Tiefsee: Auf der Suche nach den Tintenfischen
Ozeane: Ein Kieler erforscht das Leben an den Bergen in den Meeren. Auf einer Fahrt zum Mittelatlantischen Rücken entdeckte er eine neue Tintenfischart.
Nichts als weiße Punkte flimmern über den Bildschirm - doch dann: Ein weißer Tintenfisch schwimmt zielstrebig auf uns zu, stoppt ab und guckt uns an. "Das ist doch sensationell, wie neugierig diese Tiere der Finsternis sind", kommentiert Dr. Uwe Piatkowski die Videobilder, die in rund 2700 Meter Tiefe am Mittelatlantischen Rücken entstanden sind. "Das sind wahre Glücksmomente für einen Meeresbiologen", schwärmt der Wissenschaftler, der am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (Ifm-Geomar) arbeitet.
Im Juni vergangenen Jahres hat er an der Expedition zum Mittelatlantischen Rücken teilgenommen. Gemeinsam mit 60 Kollegen aus 13 Ländern erkundete er das größte untermeerische Gebirgssystem im Ozean. Achtzigtausend Fische, Tintenfische, Quallen und andere Meeresbewohner holten sie mit ihren Netzen aus 2000 bis 3000 Meter Tiefe. Allein 180 Fischarten und 50 Tintenfischarten - unter ihnen wohl drei bislang unbekannte Spezies - landeten an Deck des norwegischen Forschungsschiffes "G.O. Sars". "Noch lagern die Tiere in Bergen. Sie müssen bis zum Kongreß im Juni dieses Jahres in Lissabon beschrieben werden", sagt der Tintenfischexperte, der bereits in der Antarktis zwei neue Arten gefunden hat. Diese wurden sogar nach ihm benannt: So heißt eine Warzenkrake "Adelieledone piatkowski" und eine Flügelschnecke "Clio piatkowskii".
"Die beiden Tiere habe ich auf zwei meiner insgesamt sieben Schiffsreisen in die Antarktis aus dem Weddellmeer gefischt", erzählt der Forscher, den es immer wieder auf die See hinaustreibt. Seine drei Kinder und seine Frau hätten sich an sein unruhiges Leben gewöhnt, beteuert der Meeresforscher und fügt hinzu: Die Reisen in entlegene Ozeane seien nun einmal das Spannendste an der Meeresforschung, die ihn seit Beginn seines Studiums in Kiel immer fasziniert habe. "Ich will wissen, wie das Meer funktioniert. Wie leben die Tiere? Wer frißt wen? Welche Folgen haben die Eingriffe des Menschen?"
Die Eingriffe der Forscher sind behutsam. "Bevor wir unsere Netze ausbringen, kartieren wir den Meeresboden mit Hilfe des Echolots", erzählt Uwe Piatkowski. So entsteht ein dreidimensionales Profil des Meeresbodens. Anhand dieses Profils legen die Forscher dann fest, wo sie ihre Netze ausbringen wollen.
Oft schicken sie auch noch einen kleinen, unbemannten Tauchroboter mit einer Kamera in die Tiefen hinunter, der nur mit einem Stahlseil und einem Übertragungskabel mit dem Forschungsschiff verbunden ist. "Es ist natürlich wunderschön, wenn man die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten kann", schwärmt der Forscher und fügt hinzu: "Doch wir müssen einige von ihnen fangen, um sie zu messen, zu wiegen, zu fotografieren und letztlich bestimmen zu können." Allerdings rauschen die Netze erst in die Tiefe, wenn das Echolot bestätigt, daß dort wirklich Tiere schwimmen.
Im Unterschied zu manchen Fischern raspeln die Wissenschaftler mit ihren Netzen auch keine Lebensgemeinschaften von den Hängen der untermeerischen Gebirge. Vielmehr setzen sie das Fanggeschirr vorsichtig ein. Um die Tiere lebendig zu fangen, haben die Forscher in den Netzen zudem kleine, mit Wasser gefüllte Metallcontainer.
"Mar-Eco" ist der Name dieses Forschungsprojektes. Es ist Teil des internationalen Projektes "Census of Marine Life", das eine US-Stiftung ins Leben rief. Sein Auftrag: Bis 2010 sollen etwa 300 Wissenschaftler aus 53 Ländern die Bewohner der Weltmeere möglichst weitgehend entdeckt und ihr Zusammenleben beschrieben haben.
"Wir kennen die Meere weniger als den Mond", sagt Piatkowski, den es wurmt, daß in Deutschland die Erforschung der Biodiversität in den Ozeanen gegenwärtig eher ein Stiefkind ist. Norwegen, Frankreich, Großbritannien und die USA handelten da ganz anders. In diesen Ländern steht deutlich mehr Geld für diese Forschung zur Verfügung.
Zur nächsten marinen Bergtour wird der leidenschaftliche Meeresbiologe im April auf dem deutschen Forschungsschiff "Poseidon" gemeinsam mit den Kollegen aus dem Ifm-Geomar aufbrechen. Sein Ziel sind die "seqmounts" nahe der Kapverdischen Inseln. "Diese unterseeischen Berge bieten eine außergewöhnliche Vielfalt an Leben, sie sind wahre Hotspots", sagt der Meeresbiologe, der dieser Reise entgegenfiebert. Denn dort können die Wissenschaftler eines der letzten bislang noch unberührten Ökosysteme erforschen. "An diesen Bergen leben teilweise extrem spezialisierte Tiere", erzählt der Forscher, für den die Seeberge Oasen im Ozean sind. "Ihre teilweise steilen Hänge lenken die Meeresströmung so ab, daß sich die ansonsten rar gesäten Nährstoffe am oberen Bereich ihrer Flanken sammeln. Dies ist die Voraussetzung für die Vielfalt der Arten", erläutert der Forscher. Das Ziel ihrer Arbeit ist, so viele Daten wie möglich zu sammeln. Auf Basis dieser Daten wollen die Wissenschaftler ein neues Computermodell entwickeln. "Damit wollen wir", sagt Uwe Piatkowski, "die fragilen Beziehungen von Ökosystemen an Seebergen entlang des Mittelozeanischen Rückens vorhersagen." Bleibt zu hoffen, daß diese Erkenntnisse den Raubbau unter der Wasseroberfläche stoppen können und das vielfältige, teilweise bizarre Leben im Ozean erhalten bleibt.
Informationen im Internet: www.mar-eco.no



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