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Umwelt

Gentechnik: Der Widerstand wächst

Landwirtschaft: An Eingriffen ins Erbgut scheiden sich die Geister. Während weltweit 90 Millionen Hektar mit transgenen Pflanzen bewirtschaftet werden, haben sich in Europa mehr als 160 Regionen und 3500 Kommunen gentechnikfrei erklärt.

Auf weltweit 90 Millionen Hektar gediehen im vergangenen Jahr gentechnisch veränderte Kulturpflanzen - ein Zuwachs von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr, meldet die internationale Biotechnologie-Agentur ISAAA. Sie freut sich auch über die Entwicklungen in Europa: Neben Spanien und Deutschland sei 2005 erstmals in der Tschechischen Republik und nach mehrjähriger Unterbrechung wieder in Frankreich und Portugal Gentech-Mais angebaut worden - "dies könnte eine bedeutende Trendwende in der EU einläuten", so die ISAAA. Doch gleichzeitig gedeiht der Widerstand: Europaweit haben sich inzwischen mehr als 160 Regionen sowie 3500 Gemeinden und Kommunen gentechnikfrei erklärt.

In Deutschland machten vor zwei Jahren die gentechnikfreien Regionen Warbel-Recknitz in Mecklenburg-Vorpommern und Uckermark-Barnim in Brandenburg den Anfang. Inzwischen haben sich 22 000 Bauern in 56 Regionen und 28 Zusammenschlüssen sowie etwa tausend Einzelkämpfer dazu verpflichtet, ohne die Errungenschaften der Gentechnik zu wirtschaften. Damit sind gut 800 000 Hektar Agrarfläche erfaßt.

Ein Großteil davon sind ökologisch bewirtschaftete Felder. Denn Bio-Bauern garantieren ihrer Kundschaft ohnehin, nur gentechnikfreie Lebensmittel zu liefern und sehen sich durch den Anbau transgener Pflanzen in ihrer Existenz bedroht. EU-weite Regelungen für eine friedliche Koexistenz der beiden Anbauformen gibt es noch nicht; die EU-Kommission will im ersten Halbjahr 2006 entscheiden, ob sie gemeinsame Regeln schafft oder ob es bei dem bunten Mosaik unterschiedlicher Ansätze der Mitgliedstaaten bleiben wird.

Im deutschen Gentechnikgesetz hatte die ehemalige Verbraucher- und Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) ein recht strenges Haftungsrecht durchgesetzt. Demnach müssen Landwirte, die gentechnische Pflanzen anbauen, unabhängig vom Verschulden auf jeden Fall dafür haften, wenn die Gentech-Variante Felder der Nachbarschaft verunreinigt. Deshalb rechnen Experten nicht damit, daß sich viele Landwirte in diesem Frühjahr für die Aussaat von einer der drei kürzlich in Deutschland zugelassenen Sorten aus gentechnisch verändertem Mais der Linie MON810 entscheiden werden.

Künasts Nachfolger Horst Seehofer (CSU) plant jedoch, eine überarbeitete Version des Gentechnik-Gesetzes Mitte des Jahres vorzulegen, die entschärfte Haftungsregelungen enthalten soll und damit den Gentech-Anbau attraktiver machen wird. Dadurch würden die gentechnikfreien Regionen an Bedeutung gewinnen. Die Initiatoren, darunter die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und der BUND, wollen möglichst großräumige Regionen schaffen, um das Risiko des ungewollten Eintrags von Gentech-Pollen oder Erntegut so gering wie möglich zu halten.

Nach wie vor treffen die gentechnikfreien Regionen den Geschmack der Bundesbürger. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Genießer-Organisation Slow Food vom Sommer 2005 lehnen weiterhin gut drei Viertel der Deutschen Gentech-Lebensmittel ab. Noch immer dienen die implantierten Eigenschaften fast ausschließlich dem Pflanzenschutz beim Anbau, von dem die Konsumenten keinen direkten Nutzen haben. Daß sich das Bild ändern könnte, wenn die Verbraucher von dem gentechnischen Eingriff profitieren, zeigte eine Emnid-Umfrage im Auftrag des "Handelsblattes" bereits im Sommer 2004. Danach wären 66 Prozent der Befragten bereit, einen - fiktiven - gentechnisch veränderten Joghurt zu kaufen, wenn dieser gegen die Entstehung von Darmkrebs schützt.

Bislang wachsen in der EU nur gentechnisch veränderte Maispflanzen. Sie werden vornehmlich als Futtermittel und zum Teil in der Stärkeindustrie verwendet. Insgesamt betrug 2005 die Fläche mit Gentech-Mais in der EU gut 50 000 Hektar. Sie liegen fast ausschließlich in Spanien, jeweils einige hundert Hektar auch in Deutschland, Frankreich, Portugal und Tschechien. Insgesamt machen sie etwa 0,5 Prozent der EU-Anbaufläche von Mais aus.

Sehr viel rasanter wächst der Gentech-Anbau in Entwicklungsländern, meldet ISAAA: "2005 stellten die Entwicklungsländer mehr als ein Drittel der globalen Anbaufläche transgener Pflanzen."

Informationen im Internet

www.gentechnikfreie-regionen.de

www.transgen.de

 

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