Wissenschaftsjahr: Gespräch mit dem Pionier Joseph Weizenbaum. Er ist einer der Väter der Informatik. Sein legendäres Computerprogramm "Eliza" machte ihn zum Star. Heute provoziert er mit seinen Thesen - und er kritisiert den allzu bedenkenlosen Umgang mit der neuen Technik.
Sein bekanntestes Kind wird 40 Jahre alt: das Computerprogramm "Eliza". Mit einem nur 200-Zeilen-Code gelang dem Mathematiker Joseph Weizenbaum 1966 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Sensation: Er präsentierte das erste Computerprogramm, das in natürlicher Sprache kommunizieren konnte. Die Software simulierte eine Psychotherapeutin, die verständnisvoll auf menschliche Probleme reagierte.
Er erhielt vier Ehrendoktorwürden - eine kurze Biographie
Noch heute gilt "Eliza" als der Prototyp für moderne Dialogsysteme im Internet, den sogenannten Chatbots. "Das Programm wurde als Meilenstein in der künstlichen Intelligenz gefeiert, manche glaubten sogar, es würde die menschlichen Psychologen bald ablösen", erinnert sich Weizenbaum. Der tiefgründige Wissenschaftler - so benannte er sein Programm nach der Blumenverkäuferin Eliza, die in George Bernard Shaws Schauspiel "Pygmalion" von Prof. Higgins im feinen Akzent der vornehmen englischen Gesellschaft geschult wird - war über diese Reaktionen entsetzt.
Bereits 1971 trug Weizenbaum am Fachbereich Informatik der Uni Hamburg seine Kritik am unüberlegten Einsatz von Computern vor, die er 1976 in seinem Buch "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" ausführlich darlegte. Das Buch wurde ein Bestseller, es veränderte das Leben des Forschers. Der Computer-Pionier, der vor 18 Jahren seine Laufbahn als aktiver Professor am MIT beendete und heute in Berlin lebt, wurde zum Gesellschaftskritiker.
"Ich bin nicht dafür, die Informatik abzuschaffen. Aber eine Technik erbt immer die Werte der Gesellschaft, die sie produziert. Und unsere geht nicht verantwortungsbewußt mit dieser Technik um", urteilt Weizenbaum. Der Ehrenvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Informatik fordert, dieses Problem im Wissenschaftsjahr der Informatik genauer zu beleuchten.
"Eine Veränderung, die Computer beispielsweise bewirkten, ist, daß alles viel langsamer geht", so der vielfach ausgezeichnete Experte, Träger allein von vier Ehrendoktorwürden - darunter einer der Uni Hamburg. Natürlich stimme das nicht im physikalischen Sinne, wohl aber im psychologischen. "Ultra-high-speed ist die Norm unseres Lebenstempos geworden. Dieses Tempo kann man aber selten realisieren. Wie oft verschwinden Texte, bevor sie per E-Mail versandt sind? Wie oft müssen wir warten, bis uns die Suchmaschinen endlich eine sinnvolle Antwort auf unsere Fragen gibt? Deshalb wird man dann ungeduldig. Unsere Erwartungshaltung hat sich grundlegend verändert", sagt Joseph Weizenbaum, der jeden Tag das Internet nach neuen Informationen durchsucht.
Neben dem Zeitgefühl hätten die Computer auch das Raumgefühl revolutioniert. "Heute ist es möglich, Ferienorte zu besuchen, die man noch nie gesehen hat, Menschen zu treffen, die weit entfernt wohnen, oder Fabriken in Asien oder Afrika von New York aus virtuell so zu steuern, als seien die Manager vor Ort. So schwindet der Raum, jeder kann scheinbar zeitgleich an mehreren Orten handeln", erläutert Weizenbaum. Die Zeit, die bliebe, um Entscheidungen gründlich zu überdenken, "ist verschwunden. Unsere Wirtschaft wird inzwischen so hektisch geführt, als herrsche Notstand, drohe ständig der Kollaps", so der Querdenker, der mit runder Hornbrille, Schnurrbart und langen, grauen Haaren irgendwie an Einstein erinnert.
Das Internet erlaube Leben und Handel rund um die Uhr und rund um den Globus - so seien die vielen Börsen der Welt längst zu einer einzigen Weltbörse verschmolzen. "Da diese Börse nie schließt, wurde sie zum Casino, das konterkariert wirkliche Investments", kritisiert Joseph Weizenbaum und fordert, auch darüber im Wissenschaftsjahr der Informatik nachzudenken.
Die Informatik entstand Anfang der 1960er Jahre. An den US-Universitäten gab es die ersten Fakultäten, die ersten Fachzeitschriften erschienen. "Doch die Forscher vom MIT und von Harvard erkannten das revolutionäre Potential dieser Technik nicht, für sie war es nur eine Spielart der Elektrowissenschaften", erinnert sich Weizenbaum, der 1963 von General Electric an das MIT wechselte und dort die Geburtswehen der jungen Wissenschaft miterlebte. Learning by doing sei das Gesetz der Stunde gewesen.
"Mit der Verschmelzung von Computer und Kommunikation entstand inzwischen die vernetzte Welt, deren Netze unser Dasein, unseren Alltag ständig verändern", resümiert Weizenbaum. Zwar könne Kommunikation mit vielen Werkzeugen gestaltet werden, doch zunehmend sei es der Computer, der die Vermittlung von Informationen übernehme. Dabei blieben der Klang einer Stimme, der Gesichtsausdruck, die Körperhaltung und vieles mehr einfach auf der Strecke.
Zugleich seien viele Menschen ständig online - ob im Netz oder per Handy. Ihr Leben drohe ein virtuelles zu werden, der Mensch sich als Maschine zu verstehen. In seinen Augen gehören daher jüngere Kinder auch nicht vor die Computer, sondern mitten ins wirkliche Leben. "Wir müssen Kindern wirkliche Erfahrungen ermöglichen, sie müssen das Leben im wahrsten Sinne des Wortes begreifen können, damit sie überhaupt ein kritisches Denken entwickeln und wach durch das Leben gehen können", fordert der Computer-Pionier. Denn die Informatik beschere uns nicht mehr Wissen, sondern nur mehr Nachrichten, deren Qualität wir zudem oftmals nicht einmal einschätzen könnten.
Wenn die Kapazität des kritischen Denkens aber so gering sei, daß die Nachrichten nicht mehr hinterfragt werden könnten, dann würde das, was aus den Maschinen herauskommt, einfach für wahr gehalten. Deshalb sei die Konsequenz aus der Pisa-Studie nicht, mehr Computer aufzustellen, betont Weizenbaum unermüdlich, sondern mehr kritisches Denken zu fördern.









