Faszination Tiger
Campus: Wie können die größten Katzen der Welt artgerecht im Zoo leben? Eine Biologin der Uni Hamburg erforscht das Thema erstmals.
Einen Tiger in der Wildnis Indiens zu beobachten, ist kein einfaches Unterfangen. Denn dieses furchteinflößende Tier flüchtet, sobald es überrascht wird. Dabei gibt die größte Katze der Welt für ihre Art untypische Laute von sich: Sie klingen wie erschrecktes Bellen. Der Tiger - das unbekannte Wesen. Stephanie Stempell (27), Diplombiologin der Universität Hamburg, schreibt ihre Doktorarbeit über die Großkatzen.
Sie untersucht die Mutter-Kind-Beziehungen der Tiger in zehn Zoos. "Ich will eine Methode entwickeln, die das Halten von Großkatzen in Zoos beurteilen kann", sagt Stempell. Wie sich das Tier verhalte, sage auch etwas über sein "Sich-Wohlfühlen" aus. Die entscheidende Frage: Ist das Tier artgerecht untergebracht?
Vor 250 Jahren begann die Geschichte der Zoos und damit das Halten von Wildtieren. Die Idee der zoologischen Parks war es zunächst, dem Besucher viele unterschiedliche und exotische Tiere zu präsentieren. Dies geschah oft auf Kosten der Tiere, die bei der Jagd, dem Transport oder in den Gehegen starben. Ob und wie wilde Tiere artgerecht gehalten werden können, diese Frage stellen sich Zoos erst seit dem vergangenen Jahrhundert.
Seitdem hat sich die Zahl der gezeigten Tierarten verringert, Käfige und Gehege sind größer geworden. Heute nehmen viele Zoos an internationalen Zuchtprogrammen teil, um Arten zu erhalten. Sie führen Zuchtbücher, um Inzucht zu vermeiden und um gesunden Nachwuchs zu züchten. Oft wird dieser dann dort wieder angesiedelt, wo die Art zuvor bereits ausgerottet worden war.
Bisher gebe es keine wissenschaftliche Arbeit zu dem Thema, was artgerechte Tierhaltung eigentlich bedeutet, sagt Stephanie Stempell. Sie will diese Lücke jetzt schließen. Die gebürtige Berlinerin hat schon während einer Projektarbeit im Fach Verhaltensbiologie die Sibirischen Tiger im Tierpark Hagenbeck beobachtet und dadurch ihr Interesse für die Großkatzen entdeckt. Es folgte die Diplomarbeit über die Tiger; seit Oktober 2003 arbeitet sie an ihrer Doktorarbeit.
"Ich beobachte die Mutter-Kind-Familien, wenn die Jungtiere drei Monate alt sind", sagt die Biologin. Sie bleibt dann für jeweils vier Wochen vor Ort und nimmt auch die Art der Gehege und deren Bedingungen in ihre Auswertungen mit auf. Sie hat bereits Zoos in den Niederlanden und in Deutschland besucht. Weitere sollen folgen, so in Leipzig, Stuttgart und München. "Ich hoffe, dass ich die Arbeit im Januar 2006 abgeben kann", sagt sie.
Stephanie Stempell hofft, mit ihrer Arbeit eine wissenschaftliche Grundlage für die Haltung von Großkatzen zu schaffen. Aufbauend könnten dann auch für andere Tiergruppen artgerechte Bedingungen geschaffen werden.
Zuvor wird sie aber auch noch Tiger-Familien in freier Wildbahn beobachten, um Vergleiche im Verhalten ziehen zu können. Geplant hat sie einen mehrwöchigen Aufenthalt in Indien. Die Tiger dort seien nicht ganz so menschenscheu und man könne sie mit etwas Glück gut vom Jeep aus beobachten.
Ganz "Großkatzen-typisch" verhalten sich im übrigen die Männchen: Vertreiben sie ein anderes Männchen aus dessen Revier, töten sie auch dessen Nachwuchs. So gewährleisten sie, dass die Weibchen schnell wieder Nachwuchs bekommen können - ihren Nachwuchs.



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