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Forschung

Diskussion: Deutsche Wissenschaftler wollen auf Weltniveau forschen

Stammzellen "Der Stichtag muss weg"

Menschliche embryonale Stammzellen - deutsche Forscher rütteln wieder am Gesetz. Die Gründe nennt der weltweit anerkannte Experte Professor Hans Schöler.

ABENDBLATT: Herr Prof. Schöler, Sie sind vor drei Jahren aus den USA zurückgekehrt. Treibt Sie der Streit um das Stammzellgesetz und die Angriffe auf Stammzellforscher, denen Sie auch persönlich ausgesetzt waren, wieder in die USA zurück?

PROF. HANS SCHÖLER: Nein. Aber es ist schon so, dass die Diskussion mitunter ziemlich unsachlich und belastend ist.

ABENDBLATT: Ist sie denn überhaupt erforderlich? In Deutschland laufen 23 Projekte, in denen mit importierten humanen embryonalen Stammzellen geforscht wird. Warum rütteln Sie und Ihre Kollegen an diesem Gesetz, das erst vor fünf Jahren nach intensiven Debatten verabschiedet worden ist?

SCHÖLER: Dafür gibt es mehrere Gründe. Ich habe beispielsweise zwei Mitarbeiter, die aus den USA kommen und dort mit humanen embryonalen Stammzellen gearbeitet haben. Diese Forschung wollen sie hier fortsetzen.

Noch können sie das nur mit Zellen, die vor dem 1.1.2002 hergestellt worden sind. Diese Zellen bringen aber eine Reihe von Problemen mit sich, auch für die Grundlagenforschung. So wurden beispielsweise die Zellen früher mit Methoden eingefroren, die sie teilweise beschädigt haben. Im Schnitt wächst daher nur eine von zehntausend Zellen überhaupt an. Solche Probleme treten oft auf, wenn man wissenschaftliches Neuland betritt. Von den Zellen, die mit den verbesserten Gefriertechniken kultiviert wurden, gedeihen hingegen 3000 bis 4000 von 10 000 Zellen.

Zudem wurden die Zellen, mit denen wir arbeiten dürfen, aus technischen Gründen zusammen mit Mäusezellen kultiviert. Dadurch sind sie mit Molekülen oder Stoffen der Tiere verunreinigt. Außerdem besteht ja auch die Gefahr, dass tierische Viren auf die menschlichen Zellen überspringen. Die Forscher, die aus ihnen gewonnene spezialisierte Zellen in klinischen Versuchen einsetzen wollen, laufen deshalb Gefahr, dass die Versuchsergebnisse durch solche Fremdstoffe verfälscht werden. Deshalb können die Zellen für klinische Studien nicht eingesetzt werden.

ABENDBLATT: Gibt es neue Nährmaterialien, auf denen man züchten kann?

SCHÖLER: Die gibt es, und es gibt auch humane embryonale Stammzellen wie etwa die Singapur-Stammzelllinien, die nicht mit tierischen Produkten verunreinigt sind. Sie wären für eine spätere Anwendung in klinischen Versuchen viel besser geeignet.

ABENDBLATT: Wann wurden diese embryonalen Stammzellen hergestellt?

SCHÖLER: Das war 2006. Lassen Sie mich noch einen weiteren Grund nennen, warum wir eine Änderung des Stammzellgesetzes fordern. Wir brauchen jüngere humane embryonale Stammzellen, weil diese wesentlich schonender gewonnen werden konnten. Sie sind also besser erhalten als ihre Vorgänger. Wenn bei Experimenten mit diesen Zellen ein Fehler auftritt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass wir einen Fehler beim Versuchsaufbau gemacht haben. Wenn dagegen bei einem Experiment mit den heute verfügbaren Stammzellen beispielsweise ein Tumor auftritt, kann das auch am Ausgangsmaterial liegen.

ABENDBLATT: Reicht es denn aus, einfach nur die neueren Stammzelllinien frei zu geben, also den Stichtag zu verschieben?

SCHÖLER: Eine einmalige Verschiebung des Stichtags wird das Problem vermutlich nicht lösen. Wir stehen ja noch ganz am Anfang der Stammzellforschung. Ich gehe davon aus, dass uns in Zukunft bessere Zellen zur Verfügung stehen werden als heute. Zudem ist es absehbar, dass es in naher Zukunft weitere Zellen geben wird, mit denen man Krankheiten in der Kulturschale erforschen kann. Jetzt stehen uns solche Zelllinien aufgrund des Stichtages nicht zur Verfügung. Deshalb plädiere ich dafür, die Stichtagsregelung dauerhaft abzuschaffen.

ABENDBLATT: Wer soll dann regeln, wer womit forschen darf?

SCHÖLER: Ich habe den Vorschlag gemacht, dass die Zentrale Ethik-Kommission für Stammzellforschung, die ja schon jetzt jeden Antrag begutachtet, in Zukunft darüber entscheidet. Wenn ein Forscher dieses Gremium, in dem Natur- und Geisteswissenschaftler gemeinsam entscheiden, vom Nutzen seiner Versuche überzeugen kann, soll er die Zellen importieren können. Die Kommission hat in den vergangenen fünf Jahren seit ihrer Gründung bewiesen, dass sie alle Anträge sehr verantwortungsvoll und kritisch daraufhin prüft, ob sie wissenschaftlich sinnvoll und ethisch vertretbar sind. Sie könnte dies auch ohne Stichtagsregelung tun.

