Vielfalt: Studien benennen, was in der Arktis, Antarktis und der Tiefsee erforscht wird
500 Patente auf einen Kleinkrebs
Arzneien, Kosmetik, Frostschutz - die Natur bietet selbst in extremen Lebensräumen vieles, das sich gewinnbringend vermarkten lässt.
Seit einigen Jahren läuft eine neue Schatzsuche: Wissenschaftler wollen den Reichtum an lebenden Naturressourcen erkunden und nutzbar machen. Das "Bioprospecting" sucht nach genetischen Informationen oder biochemischen Substanzen von Bakterien, Tieren und Pflanzen, die in der Medizin oder Kosmetik, in industriellen Prozessen, im Umweltschutz oder für die Ernährung nützlich sein könnten. Wie weit ist die grüne Schatzsuche bislang gediehen? Dieser Frage gehen Experten der Uno-Universität (Institute for Advanced Studies, IAS) in Yokohama, Japan, nach. Für vier Bereiche legten sie bereits umfangreiche Datenbanken an: Arktis, Antarktis, Pazifische Inseln und für bestimmte Ökosysteme am Meeresboden der Tiefsee.
"Wir haben Regionen bearbeitet, für die wir konkrete Aufträge hatten", begründet Prof. Marjo Vierros die ungewöhnliche Auswahl der zum Teil eher lebensfeindlichen Regionen. Aber selbst im ersten Untersuchungsgebiet, der Antarktis, leben biologische Kostbarkeiten. Die meisten von ihnen sind eher blaue als grüne Schätze: 56 Prozent der Nutzungen betreffen Meeresorganismen, allen voran Krill. Allein für die Nutzung des unter dem antarktischen Meereis lebenden Kleinkrebses sind mehr als 500 Patente registriert. Krillöl wird Diätprodukten zugesetzt, er liefert Rohstoffe für Hautpflegeprodukte, Arzneien, Waschmittel und Lebensmittel, der komplette Minikrebs dient als Futter für Aquakulturen. "Durch den Klimawandel ändern sich auch die Lebensbedingungen des Krills. Gleichzeitig steigt die Nachfrage, sodass immer effektivere Fischereimethoden entwickelt werden. Wir haben kaum Informationen darüber, wie sich das auf den Krill und auf Wale, die sich von ihm ernähren, auswirken wird", warnt Vierros.
Aber auch antarktische Landbewohner sind den Schatzsuchern bereits aufgefallen, allerdings meist Vertreter des Mikrokosmos. So liefern mehrere Bakterien ein Frostschutzprotein, das Hersteller von Tiefkühlkost, vor allem Eisproduzenten, einsetzen. Am anderen Ende der Welt, der Arktis, werden auch größere Tiere genutzt. So verwenden zwei japanische Unternehmen Geweihe von Rentieren, um daraus Zutaten für Arzneien oder Nahrungsergänzungsmittel zu gewinnen.
Unter den Meeresorganismen hätten sich besonders Schwämme und Tiefseemikroben, die an extreme Lebensbedingungen wie heiße Quellen angepasst sind (Extremophile), als Rohstoffquellen der Biotechnologie hervorgetan, so Vierros. Aber auch Inhaltsstoffe von Korallen, Muscheln, Würmern, Fischen und Haien werden bereits kommerziell genutzt. So hält Russland zum Beispiel ein Patent zur Gewinnung von antibakteriellen Substanzen aus Fischöl, ein deutsches Patent betrifft einen Pilz, der mit einer vor der Küste Balis (Indonesien) vorkommenden Schwammart lebt.
Einen echten Schatz hat die Universität von Hawaii zusammen mit dem spanischen Unternehmen PharmaMar gehoben: Die Seeschnecke Elysia rufescens liefert ein Zellgift, aus dem ein Krebsmedikament entwickelt wurde. Es wird derzeit in klinischen Studien getestet und verspricht ein Umsatzpotenzial von um die zwei Milliarden Dollar (knapp 1,3 Mrd. Euro) pro Jahr.
Die Biotechnologie wächst weiter; neue Anwendungen, etwa die Nutzung von Enzymen zur Produktion von Biokraftstoffen, kommen hinzu. Die Umweltfolgen der grünen Schatzsuche hält Marjo Vierros für überschaubar: "Beim ersten Sammeln von Organismen werden nur einige wenige Exemplare der Natur entnommen" Die wiederholte Sammlung von vielversprechenden Lebewesen könne schon eher Schäden anrichten, hier sei Vorsicht geboten. Die Entwicklung von Laborverfahren, um die wertvollen Natursubstanzen nachzubauen, könnten negative Umweltfolgen vermeiden helfen, aber das Beispiel Krill zeige, dass dies nicht immer geschehe.
Eine zweite kritische Frage wird derzeit auf dem Uno-Gipfel zur Biologischen Vielfalt in Bonn diskutiert: Wie lassen sich der Zugriff auf die Lebewesen und die Gewinne, die Pharma- und andere Unternehmen mit deren Nutzung erzielen, so organisieren, dass die Staaten und Völker, in deren Gebiete die Naturschätze leben, angemessen an der Entwicklung beteiligt werden - oder sie unterbinden können? Hier treffen harte Wirtschaftsinteressen aufeinander. In einigen Staaten, etwa Australien, gibt es bereits Leitlinien für den Umgang mit der biotechnologischen Nutzung der Natur, die die Beteiligung der lokalen Bevölkerung an der modernen Schatzsuche regelt. In vielen anderen Ländern herrschen eher Bedingungen, die an den legendären Goldrausch erinnern. "Egal, was hier in Bonn verhandelt wird: Der faire Umgang mit der Ressourcennutzung steht und fällt mit der nationalen Umsetzung", so Sam Johnston vom UNU-IAS.
Die Datenbank der UNU-IAS (engl.): www.bioprospector.org



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