Astronomie: Der Sternenhimmel über Norddeutschland im November
Vom Himmels-W zum Planetenpanorama
Nun erobern die hellen Sterne des Winters das Firmament. Sie erzählen uns die dramatische Geschichte von Perseus und der Königstochter Andromeda.
Fast wehmütig sehen wir nun die Sterne des Sommers im Westen verschwinden. Das markante "Sommerdreieck" mit den Sternen Wega (in der Leier), Deneb (im Schwan) und Atair (im Adler) strebt nun dem Horizont zu. Auf der anderen Himmelsseite macht sich schon die Armada der hellen Sterne des Winters auf, den Himmel zu erobern: Um 22 Uhr ist bereits ein Großteil des "Wintersechsecks" zu sehen - die helle Capella im Fuhrmann hoch im Osten und etwas tiefer Aldebaran im Stier sowie die Zwillingssterne Castor und Pollux und das Prunkstück des Winters, der Orion. In weitem Bogen zieht sich die Milchstraße von diesen hellen Sternen im Osten aufsteigend in den Zenit und weiter zum Horizont im Westen. In der Milchstraße und genau senkrecht über uns steht das von den hellsten Sternen der Kassiopeia gebildete "Himmels-W". Dieses Sternbild ist genauso wie der Große Wagen "zirkumpolar", also das ganze Jahr über zu sehen, da es dem Polarstern nahe genug liegt und im Laufe einer Erdrotation nicht unter den Nordhorizont sinkt. Die mittlere Spitze des "W" deutet in etwa in Richtung Nordstern. Darunter, tief am Nordhorizont finden wir jetzt den Großen Wagen.
Viele Sternbilder, die jetzt am Himmel stehen, sind Teil einer großen Familiengeschichte - der Geschichte von Perseus und Andromeda. Der Held Perseus (wir finden ihn zwischen "Himmels-W" und Capella als astgabelförmige Sternfigur) rettete in dieser griechischen Sage die schöne Prinzessin Andromeda vor dem Meeresungeheuer Ketos (dem heutigen Sternbild Walfisch). Andromeda war die Tochter des Königspaares Kassiopeia und Kepheus (ein unscheinbares Sternbild zwischen Sommerdreieck und "Himmels-W"). Mit angeketteten Armen liegt Andromeda zwischen dem Herbstviereck des Pegasus vor ihrem, hoch durch die Lüfte heraneilenden Retter Perseus. Südlich der Sternenketten der Andromeda tummeln sich allerlei Bewohner des Meeres - die Fische und der schon erwähnte Walfisch schmücken mit ihren eher lichtschwachen Sternen den südlichen Teil des Himmels.
Doch hier kommt die gute Nachricht: Bis auf diesen König der Planeten, den Riesenplaneten Jupiter, der bereits in der frühen Abenddämmerung unter den Horizont sinkt, sind alle freisichtigen Planeten im Laufe der November-Nächte zu sehen. Der rote Planet Mars ist sogar die ganze Nacht zu sehen. Als gelb-oranges Gestirn ist er im Sternbild Zwillinge nicht zu übersehen - besonders in der zweiten Nachthälfte, wenn er hoch über dem Himmelsjäger Orion in die Himmelsmitte rückt. Strahlend hell taucht der "Morgenstern" Venus etwa vier Stunden vor Sonnenaufgang im Osten auf und bleibt selbst in der Morgendämmerung bis Sonnenaufgang noch gut sichtbar. Venus steht nun "links unterhalb" des wesentlich lichtschwächeren Ringplaneten Saturn im Sternbild Löwe. Der Winkelabstand beider Planeten wächst an, da Venus im Laufe des Monats ins Sternbild Jungfrau weiter zieht. Den schönsten Anblick können wir am Morgen des 4. bzw. 5. Novembers erleben, wenn die schlanke Sichel des abnehmenden Mondes erst an Saturn und dann an Venus vorbeizieht. Bei klarer Sicht zum Südosthorizont kann man dann sogar in der beginnenden Morgendämmerung den scheuen Planeten Merkur finden, der in diesem Monat (2. bis 23. November) seine beste Morgensichtbarkeit des Jahres erreicht. Alle Frühaufsteher werden mit einem prächtigen Panorama belohnt, das vom ersten Licht der Sonne und dem sonnennächsten Planeten Merkur im Südosten, über den 2. Planeten, den hellen "Morgenstern" Venus, hin zu Mars, dem äußeren Nachbarplaneten der Erde, reicht, der hoch im Südwesten leuchtet. Dazwischen, nahe bei Venus, noch der fernste freisichtige Planet, der Saturn - und unter unseren Füßen der dritte Planet in diesem Weltenkarussell - unsere gute alte Erde.
\* Der Autor ist Direktor des Planetariums Hamburg.
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