Software: PC-Abenteuer von zwei ehemaligen HAW-Studenten
Vom Studium zur Spielefirma
Die Firma Daedalic will sich auf dem rauen Markt für Computerspiele behaupten - und wird dabei von Wirtschaft und Behörde gefördert.
Edna ist sauer. Irgendjemand hat sie in eine Gummizelle gesperrt, und der tumbe Wärter will ihr nicht sagen, warum. Nach wenigen Minuten ahnt man, dass die schlagfertige Kleine mit hoher Wahrscheinlichkeit vor allem wegen ihres losen Mundwerks in die gepolsterten vier Wände geraten ist. Jedenfalls lässt sich Edna, die nur von ihrem nicht minder redseligen blauen Plüschhasen Harvey unterstützt wird, so etwas nicht gefallen! Also bricht Edna aus.
"Edna bricht aus" ist ein klassisches PC-Adventurespiel, bei dem es um das richtige Kombinieren von Hinweisen geht, durch das die humorvolle Handlung vorangetrieben wird. Erfunden hat Spiel wie Hauptfigur der Diplom-Ingenieur Jan Müller-Michaelis. Und er hat gleich auch noch alle Figuren und Szenen gestaltet, die Texte geschrieben und das Ganze programmiert. Gemeinsam mit einer Handvoll Kommilitonen begann er noch in seiner Studienzeit an der HAW Hamburg mit der Entwicklung des Spiels. Doch während die meisten solcher Projekte in einer Schublade landen, wird es für Edna jetzt richtig ernst. Noch in diesem Jahr soll das fertige Produkt erscheinen - als erster Titel der Anfang dieses Jahres von Müller-Michaelis und seinem Kompagnon Carsten Fichtelmann gegründeten die Hamburger Firma Daedalic Entertainment.
Daedalics Creative Director Müller-Michaelis, der seine Diplomarbeit zum "Das Computerspiel als nichtlineare Erzählform" geschrieben hat, ist ein Überzeugungstäter. Auch Geschäftsführer Carsten Fichtelmann tut mit leuchtenden Augen alles dafür, dass die Leidenschaft für die Erzählform Videospiel auf den Gesprächspartner überspringt: "Wir haben eine klare Vision, wie wir unseren Ideen Flügel verleihen können. Wir werden Welten erschaffen, in denen der Spieler als Abenteurer ein authentisches Erlebnis hat. Unsere Spiele werden fühlbar sein", verspricht der ehemalige Marketingleiter der erfolgreichen Hamburger Softwarefirma dtp.
Ein Bezug zu Flügeln findet sich schon im Firmennamen: "Daedalic" setzt sich aus den Worten Daedalus und Electronic zusammen. Der mythologische Daedalus erbaute nicht nur das Labyrinth des Minotaurus und stattete sich und seinen Sohn Ikarus mit selbstgebauten Flügeln aus, um aus eben diesem Labyrinth zu entkommen, sondern stand auch in dem Ruf, als Künstler vollkommen lebensechte Figuren schaffen zu können. "Daedalus wäre heute sicher auch Game-Designer", sagt Fichtelmann und seine Augen leuchten wieder.
Die Lebensnähe, das mit sagenhaften Fantasiegestalten bevölkerte Labyrinth, aus dem es sich zu befreien gilt - für die Daedalic-Gründer verdeutlichen die mythologischen Bezüge, was für sie das Wesen elektronischer Spiele ausmacht. "Wir wollen in erster Line Geschichten erzählen", so Müller-Michaelis. Dieser Ansatz werde von der Branche immer vernachlässigt. "Es gibt zahllose gute Spiele", bestätigt Carsten Fichtelmann, "aber wirklich gute Geschichten sind nur sehr, sehr selten zu finden."
Für den Geschäftsführer einer aufstrebenden Firma ist eine gute Geschichte natürlich immer eine, die ein möglichst breites Publikum anspricht. Nicht zuletzt deshalb wird sich das nächste Daedalic-Projekt mit dem Thema Klimawandel auseinandersetzen. "Es soll ein knallharter Wirtschaftsthriller werden, der sozusagen nebenbei einige Fakten zum Thema vermitteln wird", erklärt Fichtelmann.
Derzeit arbeiten acht Festangestellte und acht freie Mitarbeiter in den Daedalic-Räumen direkt am Flughafengelände in Groß Borstel. Im nächsten Jahr sollen es bereits 20 bis 25 feste Mitarbeiter sein. Die Vermarktung der eigenen Produkte will die Firma selbst übernehmen. "Wir wissen schließlich am besten, was wir mit einem Titel erreichen wollen", sagt Fichtelmann. "Vielleicht werden wir zur Veröffentlichung unseres Umweltthrillers auch einfach mal Klima- statt Pressekonferenzen veranstalten."
Das Konzept überzeugte die Wirtschaftsförderungs-Initiative Hamburg@work so sehr, dass sie die Entwicklung des Prototyps des Spiels mit einem zinslosen Kredit über 100 000 Euro unterstützt. Es ist das erste Mal, dass diese Art der Förderung in der Hansestadt vergeben wird, deutschlandweit ist Hamburg mit dieser Initiative Vorreiter.
"Das von Daedalic vorgestellte Projekt spricht nach Meinung der Jury in besonderer Weise eine breite Öffentlichkeit an", erklärt Dirk Humfeldt von der Behörde für Wirtschaft und Arbeit. "Das Thema Klimaschutz ist von allgemeinem Interesse, hat derzeit eine hohe Präsenz in den Medien und bestimmt die öffentliche Diskussion. Deshalb war die Jury vom wirtschaftlichen Erfolg eines solchen Titels überzeugt."
Der Optimismus ist berechtigt. Schließlich haben die Daedalic-Leute schon im Falle der schlagfertigen Edna bewiesen, dass sie wissen, wie man eine Geschichte erzählt.
Informationen im Internet: www.daedalic.de




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