ABENDBLATT: Selbst wenn der Stichtag wegfällt, bleibt die Doppelmoral. Wir forschen mit humanen embryonalen Stammzellen, die in den USA oder in Israel hergestellt worden sind. Dafür wurden dort Embryonen vernichtet. Warum fordern Sie nicht, dass die deutschen Forscher ihre Stammzellen selber herstellen sollen?

SCHÖLER: Offiziell lagern in den Tiefkühltruhen der Fortpflanzungskliniken oder -praxen gar keine Embryonen. Das ist in Deutschland gesetzlich verboten. In der Tat liegen dort aber meines Wissens in erster Linie sogenannte Vorkernzygoten, von ihnen aber sehr viele. Das sind Eizellen, bei denen die Befruchtung bereits eingeleitet ist. Das heißt: Die männliche Samenzelle ist schon in die Eizelle eingedrungen, die Chromosomen haben sich aber noch nicht vermischt. Vorkernzygoten werden übrigens deshalb eingefroren, weil sie im Gegensatz zu unbefruchteten Eizellen das Einfrieren und Auftauen gut überstehen. Biologisch betrachtet ist der Unterschied zwischen Vorkernzygoten und sehr frühen Embryonen meines Erachtens minimal. Fortpflanzungsmedizinern ermöglicht diese Lücke jedoch, überzählige befruchtete Eizellen zu lagern, ohne sich strafbar zu machen.

ABENDBLATT: Dann gibt es in Deutschland also tiefgefrorene Embryonen, die nicht mehr zum Zweck der Fortpflanzung verwendet werden?

SCHÖLER: Wenn man das Wort Embryo biologisch definiert und nicht wie der Gesetzgeber, dann ist das richtig.

ABENDBLATT: Und warum fordern Sie nicht, diese Vorkernzygoten für die Forschung nutzen zu können?

SCHÖLER: Vielleicht sollte man darüber tatsächlich diskutieren, insbesondere, weil sie verworfen werden. Aber: Erinnern Sie sich daran, wie heftig die Kollegen angegriffen, ja bedroht wurden, die die ersten Importanträge gestellt haben? Über die Verwendung solcher Vorkernzygoten wird es nach meiner Einschätzung und Erfahrung keine ehrliche und respektvolle Debatte geben. Viele würden uns Forschern unterstellen, dass wir eine verbrauchende Embryonenforschung wollen, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Wir setzen sehr viel daran, Alternativen zu erforschen, aber auch dafür brauchen wir die Forschung an embryonalen Stammzellen.

ABENDBLATT: Warum?

SCHÖLER: Wir können Alternativen zur Nutzung von embryonalen Stammzellen nur erforschen und überprüfen, wenn wir das Potenzial embryonaler Stammzellen kennen. Wir brauchen die besten embryonalen Stammzellen, die verfügbar sind, um die Ergebnisse unserer Forschung richtig einschätzen zu können. Sie beurteilen Strauchtomaten ja auch nicht anhand der Qualität von Fleischtomaten.

ABENDBLATT: Viele Forscher wollten an embryonalen Stammzellen erforschen, wie man mit adulten Stammzellen heilen kann. Hat sich diese Hoffnung zerschlagen?

SCHÖLER: Es ist weiterhin notwendig, adulte Stammzellen zu erforschen. Es geht nicht um ein "Entweder-Oder". Denn um embryonale Stammzellen einsetzen zu können, braucht man ein besseres Verständnis der adulten Stammzellen, wie auch anders herum. Beispielsweise bereitet uns die Biologie der adulten Stammzelle Kopfzerbrechen. Im Labor können wir adulte Zellen zwar am Leben erhalten, aber nur in Ausnahmefällen vermehren.

ABENDBLATT: Heißt das, man kann aus adulten Stammzellen kein Gewebe züchten?

SCHÖLER: Nein, das nicht. Aber man kann nicht aus einem Menschen adulte Stammzellen entnehmen, um damit viele Patienten zu versorgen. Das geht eben nur mit embryonalen Stammzellen. Wenn wir das auch mit adulten Stammzellen wollen, müssen wir mehr darüber erfahren, wie aus einer embryonalen Stammzelle eine adulte Stammzelle wird. Dann gibt es vielleicht auch beim Menschen die Möglichkeit, aus Körperzellen wieder embryonale Stammzellen abzuleiten.

Bei der Maus ist das ja gelungen. Doch inzwischen wissen wir auch, dass die Technik, die bei der Maus zum Erfolg geführt hat, beim Menschen so nicht klappt. Wir müssen also weiter forschen.

ABENDBLATT: Wenn Sie die Debatte über das Stammzellgesetz im Herbst vor sich sehen, werden Sie dann noch zum Forschen kommen?

SCHÖLER: Ich halte den Leuten im Labor den Rücken frei, damit sie in Ruhe forschen können. Zum Glück habe ich eine international gemischte Gruppe von Mitarbeitern, die so gut sind, dass sie mich nicht immer brauchen. Natürlich hätte ich gern mehr Zeit für die Arbeit im Labor. Die erneute Debatte um das Stammzellgesetz hält mich davon leider tatsächlich häufig ab. Das ist sehr schade.

 

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