Neue Funde könnten helfen, noch offene Geheimnisse um die legendäre Schlacht gegen den Cheruskerfürsten Arminius im Teutoburger Wald zu enträtseln.

Hamburg. Es ist die stärkste Streitmacht des Imperiums, konzentriert im wichtigsten Außenposten weit vor den Grenzen Roms. Dort bricht im Jahre 9 n. Chr. Publius Quinctilius Varus auf, um Germanien das Fürchten zu lehren, und findet mit seinen vier Legionen den Tod - in jener Schlacht im Teutoburger Wald, die durch zwei Jahrtausende in Liedern, Legenden und Mythen den Freiheitsstolz und das Selbstbewusstsein der Deutschen nährt.

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Jetzt scheint die Stätte des Aufbruchs in die größte militärische Katastrophe der Antike identifiziert: In Porta Westfalica bei Minden glauben Archäologen, das Lager gefunden zu haben, in dem begann, was bis in unsere Tage dem einen Triumph, dem anderen Tragödie blieb.

Über den Ort der Schlacht streiten Gelehrte bis heute, die meisten tippen inzwischen auf Kalkriese bei Osnabrück. "Doch die Struktur vor dem Kollaps ist viel interessanter", sagt Daniel Berenger, Vize-Chefarchäologe im Landschaftsverband Westfalen-Lippe, über den neuen Fundort. Dieser lasse "in Qualität und Dichte einiges erwarten": Münzen, Gewandspange, Sandalennägel, Bleilote, ein Bleigewicht, ein römischer Mühlstein und ein stilisiertes Gesicht offenbar vom Henkel einer Bronzekanne führen direkt in die Zeit, in der Varus auf dem Boden des heutigen Stadtteils Barkhausen seinen Untergang heraufbeschwor.

Die Bildungstradition kennt die Varusschlacht vor allem als blutiges Spektakel, in dem germanischer Freiheitsdrang über römische Eroberungsgelüste siegte. Jetzt aber könnten die neuen Funde die These stützen, dass es bei dem Vormarsch des Senators eher um eine Art "Schaulaufen" ging: Strategische Aufgabe war nicht die Unterwerfung Germaniens durch einen Eroberungskrieg, sondern die friedliche Einverleibung des Landes zwischen Rhein und Elbe allein durch die mit möglichst viel Pracht und Prunk vorzuführende Überlegenheit der römischen Zivilisation.

Varus kommt nicht etwa als kriegslüsterner Feldherr, sondern als altgedienter Verwaltungsbeamter, ein Mann des Amtssiegels, nicht des Schwertes, allerdings kompromisslos in der Durchsetzung der römischen Staatsinteressen vor allem im Straf- und Steuerrecht. Sein Vater Sextus Quinctilius Varus hat als Quästor richterliche Untersuchungen durchgeführt und öffentliche Kassen verwaltet, bevor er sich als überzeugter Republikaner nach der Niederlage der Cäsarmörder 42 v. Chr. bei Philippi von einem Freigelassenen den Tod geben lässt. Der Sohn wird 23 v. Chr. ebenfalls Quästor, begleitet Kaiser Augustus auf dessen Orient-Reise und steigt danach zu höchsten Ämtern und Ehren auf.

Im Jahr 13 wird er gemeinsam mit dem späteren Kaiser Tiberius Konsul und damit höchster Verwaltungsbeamter des Reichs. Zweimal heiratet er Großnichten seines Kaisers. Er dient Augustus als Prokonsul in Afrika und schlägt als Legat in Syrien mit drei Legionen nach dem Tod Herodes des Großen, des Kindermörders von Bethlehem, gefährliche Revolten nieder. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus schildert ihn als "Mann von mildem Wesen, ruhigem Betragen, an Körper und Geist wenig regsam, mehr an die Muße des Lagers als an rechten Kriegsdienst gewöhnt".

"Arm kam er in das reiche Syrien, reich verließ er das arme", glossiert der Historiker das übliche Amtsgebaren römischer "Landpfleger". Varus stellt seine Besitztümer gern zur Schau. In Germanien prunkt er mit Gold und Silber auch aus politischen Gründen: Die Häuptlinge der Eingeborenen sollen sehen, wie gut es sich unter dem römischen Adler leben lässt.

Der Preis für den Luxus der Hochzivilisation bleibt den Umworbenen keineswegs verborgen: Frieden winkt nur dem, der sich dem römischen Recht unterwirft. Dazu gehören wie für alle anderen Bewohner des Imperiums Abgaben, Anerkennung der fremden Gesetze und Kriegsdienst.

Der Historiker Velleius Paterculus, der als Reiteroberst auch in Germanien kämpfte, berichtet über Varus und seine Einstellung zu den Germanen: "Er glaubte, wenn diese durch die Schwerter nicht gezähmt werden könnten, so würden sie durch die Rechtsprechung gebändigt werden können. Mit diesem Vorsatz zog er in Germaniens Mitte hinein wie zu Männern, die sich der Süße des Friedens erfreuten, und verbrachte den Sommer mit Rechtsprechungen und förmlichen Verhandlungen vor dem Tribunal als Gerichtsherr."

