März 2009
Die Nacht war ruhig und ich konnte gut schlafen. Am Morgen strahlender Sonnenschein und ein phantastischer Blick vom Helideck der "Chikyu" auf den schneebedeckten Berg Fuji. Ein Gänsehaut-Panorama.
Foto: PRIVAT
An Bord der Chikyu, Suruga-Bucht: Die Nacht war ruhig und ich konnte gut schlafen. Am Morgen strahlender Sonnenschein und ein phantastischer Blick vom Helideck der "Chikyu" auf den schneebedeckten Berg Fuji. Ein Gänsehaut-Panorama. Ich musste an die strapaziösen Expeditionen von Charles Darwin denken, dessen 200. Geburtstag wir in diesem Jahr gedenken. Um wie viel leichter haben wir es doch heute: Ein hochmodernes Forschungsschiff mit bester Ausstattung, eine einfache aber doch mit eigenem WC und Dusche ausgestattete Kabine, Internet und Telefon, vier Mahlzeiten am Tag und tatsächlich auch ein flinker Wäscherservice, der dafür sorgt, dass die Kleidung innerhalb von nur fünf Stunden gereinigt wird.
Und doch verbindet uns mit den Forschungspionieren von einst der Wunsch, in neue Gebiete vorzustoßen und die Wunder der Erde zu ergründen. Ich hoffe, dass wir mit unseren neu entdeckten Mikroorganismen einen Beitrag dazu leisten können, aufzuklären wie die frühe Entwicklung des Lebens auf der Erde von einfachen Einzellern bis zu komplexen Lebensformen verlaufen ist. Gleichzeitig bin ich sicher, dass in den Bakterien aus extremen Lebensräumen ein großes Potenzial für biotechnologische Anwendungen steckt. Die robusten Biokatalysatoren aus diesen Kleinstlebewesen werden wir auf ihre Fähigkeit untersuchen, komplexe biologische Polymere wie Cellulose, Lignocellulose oder Holz effizient umzuwandeln. Wenn dies gelingt, wäre ein wichtiger Schritt für die Entwicklung einer nachhaltigen Produktionsweise im Sinne einer Bioraffinerie möglich. Wir könnten nachwachsende Rohstoffe nutzen und sie mit Hilfe von Enzymen zu wertvollen Produkten wie Pharmawirkstoffen, Fein- und Spezialchemikalien, Bioethanol, Biogas, Wasserstoff oder Waschmitteln veredeln. Nach dem Mittagessen geht's um 14.30 Uhr leicht verspätet in die nächste Laborbesprechung. Vorher müssen wir noch alle die japanische Baseball-Mannschaft vor dem Fernsehbildschirm anfeuern. Es hat geholfen. Wir gratulieren: Japan ist mit einem 5:3 gegen Südkorea neuer Baseball-Weltmeister.
In der letzten Besprechung vor unserer Ausschiffung morgen, nutze ich die Gelegenheit, meinen japanischen Kollegen für die ausgezeichnete Organisation der Reise zu danken. Es ist ein Glücksfall, dass die japanische Regierung den Bau der "Chikyu" ermöglicht hat, damit wir mehr über den Planeten Erde erfahren, auf dem wir alle leben. Mir ist klar geworden, dass die Tiefsee einen ähnlich großen Forschungsbedarf bietet, wie die Erkundung anderer Planeten. Die Zwischenbilanz der bisherigen Arbeit an Bord ist äußerst positiv: Wir konnten erfolgreich drei Bohrkerne bergen und haben bereits erste Bakterienkulturen unter dem Mikroskop sehen können. Ein Vielzahl von Proben wurde präpariert und für den tiefgekühlten Versand nach Hamburg vorbereitet. Natürlich liegt ein Großteil der Arbeit noch vor uns. Aber das Wichtigste ist geschafft. Wir verfügen nun über einzigartiges Probenmaterial, das uns auch in den nächsten Monaten noch Quelle für zahlreiche Forschungsarbeiten sein wird.
Zum Abschied bekomme ich vom Kapitän einen roten Overall mit dem Emblem unserer Expedition überreicht. Ein schönes Andenken an die unvergessliche Zeit an Bord.
Am späten Nachmittag beginnen wir damit, unser Equipment und die Proben für die morgige Ausschiffung zu verzurren. Noch einmal herrscht geschäftiges Treiben im Labor, bevor wir uns gegen 18 Uhr alle zusammen in der Messe zum Abendessen versammeln. Da wir morgen schon sehr früh den Hafen von Shimizu anlaufen werden, ist schon gegen 21.30 Uhr Nachtruhe angesagt.




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