Fast jeder kennt die Situation: Es zieht und zwickt im Rücken. Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse sagt: Mit der Bandscheibe hat das nichts zu tun, Schonung ist auch falsch. Bewegung heißt das neue Heilungsziel.

Landläufig gelten sie als "Volkskrankheit": Rückenschmerzen. Wir sprachen mit Professor Ingo Froböse über seinen neuen Ansatz zur Behandlung der Beschwerden, über die Bewegungsunwilligkeit der Deutschen und ein neues Gesundheitssystem.

Mehr zum Thema

Abendblatt Sonntags: Wann hatten Sie das letzte Mal Rückenschmerzen?

Ingo Froböse: Ich hatte noch nie Rückenschmerzen.

In Ihrem Buch sagen Sie, dass Rückenschmerzen nur selten - wie bisher angenommen - mit den Bandscheiben zu tun haben. Was sind die wirklichen Gründe?

Froböse: Die Gründe sind vielfältig. Oft kann man Rückenschmerzen keiner klaren Ursache zuordnen. Wir wissen aber, dass es ganz bestimmte Umstände gibt, die diese Schmerzen begünstigen, wie beispielsweise eine geschwächte Muskulatur. Auch Stress und psychische Belastungssituationen können Ursachen sein.

Ihr Buch verspricht einen neuen Ansatz zur Behandlung von Rückenschmerzen.

Froböse: Das Neue ist, dass ich kein rückenschonendes Verhalten propagiere. Meiner Meinung gibt es nur einen Weg, sich rückengerecht zu verhalten - und dieser Weg heißt Bewegung. Damit widerspreche ich allen anderen Strategien.

Aber dass Bewegung bei Rückenproblemen hilft, ist seit längerer Zeit bekannt. Das gilt auch für die Übungen, die Sie beschreiben.

Froböse: Zuerst einmal lehne ich die Behauptung ab, es mache Sinn, den Rücken zu schonen. Der zweite große Unterschied ist, dass ich mich mit der Wahrnehmung beschäftige. Es gibt Rezeptoren in der Rückenregion, die verkümmern, wenn ich sie nicht nutze. Das Fatale daran: Diese Rezeptoren sagen mir, was mit meinem Rücken nicht in Ordnung ist. Ich erkläre den Menschen, auf welche Weise sie diese Rezeptoren stimulieren können, bis sie wieder ihre Funktion erfüllen. Das ist völlig neu. Die meisten Patienten machten es bislang so: Sie üben, üben, üben. Aber das "Wie", also wie sie am besten die Signale des Körpers in ein adäquates Training umsetzen, das beachten sie nicht.

Heißt das für mich, dass ich mich bei Rückenschmerzen bewegen soll, anstatt mich zu schonen? Würden Sie also sagen, dass ich mich nicht falsch bewegen kann, sondern bloß falsch schonen?

Froböse: Ja, grundsätzlich stimme ich dem zu. Es kann natürlich Situationen geben, in denen ein akuter, sehr starker Schmerz mich nötigt, mich vorübergehend zu schonen. Eine Wärmebehandlung oder eine Entspannung der Muskulatur können da helfen. Aber prinzipiell gilt: Je früher und schneller ich wieder mit Bewegung beginne, desto besser.

Ärzte haben mir berichtet, ihre Patienten wollten oft gar nicht aktiv zu ihrer Genesung beitragen. Gibt es den Typus des deutschen Patienten, der sein Heil nur in Pillen sucht?

Froböse: Viele denken, sie müssten sich schonen. Und viele Patienten glauben, nur der Arzt, der ihnen Medikamente verschreibt, sei ein guter Arzt. Die Ärzte werden damit ihrer Verantwortung nicht gerecht. Denn da sie ihre Patienten mit einem Rezept nach Hause schicken, bleiben die Patienten in dem Glauben, dass ein Rezept notwendig zu einem guten Arzt gehöre. Dabei ist ein guter Arzt ein Arzt, der dafür sorgt, dass ich kein Rezept brauche, in dem er die Selbstheilungsmechanismen, die in jedem Menschen stecken, aktiviert. Bei 98 Prozent aller Rückenschmerzen bestehen allein durch Bewegung gute Heilungschancen. Und dafür brauche ich kein Rezept.

Sind Rückenschmerzen eine Zivilisationskrankheit, mit der man sich abfinden muss?

