Das langsame Sterben der Flügelschnecken
Seegurken, Kaltwasserkorallen und Flügelschnecken, die in den Polarmeeren leben, werden in fünfzig bis einhundert Jahren verschwunden sein. Da sich Krebse, Lachse oder auch Wale von diesen Tieren ernähren, seien schwerwiegende Auswirkungen auf das polare Ökosystem zu befürchten. Zu diesem Schluß kommt eine Gruppe von 27 Meeresforschern aus Europa, Japan, Australien und den USA. Der Grund sei, daß die Meere infolge menschlicher Einflüsse zunehmend versauern. Das Team, in dem auch Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) mitwirken, fordert in seinem in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" (Nr. 438, S. 681 - 686) veröffentlichten Bericht, die Emission von Treibhausgasen drastisch einzuschränken. Denn das Drama wird sich in den wärmeren Meeren zeitverzögert fortsetzen.
Durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe produziert jeder Mensch im Durchschnitt täglich elf Kilogramm des Treibhausgases Kohlendioxid. Dieses gelangt in die Atmosphäre. Vier Kilogramm davon werden, so die Forscher, von den Meeren aufgenommen. Das verringert den Treibhauseffekt. Doch der Preis dafür ist, daß die Meere versauern. Denn Kohlendioxid reagiert mit Meerwasser zu Säure. Säuren lösen - wie aus dem Hausputz bekannt - Kalk auf. Im Meer behindert die Säure nun die Bildung von Kalkschalen oder Kalkskeletten von Meeresbewohnern. Das werden diese Tiere nicht überleben können.
Die Studie beruht auf weltweiten Messungen des Kohlenstoffgehalts der Meere. Um die Vorhersagen abzusichern, seien 13 alternative Berechnungsmodelle mit den Daten gefüttert worden, so Prof. Reiner Schlitzer vom Alfred-Wegener-Institut. Beim Vergleich der Ergebnisse habe es kleine Unterschiede zwischen den Modellen gegeben. Aber die grundsätzliche Aussage sei immer die gleiche: Die Meere versauern viel schneller als bislang angenommen.
Nach Ansicht der Wissenschaftler ist die Vorhersage deutlich sicherer als derzeitige Klimaprognosen, da die Aufnahme von Kohlendioxid durch die Meere einfachen Gesetzmäßigkeiten folgt und vergleichsweise wenig Störfaktoren berücksichtigt werden müssen.



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