Dekane stoppen Reformvorbereitung
Geisteswissenschaftler befürchten die Halbierung der Professorenstellen und das Sterben ganzer Fächer an der Uni Hamburg. Um die Details wird hinter den Kulissen mit der Behörde hart verhandelt
Die Dekane von vier Fachbereichen der Uni Hamburg haben alle Vorbereitungen für die neuen Studienabschlüsse (Bachelor, Master) vorläufig eingestellt, ebenso wie die für die Bildung der Fakultäten. Als Grund nennen sie die ungewisse Zukunft ihrer geisteswissenschaftlichen Fächer.
Auslöser ihres Protestes ist ein erster Entwurf von Wissenschaftssenator Jörg Dräger (36) zu den so genannten "Ziel- und Leistungsvereinbarungen". In diesem Vertrag legen Universität und Behörde die Entwicklung der kommenden Jahre fest. Über dieses Papier wird hinter den Kulissen noch verhandelt. Doch die Fronten sind klar.
Die Professoren und die Hochschulleitung fürchten um den Ruf der Geisteswissenschaften. Wenn Drägers Vorschläge umgesetzt würden, "bedeutet das die Zerschlagung der Geisteswissenschaften", sagt Prof. Dr. Knut Hickethier (59), Sprecher der Dekane von vier Fachbereichen (Sprach-, Literatur-, Medienwissenschaften; Philosophie, Geschichtswissenschaft; Kulturgeschichte, Kulturkunde; Orientalistik/Asien-Afrika-Institut).
Drägers Plan geht im Kern zurück auf das im Januar 2003 vorgestellte Gutachten des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi (76). Danach soll die naturwissenschaftliche Ausbildung gefördert, die Kapazität an anderer Stelle gesenkt werden.
So soll nach Drägers aktuellem Entwurf die Zahl der derzeit 152 Professorenstellen in den vier Fachbereichen bis 2012 auf 77,5 fast halbiert werden. Die Folge: Fächer wie Volkskunde, Archäologie, Ethnologie müssten gestrichen werden. Studentin Kerstin Fremder-Sauerbeck, Sprecherin der Fachschaftsrätekonferenz Kulturgeschichte, meint: "Dräger hält die meisten der 50 Studiengänge in den Sprach-, Geistes- und Kulturwissenschaften für unrentabel und überflüssig. Sein Ziel ist die Umstrukturierung zu einem Ausbildungsdienstleister für den Wirtschaftsstandort."
Die Vielfalt der Uni mit ihrem Wissen über fremde Kulturen sei für die Wirtschaftsmetropole und Hafenstadt Hamburg von großer Bedeutung. Das hat Uni-Präsident Jürgen Lüthje mehrfach betont. Ob die Vielfalt der Uni aber erhalten werden kann, sei "seit Jahren Dissens zwischen dem Senator und der Universität", sagt Uni-Sprecher Peter Wiegand (36), der "schwierige Verhandlungen" erwartet. Dabei wollen sich auch die Professoren notwendigen Veränderungen nicht entgegenstellen. Prof. Hickethier bestätigt: "Wir müssen umstrukturieren." In den vergangenen zehn Jahren seien 25 Prozent der Stellen gestrichen worden.
Eine weitere Reduzierung der Professorenstellen in den vier Fachbereichen von 152 auf etwa 130 war bis 2010 intern sogar schon angepeilt. Doch mit der jetzt veranschlagten Radikalkur sehen viele Hochschullehrer den Hochschul- und Wissenschaftsstandort Hamburg gefährdet. Der halbierte Personalbestand in Germanistik würde nur noch reichen, um die von der Schulbehörde vorgebene Kapazität an Lehrern auszubilden.
Ihre Bedenken haben die vier Dekane in einem Brief an den Senator im Juli formuliert. Eine Antwort gab es bisher nicht. Dräger erklärte gestern, sein Gesprächspartner sei "das Universitätspräsidium". Und dessen Spielraum wird maßgeblich von der Meinung des Hochschulrates bestimmt werden. Dieses neue und höchste Gremium der Uni tritt Mitte September zusammen. Es entscheidet über die grundsätzliche Strategie der Hochschule - auch über die Frage, ob sich die Uni Hamburg mit ihren Geisteswissenschaften auf Dauer weiter zu den fünf größten deutschen Hochschulen Deutschlands zählen kann.



100. Geburtstag
Axel Springer
Branchenbuch Hamburg







Das Rätsel des Tages



