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Medizin

Schnitt ins Leben

Geburt: Die Zahl der Kaiserschnitte nimmt zu. Zwei Geburtshelfer des AK Altona erläutern die Gründe.

Wenn Frauen ein Kind erwarten, machen sie sich viele Gedanken darüber, wie ihr Baby zur Welt kommen soll. "Sanfte Geburt" oder "natürliche Geburt" galten bei Frauen, auch bei Hebammen und Geburtshelfern lange Zeit als einzig erstrebenswerte Methode. Das sich hier ein Wandel vollzieht, zeigen Statistiken der Weltgesundheitsorganisation: In der gesamten Europäischen Union nimmt die Rate der Kaiserschnitte kontinuierlich zu. Waren es in Deutschland 1990 noch 157 Kinder auf 1000 Geburten, die durch einen Kaiserschnitt zur Welt kamen, lag diese Zahl im Jahre 2000 bereits bei 208. Diese Zunahme hat nach Meinung von Prof. Volker Ragosch (41), Chefarzt der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am AK Altona, mehrere Gründe: "Heute sind Frauen, wenn sie ihr erstes Kind bekommen, im Durchschnitt schon 29 bis 30 Jahre alt. Und es gibt auch sehr viel mehr Frauen als früher, die erst mit Ende dreißig ihr erstes Kind bekommen und kein unnötiges Risiko eingehen wollen. Auch bei Geburtshelfern ist das Sicherheitsbedürfnis größer geworden. So gibt es heute in Deutschland kaum noch eine Klinik, in der Kinder in Steißlage, also statt mit dem Kopf mit dem Po voran, auf normalem Wege geboren werden. Auch würde man weniger Kinder mit einer Zange oder einer Vakuumglocke auf die Welt holen als früher. In solchen Fällen ist heute ein Kaiserschnitt eine gute Alternative." Hinzu kommt, dass durch bessere technische Möglichkeiten schon im Mutterleib Fehlbildungen und andere Risiken für Mutter und Kind erkannt werden können, so dass von vornherein eine Entbindung per Kaiserschnitt angesetzt wird. Diese so genannten geplanten Kaiserschnitte werden zum Beispiel durchgeführt, wenn der Mutterkuchen vor dem Ausgang der Gebärmutter liegt und so den Geburtskanal versperrt. "Auch bei bestimmten Fehlbildungen wie z. B. einem offenen Rücken kann es sinnvoll sein, einen Kaiserschnitt vorzunehmen", sagt Ragosch. Auch zu große Kinder können ein Grund für einen Kaiserschnitt sein. "Die Schwangeren sind heute gut ernährt und mit Vitaminen versorgt, so dass ein Geburtsgewicht von mehr als 4000 Gramm keine Seltenheit mehr ist. Bei dieser Größe bekommen Frauen bei einer vaginalen Geburt meistens langfristig Probleme mit dem Beckenboden", so der Gynäkologe. Ungeplante Kaiserschnitte werden immer dann vorgenommen, wenn es während der Geburt zu unvorhergesehenen Problemen kommt, wie zum Beispiel Blutungen oder wenn das Kind im Geburtskanal feststeckt. "Man tut immer so, als wäre eine vaginale Geburt ein komplikationsfreies physiologisches Erlebnis und der Kaiserschnitt ein medizinischer Eingriff, der auf jeden Fall Probleme macht." Die Realität aber sieht so aus, dass ein geplanter Kaiserschnitt, bei dem eine Betäubung im Rückenmarkskanal für Schmerzfreiheit sorgt, für Mutter und Kind genauso wenig Komplikationen mit sich bringt wie eine vaginale Geburt, wenn keine Risikofaktoren vorliegen", betont Ragosch. Beim Kaiserschnitt dauert es von der Eröffnung der Bauchdecke an nur drei bis vier Minuten, bis das Kind geboren ist, und dann noch mal 15 Minuten bis zum Ende der Operation. Da die Mutter bei dieser Art der Narkose die ganze Zeit wach ist, bekommt sie schon im OP ihr Kind an die Brust gelegt. Von den rund 2200 Geburten im Perinatalzentrum des AK Altona kommen etwa 650 Kinder pro Jahr durch einen Kaiserschnitt auf die Welt. Etwa 70 bis 80 davon sind Kaiserschnitte, die auf Wunsch der Mutter durchgeführt werden, auch wenn eine normale Geburt medizinisch möglich wäre. Ragosch plädiert dafür, solche Wünsche nicht kategorisch abzulehnen, sondern individuell mit der Frau gemeinsam zu überlegen, welche Geburtsmethode für sie die beste ist. "Die meisten Frauen, die diesen Wunsch haben, haben dafür wohl überlegte Gründe. Häufig sind es Patientinnen, die schon eine vaginale Geburt hinter sich haben und damit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Andere haben Angst vor der Geburt, vor den Schmerzen. Unsere Aufgabe besteht darin, zusammen mit der Hebamme mit diesen Frauen ein Gespräch zu führen, um ihr die Angst vor einer vaginalen Geburt zu nehmen. Dabei erklären wir ihr, dass eine vaginale Geburt ein natürlicher Vorgang ist und dass wir gegen Schmerzen etwas tun können. Wenn die Patientin aber bei ihrer Meinung bleibt, würde ich einen Kaiserschnitt auf Wunsch nicht ablehnen." "Heute sind die Mütter informiert und lassen sich ausführlich beraten. Wenn sie sich dann für einen Kaiserschnitt entscheiden, muss ich das als Arzt akzeptieren, auch wenn ich vielleicht anderer Meinung bin", sagt Dr. Volker Kleinfeld (47), Oberarzt im Perinatalzentrum, und vergleicht diese Entscheidung mit anderen Bereichen der Medizin, in denen Ärzte auch akzeptieren müssten, wenn ihre Patienten bestimmte Behandlungen ablehnen. "Es steht außer Frage, dass wir bei Frauen ohne Risikofaktoren eine natürliche Geburt befürworten. Aber es gibt Fälle, in denen ein Kaiserschnitt Sinn hat", betont Prof. Volker Ragosch und fügt hinzu: "Das Dogma ,Nur eine natürliche Geburt ist eine gute Geburt' ist nicht mehr zeitgemäß. Das trifft nicht mehr den Nerv der Frauen von heute, und es trifft auch nicht mehr die Situation der Geburtshilfe von heute."

 

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