Was ihre Rückkehr stört
Artenschutz: Wiederansiedlungsprojekt stößt auf Hürden. Vor zehn Jahren startete das Projekt, Störe in deutschen Gewässern wieder heimisch zu machen. Doch die Zucht der Tiere ist mühselig - und die Genetik des Ostseestörs kompliziert.
Das letzte wildlebende Exemplar eines Europäischen Störs (Acipenser sturio) wurde in deutschen Gewässern 1993 vor Helgoland gefangen. Bereits ein Jahr später setzten sich Biologen das Ziel, den urzeitlichen Knorpelfisch mit Hilfe der einzig überlebenden Verwandtschaft im Fluß Gironde (Frankreich) nachzuziehen, um ihn in Deutschland und anderswo wieder anzusiedeln. Doch die Art erweist sich als ziemlich störrisch - ihre Zucht ist eine Kunst für sich, die bislang nicht so richtig gelingen will. Nun traten auch noch genetische Unklarheiten auf, die die erste experimentelle Ansiedlung an der Oder vor einigen Tagen stoppten.
Das deutsche Wiederansiedlungsprogramm, das das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und das Bundesforschungsministerium zunächst bis 2008 mit insgesamt 2,5 Millionen Euro fördern, begann im April 1996: Damals bezogen 40 Jungstöre ein Zuchtbecken des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. Es ist der Nachwuchs von zwei wildgefangenen geschlechtsreifen Tieren, die Forscher in Bordeaux aufgepäppelt hatten. Die Tiere sollen als Grundlage dienen, um die lebenden Fossilien in deutschen Gewässern wieder heimisch werden zu lassen - Störe wachsen in Flüssen auf, ziehen dann ins Meer und kommen zum Laichen in die Flüsse zurück.
Parallel sollten vergleichende genetische Untersuchungen zwischen den Zuchtfischen und konservierten Museums-Exemplaren sicherstellen, daß die Gironde-Störe wirklich nah verwandt sind mit den ausgestorbenen Nord- und Ostseestören. 2002 machten die Wissenschaftler des IGB dann eine sensationelle Entdeckung: Das Erbgut der Proben von Ostseestören stimmt weniger mit den Vettern in der Nordsee überein als mit einer nordamerikanischen Störart (Acipenser oxyrinchus). Offenbar hatte der Amerikanische Atlantische Stör in der "kleinen Eiszeit" um 1200 n. Chr. den Europäer verdrängt.
Folglich nahmen die Forscher Kontakt mit kanadischen Kollegen auf. Diese schickten 2005 befruchtete Störeier, aus denen in mehreren deutschen, vor allem aber in polnischen Zuchtbecken, Jungfische heranwuchsen.
Die messen jetzt 35 bis 40 Zentimeter und sollten, mit kleinen Sendern versehen, vergangene Woche in der Oder ausgesetzt werden, um das Verhalten und die Überlebensfähigkeit der Art zu erforschen. Doch das Nachbarland stoppte kurzfristig und völlig unerwartet das Vorhaben: Der nordamerikanische Stör stehe zur Zeit nicht im polnischen Register für Artenvielfalt und könne deshalb nicht ausgewildert werden. Unter Insidern ist es ein offenes Geheimnis, daß das Veto vor allem aus Wirtschaftsinteressen erfolgte. Polen möchte die Oder ausbauen, da könnte eine geschützte Fischart stören. "Wir prüfen jetzt Alternativen in Lettland und Litauen", sagt Henning von Nordheim, wissenschaftlicher Direktor am BfN.
Aber auch die für die Elbe vorgesehenen Europäischen Störe machen Sorgen: Von den ursprünglich 40 Tieren haben nur 17 überlebt. Die Störe sind miserable Zuchtfische: Sie werden erst im Alter von etwa 15 Jahren geschlechtsreif und stellen hohe Ansprüche an Nahrung und Lebensraum.
Von Natur aus durchwühlen Störe mit ihrem schaufelähnlichen Kopf den Meeresboden nach Larven, Weichtieren und Krebsen. Die Störgruppe im IGB verschmäht Trockenfutter und ist auch sonst sehr wählerisch: "Die Fische fraßen nur die Larven der Roten Mücke, die wir aus der Ukraine bezogen", erzählt Professor Frank Kirschbaum, der einst die Gironde-Störe ins IGB gebracht hatte. Trotz der extrem teuren Diät starben Tiere, andere wuchsen nicht ordentlich. "Bei Untersuchungen stellten wir 2004 Schadstoffe in den Lebern fest, die wohl aus den Larven stammten." Es folgte eine zweijährige Umstellungsphase auf Garnelenkost. Aber auch die will beschafft sein. Neben französischen Garnelen, die auch die Instituts-Störe in Bordeaux fressen, werden deutsche Sandgarnelen extra für die schwimmenden Feinschmecker gefangen.
"Zwei Tiere machen derzeit einen schlechten Eindruck; die restlichen 15 Störe hoffen wir durchzubringen", sagt Kirschbaum. Immerhin gelang den Störvätern im März ein vielversprechender Fund: Da den Fischen äußerlich nicht anzusehen ist, ob sie weiblichen oder männlichen Geschlechts sind, wurden den elf größten Tieren Gewebeproben entnommen. Dabei stellte sich heraus, daß sechs Männchen fast geschlechtsreif sind und mindestens in einem Weibchen Eier heranreifen.
Im kommenden Winter könnten die Eier befruchtet werden. Wenn dann die Jungfische ein Jahr lang kräftig heranwachsen, könnten erste Exemplare im Frühjahr 2008 ausgesetzt werden, wahrscheinlich in einem Nebenfluß der Elbe nördlich von Hamburg. "Es wäre ein Witz, wenn ausgerechnet unsere kleine Gruppe den ersten Zuchterfolg mit dem Europäischen Stör haben würde", sagt Kirschbaum hoffnungsvoll.
Das würde dann Wasserbauer und Hydrobiologen in Zugzwang bringen: Sie müßten dafür sorgen, daß die Elbnebenarme ökologisch so intakt sind, daß sie den Stören als Lebensraum genügen.




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