Begrenzte Apfelvielfalt
Obstbau: Im Alten Land beginnt die Haupternte der Äpfel. Alte Apfelsorten werden kaum noch angebaut, mit wenigen - ertragreichen - Ausnahmen. Standardäpfel beherrschen den Markt, ergänzt durch genetisch ähnliche Modesorten aus Spezialinstituten.
Prinz ist nicht gleich Prinz: Der Finkenwerder Herbstprinz ist das Paradebeispiel einer alten, an die Region angepaßten Apfelsorte. Der "Red Prince" dagegen ist eine holländische Neuzüchtung, für die die Vermarktungsgesellschaft "Elbe-Obst" das Exklusivrecht zum Verkauf in Deutschland erworben hat. Die beiden Prinzen spiegeln die Bandbreite einer großen Apfelvielfalt wider. In der Praxis beherrschen jedoch einige wenige Sorten und deren Mutanten den Weltmarkt.
In dieser Woche startet mit der Sorte Elstar die Haupternte im Alten Land. Elstar hat mit 26 Prozent den größten Anteil, mit jeweils 15 Prozent folgen Jonagold, Jonagored und Holsteiner Cox. Die restlichen knapp 30 Prozent teilen sich Cox Orange, Gloster, Boskop und Neuzüchtungen. Um 1940 seien in Norddeutschland noch um die 190 Apfelsorten erzeugt und gehandelt worden, sagt Eckart Brandt, der in seinem "Boomgarden"-Projekt zwischen Stade und Cuxhaven gut 700 alte Apfelsorten erhält.
Die "Sortenbereinigung" in den 60er Jahren hat der Vielfalt den Garaus gemacht, gefolgt von den internationalen Handelsvorgaben, die den Trend zum globalen Standardapfel vollendeten. Allein 20 verschiedene Prinzenäpfel verschwanden aus dem Sortiment. Dr. Karsten Klopp, Leiter des Obstbau-Versuchs- und Beratungszentrums in Jork, sieht weder Chance noch Notwendigkeit, die traditionellen Sorten wiederzubeleben: "Es gibt für sie keine mengenrelevante Nachfrage." Zudem hätten Studien gezeigt, daß die alten Sorten geschmacklich unterlegen seien - dagegen betonen deren Liebhaber, die Sorten seien würziger als die Massenware.
Angesichts der Dominanz der Standardsorten erscheint die Initiative des Museums Kiekeberg, jedes Jahr eine alte Sorte zum "Apfel des Jahres" zu küren, fast weltfremd. In diesem Jahr ist es der "Wilstedter Apfel". Doch was hilft die neu geschaffene Aufmerksamkeit, wenn es die Sorte nicht zu kaufen gibt? Eckardt Brandt sieht hier das Haupthindernis für Traditions-Äpfel: "Wenn wir den Apfel auf dem Kiekeberg vorstellen, dann sind die Leute richtig ärgerlich, wenn sie ihn nicht probieren und möglichst auch kaufen können. Doch uns fehlt die Ware. Es braucht zwei Jahre, um das Pflanzgut zu haben und weitere fünf, bis die Jungbäume zu tragen beginnen. Frühestens dann können wir relevante Mengen Äpfel anbieten."
Doch kaum ein Obstbauer kann es sich leisten, die meist ertragsschwachen Sorten in einem Ausmaß anzubauen, das über Liebhaberei hinausgeht. Auch im Öko-Landbau haben sich deshalb mit Elstar und Jonagold Allerweltssorten durchgesetzt. Eine Ausnahme bildet der Finkenwerder Herbstprinz.
Brandt nennt ihn den Krisengewinnler der Sortenbereinigung. "Damals beschloß man, daß sich die Region eine Extrawurst leisten kann. Man wählte den Finkenwerder Herbstprinz und empfahl, ihn auf andere Sorten aufzupfropfen." Der Herbstprinz wurde um 1870 entdeckt und ist ein "Zufallssämling".
Apfelbäume sorgen von Natur aus für eine reiche Sortenvielfalt: Sie können sich nicht selbst befruchten, sondern brauchen immer einen zweiten Baum als Pollenspender. Die wahren Züchter von Apfelsorten sind deshalb die Bienen, die die Bäume bestäuben. Viele historische Sorten sind auf diese Weise per Zufall entstanden. Die meisten Natur-Kreuzungen lieferten nur kleine, grüne, geschmacklose Früchte, aber einige wenige auch ansprechende Äpfel.
Das Hauptmanko der alten Sorten sei ihr geringer Hektarertrag, so Eckart Brandt: "Einige Äpfel hängen wie Unikate am Baum." Selbst Cox Orange sollte abgeschafft werden, weil er nicht mehr die 35 Tonnen pro Hektar bringe - und darunter lohne der Anbau nicht. Immerhin erfüllt ein berühmter Abkömmling als Regionalsorte die heutigen Anforderungen an Ertragsmenge, Lagerfähigkeit, Aussehen und Geschmack: Der Holsteiner Cox, eine der vier Hauptsorten im Alten Land, wurde um 1920 herum vom Eutiner Lehrer Vahldiek aus dem Cox Orange gezüchtet.
Die Züchtungsinitiative Niederelbe (ZIN), ein Zusammenschluß von 170 Erzeugern, Händlern und Erzeugerverbänden im Alten Land, hat sich zum Ziel gesetzt, moderne Regionalsorten zu züchten, die an hiesige Standorte angepaßt sind. "Sie ist auch eine Antwort auf die Erzeuger der südlichen Hemisphäre wie Neuseeland, die immer wieder neue Sorten auf den Markt bringen, die den Zeitgeist-Geschmack treffen", so Karsten Klopp. Die Mutanten der Standardsorten sollten derzeit eine rote Haut haben, denn rote Äpfel sind bei den Verbrauchern besonders beliebt.
Die neuen Modeäpfel kommen im Rahmen von sogenannten Club-Konzepten auf den Markt: Züchter verkaufen die Sorte gegen Lizenz an Obstbauern, die die Lizenzware nach bestimmten Regeln anbauen müssen. "Andere machen uns zu Auftrags-Obstbauern", heißt es bei der ZIN oder, wie Eckart Brandt sich ausdrückt, "zu Lizenznehmern der Agrarindustrie".
Die Zeiten, in denen Bienen einen nennenswerten Beitrag zur Apfelvielfalt in den Verkaufsregalen leisteten, sind endgültig vorbei.
Zum Weiterlesen: "Von Äpfeln und Menschen", Eckart Brandt, Verlag Atelier im Brauhaus, 180 Seiten, 14,80 Euro, ISBN 3-88-132-309-0




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