Die Welt baut ersten Kernfusionsreaktor
Sonnen-Feuer: Milliardenprojekt in Südfrankreich soll Energie der Zukunft erschließen. Sie könnte einst Erdöl und Erdgas ersetzen.
Marseille/Hamburg. Der Traum der Menschheit von einer möglichst sauberen und unerschöpflichen Energiequelle soll in Südfrankreich konkrete Gestalt annehmen: Nach langjährigem Streit um den Standort des ersten internationalen Kernfusionsreaktors ITER wurde gestern entschieden, das Projekt - 4,6 Milliarden Euro Baukosten - in Cadarache und nicht in Japan zu bauen.
Das Wort ITER steht für "International Thermonuclear Experimental Reactor" (Internationaler Thermonuklearer Experimenteller Reaktor) und bedeutet auf lateinisch "Der Weg". Der Bau soll noch in diesem Jahr beginnen.
Von 2014 an bietet der Reaktor Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern 20 Jahre lang die Möglichkeit, das Potential der Kernfusion unter realistischen Bedingungen auszuloten. Bei der kontrollierten Kernfusion werden ähnlich wie bei der Energiegewinnung der Sonne Wasserstoffatomkerne verschmolzen. Anders als bei normalen Atomkraftwerken, in denen Kerne gespalten werden, kann es in Fusionsreaktoren keine unkontrollierte Kettenreaktion geben. Wissenschaftler hoffen, daß die Fusionsenergie in ferner Zukunft Erdöl, Erdgas und herkömmliche Atomenergie ersetzen wird.
"Wir schreiben heute Geschichte, was die internationale Forschungskooperation betrifft", sagte EU-Forschungskommissar Janez Potocnik. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac feierte "einen großen Erfolg für Frankreich, für Europa und für alle Partner im ITER-Projekt". Auch Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) freute sich: "Der Standort bietet Deutschland optimale Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit in der Forschung und der deutschen Industrie die Chance für Aufträge."
Zum ITER-Projekt gehören die EU, die USA, Japan, China, Rußland und Südkorea. Das ehrgeizige Projekt ist mit Gesamtinvestitionen von 9,6 Milliarden Euro verbunden. Bis zu 100 000 neue Arbeitsplätze könnten damit vor allem bei Zulieferern entstehen.
Die Verhandlungen hatten sich schwierig gestaltet, da auch Japan den Standort für sich beansprucht hatte. Der Weg für das französische Cadarache war erst frei geworden, nachdem die EU Tokio einen großen Anteil an Arbeiten zugestanden hatte. Die EU wird zehn Prozent des Baumaterials in Japan kaufen und dort Forschungsarbeiten mitfinanzieren.









