14.01.09

Meeresforschung: Deutsch-Indisches Projekt mit der "Polarstern" stösst auf Kritik

Dem Klima zuliebe das Meer düngen?

Zum dritten Mal starten Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts einen Feldversuch, bei dem sie das Meer mit Eisensulfat anreichern, damit winzig kleine Algen mehr Klimagas CO2 binden.

Seit einer Woche ist das Forschungsschiff "Polarstern" von Kapstadt aus Richtung Argentinien unterwegs und hat damit unter Umweltschützern in Deutschland und Südafrika eine Protestwelle ausgelöst. Der Grund: Die Forscher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) wollen zum dritten Mal eine Meeresregion im Südlichen Ozean mit Eisen düngen. Dies soll das Wachstum mikroskopisch kleiner Algen (Phytoplankton) anregen, wodurch zusätzliches Kohlendioxid aus der Atmosphäre gebunden wird - ein potenzieller Beitrag zum Klimaschutz.

Wie schon bei den Feldversuchen der Jahre 2000 und 2004 kritisieren Umweltschützer die Forschungsarbeiten als Großversuch mit ungewissem Ausgang, als "fragwürdiges Vorhaben mit unabsehbaren Folgen", so zum Beispiel die Attac-Gruppe Freiburg. Sie initiierte eine Internet-Kampagne, die Bundesminister Sigmar Gabriel (SPD) auffordert, die "Polarstern" zu stoppen.

Währenddessen hat das Forschungsschiff ein Drittel der Strecke zum Zielgebiet im südwestlichen Atlantik vor der Küste Argentiniens bereits zurückgelegt. Ende Januar wollen AWI-Forscher, ihre Kollegen vom Nationalen Ozeanografischen Institut Indiens und einige weitere Wissenschaftler aus anderen Ländern insgesamt sechs Tonnen Eisen (in Form von 20 Tonnen Eisensulfat) in ein 300 Quadratkilometer (km{+2}) großes Seegebiet einbringen. "Kritiker bezeichnen unsere Kollegen als Geo-Ingenieure. Tatsächlich sind es Meeresbiologen, die Grundlagenforschung betreiben", betont AWI-Sprecherin Margarete Pauls.

Auf der Fahrt 2004 wurden 2200 Kilometer südwestlich von Kapstadt sieben Tonnen Eisensulfat ins Schraubenwasser der "Polarstern" geleitet und über 150 km{+2} verteilt. Die Düngung produzierte vor allem Nahrung für Fische, Krill und Wale. Sie futtern Zooplankton, das seinerseits von der künstlich ausgelösten Algenblüte profitierte. Etwa zehn bis 20 Prozent des pflanzlichen Booms starb ab und sank zum Meeresboden, stellten die Forscher damals fest. Nur dieser Teil der zusätzlichen Pflanzenmasse entzieht den aufgenommenen Kohlenstoff langfristig der Atmosphäre und leistet damit einen Beitrag zum Klimaschutz.

Da die Krillbestände - Hauptnahrung für die Pinguine, Robben und Wale der Antarktis - in den vergangenen Jahrzehnten um 80 Prozent geschrumpft sind und es mit den Walen auch nicht zum Besten steht, könnte die zusätzliche Nahrung willkommen sein. Daraus ergibt sich ein merkwürdiger Widerspruch: Womöglich könnte die Meeresdüngung zum Artenschutz beitragen, und gleichzeitig gilt sie als Risiko für die biologische Vielfalt im Meer.

Die Weltkonferenz der Konvention zur Bio-Vielfalt (CBD) hatte sich deshalb im Mai 2008 in Bonn auf ein Verbot von Großprojekten zur Meeresdüngung geeinigt. Hintergrund ist die Vision, mit kommerziellen Einsätzen viel Geld zu verdienen, zum Beispiel, indem das zusätzlich gespeicherte Kohlendioxid im Emissionshandel versilbert wird. Theoretisch, errechneten die AWI-Forscher, könnten jährlich bis zu einer Milliarde Tonnen Kohlenstoff auf diese Weise gebunden werden - eine Zahl, die geeignet ist, Goldgräberstimmung zu wecken.

Das Verbot der CBD klammert Forschungsprojekte aus, die im kleinen Umfang Eisen ausbringen. Dazu zähle die "Polarstern"-Fahrt, betont Prof. Ulrich Bathmann, der das Experiment am AWI-Sitz Bremerhaven betreut. "Wenn zwei mittelgroße Eisberge abschmelzen, gelangt etwa 20-fach mehr Eisen in das entsprechende Meeresgebiet als bei unserem Versuch", betont er. "Wir wollen keinen kommerziellen Projekten den Weg bahnen, sondern natürliche Prozesse untersuchen und verstehen, wie der Ozean auf globale Veränderungen reagiert. Unser Projekt ist ein Beitrag zur Klimaforschung."

Dass die CBD Düngungsexperimente auf Küstengewässer beschränkt, kann Bathmann nicht nachvollziehen: "In Küstengewässern herrscht kein Eisenmangel, das Element wird vom Land über Flüsse und Windtransporte ins Meer eingebracht. Mit einer Düngung lassen sich dort überhaupt keine Effekte erzielen." Die Forscher wählten deshalb ein Seegebiet jenseits der argentinischen Küsteregion - und lieferten damit Munition für die Kritiker.

Inwieweit kommerzielle Düngeeinsätze überhaupt denkbar sind, darauf will sich Ulrich Bathmann nicht festlegen. Es sei Sache der Politik und der Gesellschaft, ein international verbindliches Regelwerk für solche Projekte zu schaffen oder aber sie ganz zu verbieten. Die Feldversuche der "Polarstern" der Jahre 2000, 2004 und 2009 sowie ein knappes Dutzend weiterer Experimente anderer Forschungseinrichtungen liefern dazu die Datengrundlage.

Und auch ein Beitrag der Eisendüngung zum Klimaschutz ist längst nicht absehbar. Prof. Victor Smetacek vom AWI, derzeitiger Leiter der "Polarstern"-Fahrt und auch des Einsatzes 2004, betonte bereits vor fünf Jahren: "Theoretisch können pro Jahr maximal etwa 15 Prozent des jährlich von Menschen freigesetzten Kohlendioxids vom Ozean aufgenommen werden. Es wäre sinnvoller, die Freisetzung von Kohlendioxid zu drosseln, als durch Eisendüngung einen regulierenden Mechanismus der Natur zu beschleunigen."

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