Strukturreform: Renommierte Studiengänge sollen gestrichen, Institute geschlossen werden. Die Professoren befürchten einen Kahlschlag mit schlimmen Folgen.
Hamburgs Universität im Wandel - welche Fächer werden gestrichen, welche Institute geschlossen? Auf der Abschussliste stehen das Institut für Pharmazie und das Archäologische Institut, die Studiengänge Sprachlehrforschung und Skandinavistik und der Arbeitsbereich Verhaltenslehre (Ethologie) im Zoologischen Institut. Dozenten und Professoren sprechen von einer "Provinzposse", von "Kahlschlag" und einer gewachsenen Kompetenz, die "zunichte gemacht wird".
Dozenten und Studenten wehren sich mit Streik und Unterschriftenlisten. Doch sie werden die Strukturreform nicht aufhalten können, die Wissenschaftssenator Jörg Dräger mit den Hochschul-Chefs vereinbart hat. Die Eckpunkte: weniger Studienanfänger, aber mehr Kandidaten, die bis zum Examen durchhalten, eine straffere Organisation und weniger Fächer. Eine Strategie: Fächer, die auch in Schleswig-Hostein angeboten werden, sollen möglichst an einem Standort konzentriert werden.
"Es hat Gespräche zwischen den Universitäten Hamburg und Kiel gegeben mit dem Ziel, unterschiedliche Schwerpunkte an den beiden Hochschulen zu setzen", sagt Universitätssprecher Peter Wiegand. Er betont, dass die anvisierten Schließungen weit geringer ausfallen als in den Vorschlägen der Dohnanyi-Kommission vorgesehen. "Dort war die Streichung von mehr als 20 Fächern angedacht." Uni-Präsident Jürgen Lüthje habe sich immer wieder zur Fächervielfalt bekannt.
Dennoch stößt die Auswahl auf Kritik. "Unser Dekan hat einen Brief von der Universitätsverwaltung bekommen, nach dem die Schließung unseres Instituts wahrscheinlich ist", sagt Dr. Jörg Orschiedt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Archäologischen Institut. "Wir sind ein Verbund aus vier Studiengängen. Diese innovative Struktur soll zerschlagen werden." Nur die klassische Archäologie soll in Hamburg bleiben, der Kunstgeschichte zugeordnet. Die Vor- und Frühgeschichte - in Kiel stark vertreten - würde in Hamburg wegfallen.
Auch das bei den Archäologen angesiedelte Lehr- und Forschungsfeld Mesoamerikanistik (Mittelamerikakunde) - einmalig in Norddeutschland - soll verschwinden, ebenso die Ägyptologie. Nachdem vor zwei Jahren die Altorientalistik gestrichen wurde (trotz Angebot einer privat gesponserten Professur), hätte Hamburg vier von fünf archäologischen Studiengängen verloren - "das ist keine maßvolle Reduktion, sondern Kahlschlag", heißt es.
Skandinavistik-Professor Dr. Kurt Braunmüller befürchtet sogar Nachteile für den Wirtschaftsstandort Hamburg. Er fragt, ob es sich die Stadt leisten könne, "die Tür nach Skandinavien zuzuschlagen". Braunmüller: "450 skandinavische Firmen sind in Hamburg vertreten. Unsere Absolventen sind bei ihnen gefragt."
Zwar werde auch in Kiel Skandinavistik angeboten, allerdings anders ausgerichtet. "Wir haben unser Studium vor 20 Jahren auf Sprachbeherrschung und praktische Nutzung umgestellt", so Braunmüller. Eben dieses Konzept liege den Dohnanyi-Vorschlägen zu Grunde, nach denen gegenwärtig umstrukturiert werde.
Warum sind es durchweg kleine Fächer, die wegfallen sollen? Ein Professor vermutet: "In kleinen Fächern ist nicht mit großem Widerstand zu rechnen. Aber mit Sachkunde hat diese Entscheidung nichts zu tun."
Auch Fächer, die nicht unmittelbar bedroht sind, müssen mit Problemen rechnen. Denn das Geld wird bald anders verteilt. Alle Etats werden um zwei Prozent gekürzt. Diese Mittel fließen in ein "Innovationsbudget", über das je zur Hälfte Hochschulleitung und Behörde verfügen. Sie sollen befristete Projekte finanzieren. Die Kehrseite: Für den laufenden Betrieb gibts weniger Geld. Da fragt sich Zoologie-Professor Dr. Lothar Renwrantz: "Wer unterrichtet dann die Studenten?" Seit 1999 seien allein bei der Zoologie zehn Lehrende ausgeschieden, in diesem Jahr gehen drei weitere in Ruhestand. "Nur eine Professur wurde wieder besetzt."
Auch die wissenschaftlichen Sammlungen des Zoologischen Museums sieht er gefährdet. "Die knappe Personaldecke erträgt keine weiteren Einbußen", heißt es in einem Memorandum der Zoologie-Lehrenden. 30 000 Hamburger und Touristen im Jahr besuchen die Schausammlung.
Wie geht es weiter? Der Akademische Senat und der neu gegründete Hochschulrat der Uni werden die Weichen stellen. Doch Fachbereiche, die den Vorschlägen der Unileitung nicht folgen, sollen eigene Alternativkonzepte vorlegen. Dagegen protestiert ein Professor: "Es ist doch nicht meine Aufgabe, Kollegen zum Schlachten freizugeben."
Bis Oktober dieses Jahres muss entschieden sein. Uni-Sprecher Wiegand: "Die Zusammenlegung der 18 Fachbereiche der Universität in sechs Fakultäten muss im Herbst abgeschlossen sein. Bis dahin muss klar sein, welche Studiengänge aufgegeben werden." Und den Studenten verspricht er: "Niemand muss deswegen an eine andere Uni wechseln."
Wer die Streichliste der Unileitung nicht akzeptiert, soll Alternativvorschläge machen. Ein Professor protestiert: "Es ist doch nicht meine Aufgabe, Kollegen zum Schlachten freizugeben."













