Lebensretter Stammzellen:
Zerplatzt der Traum?
Krebs, Parkinson, Alzheimer - embryonale Stammzellen sollen helfen, Krankheiten zu heilen. Doch ein Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags nährt Zweifel an diesen Erwartungen.
Stammzellen aus Nabelschnurblut, Stammzellen aus dem Fruchtwasser - die begehrten Verwandlungskünstler machen wieder Schlagzeilen, wecken Hoffnungen auf Heilung wie zuvor die embryonalen Stammzellen. Doch der Traum, bald mit diesen Zellen Krankheiten wie Krebs, Parkinson oder Alzheimer heilen zu können, habe sich weitgehend zerschlagen, urteilt der Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe, Bioethik-Experte der CDU. Es sei eine große Ernüchterung eingetreten. "Die Arbeiten mit humanen embryonalen Stammzellen seien erst im experimentellen Stadium", zitiert er einen 16-seitigen Bericht des "Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages". Das bestätigt auch der diese Woche veröffentlichte zweite Stammzellbericht der Bundesregierung. Demnach müssten vor einer routinemäßigen Übertragung der Erkenntnisse auf den Menschen noch zahlreiche grundlegende Fragen der Entwicklungsbiologie und Zelldifferenzierung beantwortet werden.
Gleichwohl entfachte die Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) kürzlich erst die Debatte um die Arbeit mit diesen Zellen, aus denen sich die mehr als 200 Zelltypen des menschlichen Körpers entwickeln. Die DFG will die gesetzlichen Fesseln lockern, die deutsche Forscher an der Teilnahme an internationalen Projekten behindern, ihnen nur die Forschung mit "alten" Stammzelllinien erlauben. Auch BundesforschungsministerinAnnette Schavan (CDU) ist jetzt bereit über eine Verschiebung der Stichtagsregelung nachzudenken, die deutschen Forschern den Zugang zu Zellen, die nach 2002 hergestellt wurden, verwehrt.
Die DFG rüttelt am Stammzellgesetz, weil "an der Entwicklung von Therapieverfahren mit humanen embryonalen Stammzellen mit Hochdruck gearbeitet" werde. Das sei grober Unfug, befindet Hubert Hüppe. Zwar werde weltweit mit 140 humanen embryonalen Stammzelllinien experimentiert, und in Deutschland könnten für Experimente etwa 80 Stammzelllinien importiert werden, doch klinische Studien mit den begehrten Alleskönnern gibt es bislang nicht. Nur in den USA und England lägen überhaupt Anträge für derartige Studien vor. Embryonale Stammzellen sind ethisch umstritten, da für sie drei bis fünf Tage alte, künstlich gezeugte Embryonen zerstört werden.
Bislang können die Forscher in der Petrischale aus den embryonalen Stammzellen Herzzellen, Neuronen und Pigment-Epithelzellen züchten. "Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass sich humane embryonale Stammzellen in den nächsten zwölf Jahren nicht als zugelassene Therapie in der Medizin etablieren werden", zitiert Hüppe aus dem Bericht und fügt hinzu, es sei sogar eher so, dass es frühestens in 20 Jahren erste therapeutische Einsätze geben könnte. "Die Forschung mit humanen Stammzellen befindet sich derzeit noch im Stadium der Grundlagenforschung und hat keine Marktrelevanz", stellte der Verband Forschender Arzneimittelhersteller fest. Gleichwohl sieht der Verband eine große Chance für die Therapie bislang unbehandelbarer Krankheiten.
Hingegen werden die adulten Stammzellen, die nach der Geburt in mehr als zwanzig unterschiedlichen Geweben des Körpers zu finden sind, bereits erfolgreich als Ersatzteillager genutzt. Seit vier Jahrzehnten werden mit diesen Zellen, die aber nicht mehr in alle 200 Gewebetypen verwandelt werden können, Blutkrankheiten wie bestimmte Formen der Leukämie, Anämien und Immundefekte behandelt. Klinische Studien laufen zur Behandlung nach Herzinfarkt, Brustkrebs, rheumatoider Arthritis, multipler Sklerose, Morbus Crohn oder Hornhautdefekten.
Bei der Arbeit mit adulten Stammzellen gelingen auch Innovationen. So schilderten italienische Forscher in der Dezember-Ausgabe des Magazins "Nature Medicine" den ersten kombinierten stammzell- und gentherapeutischen Eingriff. Einem Mann mit der Hauterkrankung Epidermolysis bullosa (Schmetterlingskrankheit) verabreichten sie ein Stammzelltransplantat seiner eigenen Hautzellen, die sie vorher gentechnisch korrigiert hatten. An der Krankheit, die durch einen Gendefekt hervorgerufen wird, leiden in Europa 30 000 und weltweit 500 000 Menschen. 80 Prozent davon erkranken an Hautkrebs. Die Ärzte konnten dem Mann helfen.
"Die ersten Ergebnisse aus den klinischen Studien mit adulten Stammzellen müssen allerdings unbedingt noch überprüft werden, bevor man sagen darf, dass man mit ihnen heilen kann", betont Hüppe. Denn oft sei völlig unklar, auf welche Weise sich eine heilende Wirkung entfaltet.
Eines sei allerdings klar, so Hüppe: Gesetze müssen nicht verändert werden - denn die Grundlagenforschung werde nicht behindert.



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