Chinas dicke Kinder
Übergewicht: Der Nachwuchs wird verwöhnt und oft regelrecht gemästet. Deutsche Experten waren in China, um über Maßnahmen gegen Übergewicht bei Kindern zu beraten. Zwei Hamburger Mitglieder der Delegation berichten über ihre Erfahrungen.
Auf ganz besonderer Mission im Reich der Mitte - eine deutsche Delegation reiste kürzlich in chinesische Großstädte, um sich eines Problems anzunehmen, das in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewann: Immer mehr Kinder in China sind zu dick. Jetzt hatte der All-Chinesische Jugendverband zwölf Experten aus dem gesamten Bundesgebiet eingeladen, um mit ihnen über die Lösungen dieses Problems diskutieren. Die Gruppe, bestehend aus Kinderärzten, Kinder- und Jugendpsychiatern und einer Sozialpädagogin, besichtigten in den Großstädten Shanghai, Peking und Chongqing unterschiedliche Einrichtungen, in denen gesunde und kranke Kinder betreut werden.
"Es hat uns schon sehr verwundert, daß es in diesem Land, das nicht besonders reich ist, überhaupt ein solches Problem gibt", sagt Dr. Christiane Petersen, Schulärztin und Leiterin von "Moby Dick", einem Hamburger Gesundheitsprogramm für übergewichtige Kinder. Sie und Dr. Carola Bindt, leitende Oberärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik am UKE, nahmen als Hamburger Vertreter an der Reise teil. Daß es in China soviel übergewichtige Kinder gibt, hat einen ganz bestimmten gesellschaftlichen Hintergrund: China ist mit 1,2 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Erde. Um eine Bevölkerungsexplosion in dem Land zu vermeiden, wird von der Regierung bereits seit den 70er Jahren eine strikte Politik der Familienplanung verfolgt. Dazu gehört auch die Ein-Kind-Politik, die Familien vorschreibt, den Nachwuchs auf ein Kind zu begrenzen. "Und auf diesem einen Kind ruhen jetzt die Hoffnungen der gesamten Familie. Es soll gesund bleiben und einen guten Beruf lernen, damit es später Eltern und Großeltern versorgen kann", berichtet Dr. Petersen. Die Folge: "Viele dieser Kinder werden verwöhnt und regelrecht gemästet."
Es gibt bereits wissenschaftliche Studien, die diese Entwicklung belegen: "Danach sind die Zahlen der übergewichtigen Kinder im Alter zwischen acht und 16 in den vergangenen Jahren stetig gestiegen und liegen jetzt bei acht bis 15 Prozent. Betroffen sind vor allem die höheren Bevölkerungsschichten, und dort vorwiegend Jungen. Es ist ein Phänomen, das besonders in den Großstädten zu beobachten ist. Auf dem Lande, wo die Bevölkerung sehr arm ist, sind die Kinder eher zu dünn", sagt Dr. Carola Bindt. Besonders fiel auf, daß nur ein geringer Prozentsatz der Eltern von übergewichtigen Kindern ihre Kinder für zu dick hielt. Ein wohlgenährtes Kind gilt in China traditionell als Zeichen von Wohlstand und Kraft. "Das westliche Schlankheitsideal hat sich in China noch nicht durchgesetzt und gilt, wenn überhaupt, vor allem bei den Mädchen", so die Kinderpsychiaterin.
"Weil viele Eltern und Großeltern ihrem kleinen Prinzen etwas Tolles gönnen wollen, gehen sie oft in Fast-Food-Restaurants und füttern sie nur mit sehr nährstoffreichen Nahrungsmitteln", berichtet Petersen. Und beim traditionellen chinesischen Essen werde der Reis erst sehr spät serviert: "Am Anfang der Mahlzeit gibt es nur gebratenes Fleisch und Gemüse, Saucen, ohne Beilagen. Es gilt als unfein, wenn man den Reis sehr früh serviert." Und so bekommen viele Kinder viel fettes Fleisch und ausgesuchte Nahrungsmittel, der gesunde Reis spielt eher eine Nebenrolle. "Und wenn das Kind nicht gefüttert wird, muß es am Schreibtisch sitzen und lernen. Es muß am Computer spielen, es muß noch gewisse Kurse machen, und es wird von einem Termin zum anderen geschickt, damit es die bestmögliche Ausbildung bekommt. Bewegung und Sport sind dabei Nebensache."
Alles zusammen führt dann dazu, daß viele Kinder irgendwann zu dick sind. "Das Bewußtsein in der Bevölkerung dafür, daß das Übergewicht Folgeerkrankungen wie Altersdiabetes und Herz-Kreislauferkrankungen nach sich zieht und damit das Leben dieser Kinder möglicherweise verkürzt, ist noch nicht besonders ausgeprägt. Dieser Prozeß des Umdenkens kommt erst langsam in Gang", so Petersen.
Mittlerweile gibt es erste Projekte, um das Problem in den Griff zu bekommen: "Wenn bei den jährlich stattfindenden schulärztlichen Untersuchungen festgestellt wird, daß ein Kind übergewichtig ist, bekommt es ein Rezept ausgestellt. Darauf steht ein detailliertes Bewegungsprogramm, in dem genau vorgegeben ist, wie oft das Kind welche Bewegungsübungen machen soll. Die Lehrer in der Schule und die Eltern achten dann darauf, daß dieses auch umgesetzt wird. Bei der nächsten Untersuchung wird das Ergebnis überprüft."
Dann gibt es in einer Schule ein Modellprojekt, die sogenannten Happy minutes. "Das sind Bewegungspausen von zehn Minuten, die zusätzlich einmal am Tag zu den normalen Unterrichtspausen eingelegt werden. Dort lernen die Kinder unter Anleitung eines Sportlehrers, sich zu bewegen. Diese Übungen können auch Anregungen bieten für zu Hause oder die Freizeitgestaltung", so Bindt.
Zusammen mit ihren chinesischen Kollegen denken die deutschen Experten jetzt darüber nach, welche Ideen sie voneinander übernehmen können. "Wir hoffen, daß wir von solchen kollektiven Ansätzen auch etwas mit nach Hamburg nehmen und in die schulärztliche Arbeit integrieren können", sagt Petersen. Auf der anderen Seite sei vorstellbar, daß das Abnehmprogramm "Moby Dick" auch in China angewendet wird, angepaßt an die dortigen Lebensweisen und Maßstäbe.
Die größte Hürde bei der Umsetzung solcher Maßnahmen ist die kulturelle Barriere: "Wenn chinesische Eltern denken, sie tun ihrem Kind etwas Gutes, wenn sie es dick füttern, dann können alle Ärzte der Welt nichts dagegen ausrichten", so das Resümee von Dr. Christiane Petersen.




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