Wie kommt das Virus H5N1 in die Höckerschwäne?
Zugvögel: Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel
Sterbende Schwäne geben Vogelkundlern und Tierseuchenexperten Rätsel auf: Wie kommt das Vogelgrippe-Virus H5N1, das auch dem Menschen potentiell gefährlich werden kann, zu den Höckerschwänen auf Rügen? Schon länger stehen Zugvögel im Verdacht, den Erreger zu verbreiten. Aber die wissenschaftlich erforschten Zugzeiten und -wege passen nicht zu den aktuellen Krankheitsausbrüchen.
Die norddeutschen Fälle von Vogelgrippe haben offensichtlich nichts mit dem Vogelzug zu tun, betont Franz Bairlein, Leiter des Instituts für Vogelforschung/Vogelwarte Helgoland in Wilhelmshaven. Höckerschwäne sind weitgehend standorttreu, sie ziehen nicht in südliche Gefilde. Also können sie sich auch nicht im Winterquartier oder bei Zwischenstopps in infizierten Gebieten angesteckt haben.
Sven Baumung, Leiter der Hamburger Beringungsstation "Die Reit", hält es auch für unwahrscheinlich, daß gefiederte Rückreisende aus dem Süden die Schwäne angesteckt haben könnten: "Derzeit ist nur die Vorhut unterwegs. Am Wochenende zogen bei dem schönen Wetter einige Gänse und Kraniche Richtung Norden." Regenwetter brachte jetzt den spärlichen Vogelzug zum Stoppen. Aber wenn es danach etwas wärmer und wieder schön wird, könnten erste größere Zugbewegungen auftreten.
Schwäne gehören zur Gruppe der Wasservögel. Diese sind für Vogelgrippe-Viren besonders empfänglich. Denn die Erreger überleben, wenn sie mit dem Kot von infizierten Vögeln ins Wasser gelangen und können sich auf diese Weise verbreiten. Deshalb sind Wasservögel ein natürliches Reservoir der derzeit bekannten 25 verschiedenen Virentypen. Sie tragen die Varianten vielfach in sich, jedoch meist, ohne zu erkranken. Untersuchungen fanden bei etwa 15 Prozent der wildlebenden Enten und Gänse einen Vogelgrippe-Virus, bei allen anderen Vogelarten im Schnitt nur bei zwei Prozent der Tiere.
Einiges spricht dafür, daß das Virus bereits in norddeutschen Wasservögeln schlummerte und nun die durch Kälte und Nahrungsmangel geschwächten Schwäne dahinraffte. Der ebenfalls infizierte Habicht, der auf Rügen gefunden wurde, könnte von den toten Vögeln gefressen oder einen erkrankten Vogel geschlagen haben - aber auch dieser Übertragungsweg sei noch nicht nachgewiesen, so Elke Reinking, Sprecherin des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit auf der Insel Riems.
Vielleicht findet man das Virus jetzt, weil tote Vögel zunehmend häufiger untersucht werden. Möglicherweise mutierte ein zunächst harmloser Virentyp über den Winter in H5N1. Denn zwischen Juli und Dezember 2005 wurden in der EU etwa 25 000 Wildvögel untersucht, ohne daß dieser Virentyp auftauchte.
Verdächtig ist generell Wildgeflügel, das zum einen große Strecken zieht, zum anderen mit Schwänen grast oder schwimmt. An der Nordseeküste tun dies zurzeit Sing- und Zwergschwäne. Aber die haben hier und etwas südlicher ihr Winterquartier und brechen selbst erst noch auf in ihre arktischen Brutgebiete.
Einen weiteren Erklärungsversuch bringt Elke Reinking ins Gespräch: Die Höckerschwäne könnten aus Rußland kommen und dort vor der Kälte geflüchtet sein. Denn selbst die seßhaften Schwäne verlassen ihre Heimat, wenn diese zu unwirtlich wird. Dann ziehen sie notfalls einige hundert Kilometer weit. Ob sie solche Distanzen allerdings grippeinfiziert bewältigen können, ist eine der vielen noch offenen Fragen an die Wissenschaft.



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