Masern: Eins von 1000 erkrankten Kindern stirbt an den Folgen. Um die Krankheit auszurotten, müßten 95 Prozent der Kinder geimpft sein. In Hamburg sind es 70 Prozent. Aus Deutschland gelangen die Viren in die ganze Welt.
Es ist der größte Masernausbruch seit Jahren. 1106 Menschen sind bis jetzt allein in Nordrhein-Westfalen an dieser Virusinfektion erkrankt - 88 allein in der vergangenen Woche. 160 Patienten mußten in Kliniken behandelt werden, ein sieben Jahre altes Mädchen wird möglicherweise bleibende Nervenschäden behalten. "Masern sind eine gefährliche Krankheit. Statistisch gesehen stirbt eines von 1000 Kindern infolge der Masern. Wir unterschätzen sie, weil sie eher selten auftreten", sagt der Kinderarzt Dr. Hans-Ulrich Neumann, Vorsitzender des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte Hamburg. Auch in Hamburg gibt es Einzelfälle. In diesem Jahr seien bislang sieben Kinder erkrankt.
Das Masern-Virus
Mittelohr- und Lungenentzündungen sind die harmloseren Komplikationen, die nach Masern auftreten können. Daran leiden bereits 51 Kindern in Nordrhein-Westfalen. "Gefährlicher ist die Masernenzephalitis, eine Entzündung des Gehirns durch die Masernviren", warnt der Mediziner. Eines von 500 Kindern erkrankt an dieser Entzündung, die mit Seh- und Hörstörungen verbunden ist - in Nordrhein-Westfalen leiden sogar bereits drei an dieser Hirnentzündung. Sie kann einen chronischen Verlauf nehmen und den Kindern auch Jahre nach der Maserninfektion den Tod bringen.
"Dabei sind diese Folgen vermeidbar", betont Neumann. Schließlich gibt es einen hochwirksamen Impfstoff, der aus abgeschwächten lebenden Masernviren hergestellt wird. Er schützt wirksam und wohl auch lebenslang. "Aber die Impfsituation in Hamburg ist schlecht", urteilt Neumann. So erhielten zwar 70 Prozent der Hamburger Kinder mit zwölf Monaten noch die erste Impfung, aber nur noch 22 Prozent die zweite Impfung, die vier Wochen nach der ersten Impfung erfolgen sollte. Nur dieses Doppelpack garantiert, daß wirklich alle Kinder einen Schutz gegen "wilde" Masernviren entwickeln.
Auch im bundesweiten Vergleich, der auf Schuleingangsuntersuchungen 2004 beruht, steht Hamburg nicht gut da. Deutschlandweit erhalten demnach 93,3 Prozent aller Kinder die erste und 65,7 Prozent die zweite Impfung. Wobei in den neuen Ländern deutlich mehr Kinder geimpft werden als in den alten Ländern, so Günther Dettweiler, Sprecher des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI). Insgesamt sei die Situation aber nicht zufriedenstellend. Um die Masern in Deutschland auszurotten, sei es notwendig, daß 95 Prozent der Kinder geimpft würden. Davon ist Deutschland - im Unterschied zu den USA, Kanada oder Mexiko - noch weit entfernt. Im Gegenteil, aus Deutschland wird das Virus in alle Welt exportiert. So erreichten Masernviren aus Deutschland 1998 Brasilien und vier Jahre später Venezuela. Dort kam es jeweils zu einem Massenausbruch. Deutschland zähle zu den größten Masernexporteuren der Welt, klagte der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission beim RKI, Prof. Heinz-Josef Schmitt.
Wie man die Impfrate in Deutschland steigern kann, darum geht es auf einer Tagung des RKI und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), zu der Experten Ende der Woche in Berlin kommen. Eine Maßnahme ist sicherlich, Schulimpfprogramme durchzuführen. "Hamburg ist das einzige Bundesland, in dem die Impfärzte in die Schulen gehen und dort die Impfungen anbieten", sagt Janne Klöpper, Sprecherin des Instituts für Hygiene und Umwelt.
Ob die Kinder geimpft werden, entscheiden allerdings die Eltern, denn es gibt in Deutschland keine Impfpflicht. "Die meisten Eltern wollen impfen, doch dann haben die Kinder einen Infekt, und der Termin wird verschoben - und eben oft auch vergessen", sagt Neumann. Einige hätten auch Angst, daß bei den Impfungen dramatische Nebenwirkungen auftreten. "Doch nur selten kommt es nach einer Impfung zu leichtem Fieber", sagt Neumann.
In Finnland, wo die Masern nicht mehr auftreten, gehen die Mediziner von bis zu fünf Impfreaktionen auf 100 000 Impfungen aus. "Diese Zahlen sind Schätzungen. Sicher ist, daß eines von 1000 erkrankten, nicht geimpften Kindern infolge der Maserninfektion stirbt, weltweit sind es jedes Jahr eine Million Kinder", so Neumann. Er hofft, daß die WHO ihr Ziel, die Masern bis 2007 auszurotten, erreicht. Denn die Maserninfektionen sind etwa für die Hälfte aller durch Impfung vermeidbaren Todesfälle verantwortlich.
Die Impfungen werden für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre von der Kasse erstattet. Wer sich als Erwachsener impfen läßt, muß keine Praxisgebühr zahlen, weil Impfungen Vorsorgeleistungen sind.












