Aufarbeitung: Ausschluss jüdischer Mitglieder erforscht
Die traurige Bilanz
Der Verein für Hamburgische Geschichte hat aufgelistet, wie er in der Nazizeit die unmenschlichen Vorschriften umgesetzt hat - ein erschütterndes Dokument.
Im November 1938 erhielt die Bankierswitwe Margot Masse einen Brief vom Verein für Hamburgische Geschichte, dem sie seit 1929 angehörte. Der Vorsitzende, Kurt D. Möller, wollte wissen, ob sie Jüdin "im Sinne des Paragrafen 5 der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935" sei. Frau Masse verstand. Am 25. November antwortete sie knapp: "Ich teile Ihnen hierdurch mit, dass ich leider nicht mehr in der Lage bin, meine Mitgliedschaft bei Ihnen aufrecht zu erhalten und teile Ihnen meinen Austritt (. . .) mit." Vier Jahre später wurde sie deportiert und ermordet.
Der traditionsreiche Verein für Hamburgische Geschichte hat den Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder nach 1933 jetzt erforscht. Ergebnis ist ein 145 Seiten starker Artikel der Professoren Joist Grolle und Ina Lorenz in der aktuellen Vereinszeitschrift. Der Anstoß zur Aufarbeitung geht auf die Vereinsmitglieder Manfred Asendorf und Helmut Stubbe da Luz zurück. Außerdem ehrten die Mitglieder die Ausgeschlossenen kürzlich mit einer Gedenkveranstaltung.
Zum Hintergrund: Nach 1933 hatten Vereine in ganz Deutschland damit begonnen, ihre jüdischen Mitglieder zum Austritt zu nötigen oder schließlich per Anordnung hinauszuwerfen. Im Zuge des 1933 erlassenen "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" begannen in Hamburg bereits im selben Jahr unter anderem der Akademiker-Verein, der Tierschutz-Verein und der Deutsche Sprachverein damit, die "arische" Abstammung der Mitglieder schriftlich abzufragen. Nach dem Erlass der Nürnberger Rassegesetze 1935 zog sich die Schlinge weiter zu. Nun schlossen zum Beispiel die Patriotische Gesellschaft und die "Freunde der Kunsthalle" die Juden aus. In vorauseilendem Gehorsam sogar noch, bevor die entsprechende Satzungsänderung festgelegt worden war. Bis 1937 traten 25 jüdische Mitglieder aus dem Verein für Hamburgische Geschichte aus. Erstaunlicher Weise konnten 15 weitere bis 1938 bleiben - ein absolutes Unikum in Hamburg -, das Joist Grolle dem stoischen Beharrungsvermögen des damaligen Vereinsvorsitzenden Prof. Hans Nirrnheim zuschreibt, der dem Druck von oben nicht nachgab. Nirrnheims Nachfolger Kurt Detlev Möller ging allerdings sofort daran, die "Arisierung" des Vereins zu Ende zu führen und die Verbliebenen auszuschließen. Die traurige Bilanz: Zwei einstige Mitglieder nahmen sich das Leben, zwölf wurden deportiert. Von den Deportierten kehrte nur einer - Felix Epstein - lebend zurück. Das Schicksal der Ausgestoßenen berührt auch deshalb tief, weil sie eben auch eines waren: hamburgische Patrioten, die der Stadt in großer Anhänglichkeit verbunden waren. Die später ermordete Agathe Lasch, erste Germanistikprofessorin Deutschlands, hatte 1917 ihre Lehrtätigkeit in den USA unter anderem deshalb aufgegeben, weil sie die antideutsche Propaganda während des Ersten Weltkriegs nicht mehr ertragen konnte. Von dem ehemaligen Handelskammer-Syndikus Eduard Rosenbaum ist überliefert, dass er lange glaubte, in einer "so kosmopolitischen Stadt wie Hamburg" nichts zu befürchten zu haben und später im Exil englisch stets mit hamburgischem Akzent sprach. Vereinsmitglied Max Eichholz, von 1920 bis 1933 Bürgerschaftsabgeordneter, leitete seit 1921 den Bürgerverein für Harvestehude-Rotherbaum bis zur Zwangsauflösung 1935. Der Bankier Max Warburg, der 1933 austrat, hatte dem Verein für Hamburgische Geschichte 1920 und 1922 je 10 000 Mark gespendet. Und der Warburg-Prokurist Felix Epstein schrieb 1938 in einem Brief, in dem er seinen Austritt ankündigte: "Meine Anhänglichkeit an den Verein, dessen Wohl und Wehe mir nach wie vor am Herzen liegt, wird dadurch nicht berührt. Ich bitte auch Sie, mir ein freundliches Andenken zu bewahren." Epstein hatte sogar die Größe, 1953 wieder in den Verein einzutreten. Und das, obwohl sich dort niemand für das Schicksal der ausgeschlossenen Juden interessierte. Man war stattdessen flugs zum Tagesgeschäft übergegangen - bis zur Aufarbeitung sollte noch mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen.



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