Das jetzt entdeckte 16 Hektar große Lager in Barkhausen ist der geeignete Ort. Nahe der Weser, liegt es im Herzen des freien Germaniens und doch nur wenige Tagesmärsche vom stark befestigten Winterlager Anreppen bei Paderborn entfernt. Die 36 000 Legionäre hausen in Zelten hinter Erdwall und Palisade, die Reiterei lagert davor. Varus residiert in einem behelfsmäßig errichteten festen Gebäude, dem Prätorium. Jeden Morgen zeigen die Liktoren, die römischen Amtsdiener, ihre Beile und Rutenbündel. Nach ihnen nimmt der Herold seinen Platz ein. Als Letzter erscheint der etwa 50 Jahre alte Varus, dessen Name "der Krummbeinige" bedeutet, mit seinen Offizieren. Kläger und Beklagte treten vor das Tribunal, und römische Advokaten halten ihre Plädoyers wie auf einem Forum. Später verhandelt der Feldherr mit einheimischen Fürsten, wie viel Korn abzuliefern und wie viele junge Männer für den Kriegsdienst abzustellen seien.

Die Rechtshändel laufen nicht friedlich ab: Die Vertragsbedingungen sind hart, die Strafen grausam. Männer, die für geringe Verfehlungen ausgepeitscht werden, schwören Rache. Aufrührer werden gekreuzigt. Friedlich gestimmte Häuptlinge, die ihren Untertanen immer drückendere Lasten auferlegen sollen, verlieren bald immer mehr an Rückhalt. Um sie bei der Stange zu halten, beschenkt und bewirtet Varus sie. Unter den Ehrengästen sitzt auch ein junger Cheruskerhäuptling, den die Nachwelt als Arminius oder Hermann kennt. Ein paar Tage später wird er die Legionen in einen Hinterhalt locken und vernichten.

Die Wissenschaft sucht das Weserlager des Varus seit Jahrzehnten. Minden und Hameln gelten als mögliche Orte, und in Barkhausen taucht schon 1950 eine Goldmünze auf. Heute sind auf der Stätte nur noch vier Hektar unbebaut. Im Aushub für ein Projekt generationsübergreifenden Wohnens fand der Bankangestellte und ehrenamtliche Grabungshelfer Vassilios Efstratiadis mit einer Metallsonde zwei Bronzemünzen und zwei vermutlich keltische Münzen sowie die Gewandfibel. Jetzt will Vize-Chefarchäologe Berenger mit 20 Ausgräbern 2000 Quadratmeter untersuchen - mit Rücksicht auf den Investor, die Sparkasse Minden-Lübbeke, deutlich schneller als üblich.

Bettina Tremmel, Expertin für römische Archäologie im Landschaftsverband Westfalen-Lippe, sagt: "Es wäre das am weitesten vom Rhein entfernte Römerlager in Nordrhein-Westfalen." Und womöglich sogar noch etwas mehr: Nach einer These Heinz Ritter-Schaumburgs (1902-1994) war die Schlacht im Teutoburger Wald in Wirklichkeit kein Überfall auf einen Heerzug, sondern auf ein nur leichtsinnig bewachtes Römerlager: "Die Cherusker nahmen Aufstellung auf dem großen Platz, als freie Bundesgenossen bewaffnet mit dem Schwert", schildert der renommierte Privatgelehrte schon vor zwanzig Jahren in seinem Standardwerk "Der Cherusker" die Szene. Als Varus den Bündnisvertrag für aufgelöst erklärt, "wird nun Hermann das Schwert herausgerissen und das Zeichen gegeben haben. Ein tausendstimmiger Schrei, die Hörner heulten, eine Einsatztruppe stürmte von draußen das Lagertor - und alsbald flammt das Feuer auf den Felsen auf, antworten rings auf den Bergen nacheinander die Feuerzeichen und verkünden den Aufstand durch das ganze nördliche Germanien."

Die Cherusker bemächtigen sich sogleich der Nervenzentren des Lagers, der Standarten und Offiziere, um die sich die Legionäre sonst scharen. "Das Lager wurde gerissen, drei Legionen erdrückt", überliefert Ritter-Schaumburgs wichtigster Gewährsmann, der römische Geschichtsschreiber Florus. Die Reiterei und kleine Abteilungen flüchtender Soldaten werden tagelang durch die Wälder gejagt. Tacitus, der berühmteste aller römischen Historiker, scheint den Bericht zu bestätigen, als er schreibt, Arminius habe "drei dienstfreie Legionen" angegriffen. Doch die peinliche Information, dass sich die militärisch so hoch überlegenen Römer derart plump überrumpeln ließen, habe schlecht zur Staatsräson gepasst, deshalb hätten Abschreiber später aus dem Wort "vacuas" für "dienstfrei" ein "vagas" für "schweifend" gemacht. Die Ausgrabungen in Barkhausen könnten vielleicht auch diese These erhärten - oder beerdigen.