßen würden, hätte es global keinen Effekt. Unsere Rolle kann nur die Vorbild-Funktion sein, etwa bei erneuerbarer Energie. Jeder ist gefordert, kann von einem Geländewagen, der 15 Liter Sprit schluckt, auf einen Wagen mit Fünf-Liter-Verbrauch umsteigen. In Hamburg muss man kein Auto fahren, ich tue es nicht. Wenn alle Stand-by-Betriebe ausschalten würden, könnten wir zwei Kraftwerke sparen. Zudem gibt es staatliche Anreize, Häuser zu dämmen, für Solaranlagen und effiziente Heizungen.

Mojib Latif

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