Räuber der Geschichte
Sondengänger: Sie kommen meist nachts und vernichten mit dem Spaten Zeugnisse der Vergangenheit. Doch sie haben nichts zu befürchten.
Piep, piep, piep - das Minensuchgerät meldet sich. Hier muss etwas zu finden sein. Seit Stunden suchen die zwei Männer im Schutz der Nacht die Kuppe des Mittelbergs unweit von Nebra bei Halle (Sachsen-Anhalt) ab. Der Wallgraben hat schon viele Schätze ausgespuckt hat - wenn sie aus Metall sind. Aber so einen heftigen Ausschlag haben sie noch nie erlebt. Trotz Nieselregens graben sie - mit Erfolg: Sie stoßen auf eine Bronzetafel, zwei Kilo schwer, groß wie ein Suppenteller. Sie ahnen, dass diese mit Goldplättchen besetzte Scheibe ein Schatz sein muss. Ein Jahrhundertfund, jubeln die Archäologen über die Himmelsscheibe von Nebra, das weltweit älteste bekannte Observatorium. Rund 3600 Jahre alt ist die Scheibe aus der Bronzezeit, auf der mit Gold die Gestirne dargestellt sind. Dieser Fund wäre fast für immer der Öffentlichkeit vorenthalten worden. Denn die Gräber waren illegale Raubgräber, die sich die Nacht aus rein materiellem Interesse um die Ohren geschlagen haben. Das passiert überall in Deutschland - tausendfach pro Jahr. Knapp unter der Erdoberfläche befinden sich Zehntausende archäologischer Fundstätten. Sachgerecht geöffnet geben sie einmaliges Wissen über unsere Vorfahren preis. Jedes Bodendenkmal ist eine Tür zu unserer Vergangenheit. Wird sie unsachgemäß aufgebrochen, ist sie für immer zugeschlagen. Die nächtlichen Raubgräber zertrümmern mit dem Spaten die Türschlösser und berauben uns damit unserer Geschichte und das ohne Risiko. Denn der Staat lässt ihr illegales Treiben ungeahndet. Dabei gelten die weit über 2000 Raubgräber als die größte Gefahr für den archäologischen Bestand in Deutschland, so Prof. Dieter Planck, Vorsitzender vom Verband der Landesarchäologen in Deutschland. Sie selber nennen sich Sondengänger. Mit einem Metallsuchgerät pendeln sie Waldböden und Felder nach vergrabenen Gegenständen ab. Motive sind Abenteuer, Neugierde oder Geschichtsinteresse, gepaart mit der Hoffnung auf den großen Fund. Meistens finden sie Militaria der beiden Weltkriege, auch Münzen und Fibeln der Römer und Kelten. Im Gepäck haben sie einen Spaten, mit dem sie nach dem Metall buddeln, das der Detektor anzeigt. Doch mit dem Spaten zerstören die Hobbyarchäologen wichtige Spuren. Wissenschaftlich arbeitende Archäologen legen eine Fundstelle nur mit Handschäufelchen, Feinspatel und Pinsel frei. Ihnen geht es weniger um die einzelne Münze. Wertvoller sind die Informationen, die sich um einen Fund gruppieren: Faserreste verraten etwas über die Beschaffenheit eines Geldsäckchens, möglicherweise waren die Fasern gefärbt mit Pflanzen, die nur in einer anderen Region wachsen. So lassen sich überregionale Handelsverbindungen rekonstruieren. Verfärbungen im Boden zeigen an, wo ein Holzpfahl stand, also lohnt es, nach anderen Ecken eines Hauses zu suchen. Aschehäufchen markieren Feuerstellen, Sämereien geben Auskunft über Nahrungsgewohnheiten, Ackerbau und Klima einer Epoche. Zudem überlagern sich oft schichtweise die Reste verschiedener Epochen. Nur im Prozess des Freilegens können alle Hinweise fotografiert und notiert werden. In einem behutsam geöffneten Bodendenkmal liest der Archäologe wie in einem Geschichtsbuch. Nur gibt es aus der Vorgeschichte keine schriftlichen Aufzeichnungen. Deshalb sind die Fundstellen die einzigen Quellen über das Leben unseren Vorfahren. Ein Spaten wirkt hier wie der Elefant im Porzellanladen. Die Raubgräber juckt das wenig. "Ein Hoch auf die Nacht, die unsichtbar macht", heißt es dazu im einschlägigen Internetforum. Unter Pseudonymen geben sie sich Tipps zum Sondeln und über mögliche Ausreden, falls sie ertappt werden. Offensichtlich wissen sie, dass Graben ohne Genehmigung fast überall verboten ist. Wird ein Raubgräber in einem Grabungsschutzgebiet überführt, wartet ein Bußgeld unter 100 Euro. Raubgräberei gilt nur als Ordnungswidrigkeit. In Italien wandern Raubgräber sofort in den Knast; auf illegalen Export von archäologischen Schätzen aus Griechenland steht sogar lebenslänglich. Innerhalb Deutschlands gilt noch nicht einmal ein einheitliches Gesetz. Keiner weiß, wie viele Schätze die Raubgräber heben, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben, sagt Prof. Planck. Kein Wunder, dass die Archäologen im Internet verhöhnt werden: Die Sternen-Scheibe würde noch heute im Boden verborgen liegen, wenn sie nicht von Sondengängern gefunden worden wäre. Die Himmelsscheibe von Nebra wurde übrigens nur durch die Dreistigkeit des Hehlers bekannt wurde, der sie dem Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt für 395 000 Euro angeboten hat. Der ging zum Schein auf die Offerte ein. Das Urteil gegen die zwei Raubgräber und den Hehler steht noch aus.



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