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Forschung

Nur nicht unterkriegen lassen

Resilienz: Erfolgreich trotz harter Schicksalsschläge. Was macht einige Menschen soviel stärker als andere? Wissenschaftler untersuchen diese "Stehaufmännchen". Deren Lebensmotto lautet: Krisen sind letztlich immer auch Chancen.

Was haben der Radrennfahrer Lance Armstrong und die zukünftige Generalgouverneurin von Kanada, Michaëlle Jean, gemeinsam? Sie haben sich vom Schicksal nicht unterkriegen lassen. Der eine meisterte seine Krebserkrankungen, die andere befreite sich von den traumatischen Erlebnissen ihrer Kindheit. Es sei ein weiter Weg gewesen, sagte Michaëlle Jean, die in Haiti aufwuchs und hautnah die Schlächter des haiitianischen Diktators (Papa Doc) Duvalier erlebte. Aber sie ist ihn, trotz widriger Umstände, gegangen.

Zunehmend interessiert sich die Forschung für diese Menschen, die trotz enormer Belastungen, Lebenskrisen oder Schicksalsschläge nicht zerbrechen, nicht dauerhaft verzweifeln oder in Selbstmitleid versinken. "Es ist einfach eine spannende Frage", sagt Prof. Michael Schulte-Markwort, Direktor der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.

Anfang dieses Jahres widmeten sich Psychologen auf einem internationalen Kongreß an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich dieser Haltung von Menschen, die als Resilienz bezeichnet wird. Eingeladen war auch die Pionierin der Forschungsrichtung, die US-Psychologin Emmy Werner von der University of California (Davis). Sie begann vor 50 Jahren ihre "Kauai-Längsschnitt-Studie".

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Ruth Smith beobachtete sie 40 Jahre lang 700 Menschen, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geboren worden waren. Ihr besonderes Augenmerk galt den Kindern, die in Elternhäusern aufwuchsen, in denen Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Vernachlässigung, Gewalt, Armut herrschte. Dieses Schicksal teilten 230 Babys.

Zur Überraschung der beiden Forscherinnen entwickelten sich 70 von ihnen trotzdem zu lebenstüchtigen Erwachsenen, die ihr Leben positiv gestalten konnten. Zu keinem Zeitpunkt der Studie fielen sie irgendwie negativ auf. Das zeige, so die Forscherin, daß ein Kind aus einer Hochrisikofamilie nicht zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist.

Zu diesem Schluß kommen auch Forscher des King's College in London. Sie untersuchten 2003, wie sich rumänische Adoptivkinder entwickelten, die nach der Wende von britischen Familien adoptiert worden waren. Die überraschende Feststellung: Die Mehrheit der Kinder, die bei der Adoption maximal dreieinhalb Jahre alt gewesen waren, hatte sich bemerkenswert gut von grauenvollen Zuständen in den Kinderheimen erholt. Ähnliche Beobachtungen machten auch die Forschergruppen um Dr. Jörg Schumacher, der bis 2005 an der Uni Jena arbeitete, und Prof. Friedrich Lösel von der Uni Erlangen, die das Leben von Heimkindern begleiteten.

Was machte diese Kinder so stark? Die Psychologen vermuten, daß es mehrere Gründe gibt. "Kinder, die ein positives Temperament haben, nicht besonders ängstlich sind, auf Veränderungen eher neugierig reagieren und eine gute Intelligenz haben, entwickeln eher Resilienz", sagt Schulte-Markwort. Dieses gelinge ihnen um so eher, wenn sie beispielsweise außerhalb einer zerrütteten Familie in Schule, Gemeinde oder Sportverein Bezugspersonen hätten, die ihnen als Vorbild für eine aktive Lebensbewältigung dienen könnten.

Wie sehr Resilienz den Umgang mit Krisen bestimmt, zeigt auch die Studie des Psychologen George A. Bonanno von der Columbia University of New York. Er begleitete Trauernde und beobachtete, daß resiliente Menschen sich von denen, die heftig unter dem Verlust eines geliebten Menschen litten, in wichtigen Punkten unterschieden: Sie hatten akzeptiert, daß das Leben endlich ist, sie glaubten an eine gerechte Welt, sie nahmen emotionale und soziale Unterstützung an und sie konnten sich auf sich selbst verlassen.

Dabei sind resiliente Menschen durchaus nicht hart wie Stahl, sondern werden auch verletzt, leiden, sind traurig, zweifeln, haben Ängste. Aber sie lassen sich nicht dauerhaft davon überwältigen, verharren nicht in dieser Haltung. Sie sind auch nicht weltfremd, verdrängen alles Negative oder sind bar jeder Selbstkritik. Das Bild vom Stehaufmännchen wird ihnen am ehesten gerecht.

"Krisen sind immer auch Chancen für mich", lautet die Grundhaltung, mit der die Welt im Wandel betrachtet wird. Eine solche Haltung, davon sind die Forscher inzwischen überzeugt, ist erlernbar, je früher, desto besser. Doch auch Erwachsene können diese Lebenshaltung noch erwerben. Auch wenn man sein Temperament nicht ändern könne, wie Schulte-Markwort betont, so könne man doch die Art, wie Krisen bewältigt werden, beeinflussen.

Die US-Psychologenvereinigung hat eine Broschüre erstellt (www.apahelpcenter.org), in der sie sieben Wege benennt, auf denen diese Lebenshaltung erworben werden kann. Dort finden sich Ratschläge wie: Soziale Kontakte aufbauen, Krisen nicht als unüberwindlich betrachten, an die eigene Kompetenz glauben, realistische Ziele entwickeln, die Opferrolle verlassen. Manches davon erinnert an das Leitbild, daß jeder seines Glückes Schmied sei. Aber nicht alle Menschen sind so robust, können sich ohne professionelle Hilfe so robust entwickeln. "Die Fähigkeit von Menschen, Resilienz zu entwickeln, darf nicht zum Freibrief werden", warnt Schulte-Markwort, "blind auf die Selbstheilungskräfte von Menschen zu vertrauen."

 

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