Vor rund 4000 Jahren in Mesopotamien war Lernen Luxus, die Schulzeit dauerte wohl etwa zehn Jahre und die Schrift war wichtiger als das Rechnen.

Vor rund 4000 Jahren in Mesopotamien war Lernen Luxus, die Schulzeit dauerte wohl etwa zehn Jahre und die Schrift war wichtiger als das Rechnen. Unter den strengen Blicken der Lehrer formten die Kinderhände als Erstes einen Klumpen Ton, handtellergroß, sodass er vorn und hinten beschreibbar war. Dann kam die Handhabung des Griffels, mit dem säuberlich Keile und Winkel in den Ton gedrückt wurden. Aus einem Textkorpus von Schülerarbeiten aus dem frühen zweiten Jahrtausend vor Christus erschließen Forscher der Universität Heidelberg gerade, wie Wissenserwerb damals vor sich ging. Für ihre Edition der "Keilschrifttexte aus dem Sin-Kaschid-Palast in Uruk/Warka" beschäftigen sich die Wissenschaftler hauptsächlich mit der Frage, welche Bedeutung die Schrift und das Schrifttum für das Leben im alten Orient hatten. "Der Anteil der Schreibkundigen an der Gesamtbevölkerung des alten Mesopotamien dürfte im Promillebereich gelegen haben", erklärt Markus Hilgert von der Universität Heidelberg. "Da stellt sich die Frage, für wen eigentlich die Schriftzeugnisse, etwa auf Herrscherstelen, erstellt wurden."

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Der Anteil der Schriftkundigen wurde im Laufe der Jahrtausende nicht wesentlich größer. Nur in den privilegiertesten Familien wurde die Schriftkundigkeit gepflegt. Schreiben zu lernen war aber kein reines männliches Privileg. Tatsächlich gab es, wenn auch selten, Mädchen, die schreiben lernten. Da Schüler ihre Arbeiten oft unterschrieben mit "Tafel von XY" und männliche und weibliche Namen unterschiedlich waren, hat die Forschung dies erkannt. Als Alltagsmedium spielte Schrift kaum eine Rolle, nehmen Hilgert und seine Kollegin Shirin Sanati-Müller an. Neben der Aufzeichnung von Verwaltungsvorgängen diente sie vor allem der Weitergabe von kultischem, rechtlichem und heilkundlichem Wissen. Vieles davon war von den Sumerern gekommen. Um 2000 vor Christus sprach jedoch vermutlich niemand mehr Sumerisch, eine Sprache, von der bis heute niemand weiß, mit welcher Sprache sie verwandt ist. Die Sprache im zweiten vorchristlichen Jahrtausend war Akkadisch, eine semitische Sprache, über die Assyriologen heute das Sumerische erschließen. Die Lehrer schrieben für jeden Schüler Keilschriftübungen vor, und diese schrieben sie auf der Rückseite nach. "Es ist ein Glücksfall, wenn wir Schülertontafeln finden", sagt Hilgert. "Normalerweise wurden sie abgeschabt und wieder verwendet. Nur wenn ein Schulhaus zerstört wurde, blieben sie erhalten."

Die Mathematik wurde in den Schreibunterricht eingeordnet. Akkader, Assyrer und Babylonier kannten den Dreisatz und verwendeten Divisions- und Multiplikationstabellen. Wer die Schreiberausbildung abgeschlossen hatte, war vermutlich zwischen 15 und 20 Jahre alt. Werden konnte man danach Opferschauer, Heiler, Klagesänger oder Kanzleischreiber, alles Berufe mit hohem Ansehen. "Vermutlich gab es auch so etwas wie Schulversager", meint Hilgert, "doch da Schreibkundigkeit etwas Seltenes war, konnte auch derjenige, der nur sehr mäßig schreiben gelernt hatte, noch einen einigermaßen einträglichen Posten ergattern."wsa