Froböse: Nein. Eine Zivilisationskrankheit ist für mich eine Erkrankung, die aus gesellschaftlichen Ereignissen heraus auftritt, ohne dass man etwas dagegen tun kann. Denken Sie an die Pest oder die Tuberkulose. Rückenschmerzen gehören nicht dazu. Auch der Neandertaler hatte schon Rückenschmerzen. Es handelt sich um eine selbst gemachte Krankheit.

Dennoch laufen Tausende Bürger jährlich zum Arzt und belasten die Krankenkassen. Könnte ein anderer Umgang mit sogenannten Volkskrankheiten wie Rückenschmerzen oder Tinnitus die Kassen entlasten?

Froböse: Wir haben 55 Milliarden Euro direkte und indirekte Kosten, die im Zuge von Rückenschmerzen entstehen. Eine ganze Reihe an Maßnahmen ist völlig unwirksam. Massage zum Beispiel oder Korsetts. Kein Effekt ist je bewiesen worden. Eine Menge Geld wird einfach rausgeschleudert. Wir haben in diesem Bereich eine völlige Fehl- und Überversorgung.

Die Politik arbeitet ja an Lösungen. Glauben Sie, dass die geplante Gesundheitsreform zu einer Verbesserung der Situation beitragen wird?

Froböse: Das Gesundheitswesen ist marode. Entweder ergibt man sich und dann kollabiert es über kurz oder lang, oder man strukturiert es völlig neu. Umstrukturieren heißt, dass man dem Bürger viel mehr Verantwortung gibt. Das fatale an unserem System ist, dass nur etwas bekommt, wer sich falsch verhält. All jene Menschen, die ungesund leben, schöpfen das Geld ab - also die Übergewichtigen, die Raucher oder die Alkoholiker. Wir müssen mehr Verantwortung auf den Einzelnen übertragen. Wir müssen einen Masterplan entwickeln, der sich durch Prävention auszeichnet. 70 Prozent aller Erkrankungen sind heute durch den Lebensstil bedingt, nur 30 Prozent haben genetische Ursachen. Der Rückenschmerz ist so auf die Bandscheiben fokussiert, weil der Arzt bloß für die Bandscheiben Geld bekam. Deshalb haben Ärzte laufend Bandscheibenprobleme diagnostiziert - ohne dass sie jemals vorlagen. Dass Ärzte ihre Vergütung in den Mittelpunkt stellen und nicht ihre eigentliche Verantwortung den Patienten gegenüber, ist absurd.

Auch Dietrich Grönemeyer hat ein Buch über den Rücken geschrieben. Sind Ihre Methoden unterschiedlich?

Froböse: Ja, weil Professor Grönemeyer von medizinischer Seite die Behandlung in den Mittelpunkt gestellt hat und viel Informationen zu Operationstechniken gibt. Ich bin der Meinung, dass wir bei Rückenschmerzen noch zu viel operieren. Und wenn man operiert, entstehen Narben. Dieses Narbengewebe ist unkontrolliert und bereitet große Probleme. Noch mal: Weniger Behandlung, mehr Eigenverantwortung!

Letzte Frage: Wenn Gesundheitsministerin Ulla Schmidt eine Fee wäre und Sie hätten drei Wünsche frei, was würden Sie sich wünschen?

Froböse: Von Ulla Schmidt würde ich mir erstens wünschen, dass sie den Ärzten deutlich mehr auf die Finger klopft, deutlich mehr Mut besitzt, die Ärzte in ihre Schranken zu weisen, um das gesamte Medizin- und Apothekensystem zu durchbrechen. Nummer zwei: Ich würde mir wünschen, sie würde die Gesundheitskompetenz als Aufgabe der Gesellschaft auf allen Ebenen realisieren. Wie kann es sein, dass in einem Land wie Deutschland nicht eine einzige Unterrichtsstunde für Gesundheit angelegt ist? Und als Drittes würde ich mir wünschen, dass wir den ökonomischen Gedanken von der Gesundheit abkoppeln. Wir dürfen die Gesundheit nicht länger als Wirtschaftssystem begreifen, sondern müssen sie auf vernünftigem, vielleicht sogar philosophischem Wege neu verstehen. Denn die Gesundheit ist ein Lebenselixier unserer Gesellschaft.