Schnüffel-Chip im Einkaufskorb
Technik: Mit dem RFID-System lässt sich der Weg der Ware lückenlos verfolgen. Firmen wollen diese intelligenten Etiketten einsetzen. Datenschützer warnen.
Der Gedanke scheint verlockend: Ein voller Einkaufswagen muss nur noch an der Kasse vorbeigeschoben werden, und sofort spuckt das Gerät die richtige Summe aus. Die wird gleich von der Kreditkarte abgezogen, die dazu noch nicht einmal aus der Tasche geholt werden muss. Möglich werden könnte dieses Szenario mit intelligenten Etiketten an jedem Artikel. Sie lassen sich mit Funkwellen berührungslos und auf einige Entfernung auslesen. Diese Technik nennt sich RFID (Radio Frequency Identification).
Ein RFID-Etikett ist ein Mikrochip mit Antenne, der über Distanzen bis zu einigen Metern eine einmalige Seriennummer übertragen kann. Die Technik wird als Nachfolger der Strichcodes angesehen.
Ihren großen Auftritt wird RFID bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland haben. Sie soll dem Ticket-Verkauf via Internet und den Eintrittskarten mit RFID-Chips zum Durchbruch verhelfen. "Mit der RFID-Technologie wird es möglich, Tickets per Handy oder PC zu erwerben, Versandkosten zu sparen, Ticketfälschungen besser auszuschließen und die Sicherheit im Stadion zu erhöhen", verspricht Wirtschaftsminister Wolfgang Clement.
Auch IT-Unternehmen wie Infineon, Intel, SAP und Einzelhandelskonzerne wie Metro (von November an) und Wal-Mart (Pilotprojekt seit Ende April) setzen auf die Technik, um Lagerhaltungs-, Verwaltungs- und Vertriebskosten erheblich zu senken.
Die Unternehmen wüssten dank eines Lesegerätes im Lkw oder im Kaufhausregal jederzeit, wo die gesuchte Palette herumgefahren oder ob das Regal mit den Haferflocken bald leer sein wird. Funketiketten in der Kleidung könnten einer Waschmaschine sagen, dass das Karo-Hemd nicht wärmer als 40 Grad gewaschen werden darf, ein Fertiggericht könnte der Mikrowelle die Garzeit melden. Droht ein Joghurt abzulaufen, deckt RFID das auf. Die Verfolgung von Koffern am Flughafen oder Büchern in der Bibliothek sind weitere Beispiele.
Die Technik hinter den Funketiketten ist altbekannt. Das zugehörige Lesegerät sendet eine Funkwelle aus, das die Antenne im RFID-Etikett erreicht. Dieses wird durch die eingestrahlte Energie aktiviert und gibt ein Signal an das Lesegerät zurück. Funktechniker bezeichnen RFID-Etiketten als Transponder. Diese stecken zum Beispiel in den Plastikchips von Parkhäusern oder in Kapseln, die Haustieren zur späteren Identifikation unter die Haut gesetzt werden.
Inzwischen sind die Transponder so klein, dass sie sich überall fast unsichtbar anbringen lassen. Um die technischen Details dessen, was RFID-Chips speichern, kümmert sich die Non-Profit-Organisation EPC-global. Der von ihr vorgeschlagene Standard sieht vor, was auf welche Weise in dem Rücksignal des Chips codiert wird. Das Verfahren ist so konzipiert, dass damit 270 Millionen Hersteller jeweils 16 Millionen Produkte und von jedem einzelnen Produkt wiederum fast 70 Milliarden Stück weltweit eindeutig kennzeichnen könnten. Das reicht, um jeden Schokoriegel und jedes Paar Socken eindeutig zu identifizieren.
Datenschützer befürchten allerdings, dass die intelligenten Etiketten (Smart Tags) den transparenten Konsumenten schaffen könnten. Wer die Daten von der Supermarktkasse mit dem Namen des Kreditkartenbesitzers in Verbindung bringt, kann ein fast lückenloses Profil aller seiner Vorlieben aufstellen. Dann wäre bekannt, welches Kaugummi der Kunde mag oder ob und welche Magazine er liest. Auch bedenklich: Ist das Etikett im Schuh verborgen, macht es den Weg des Trägers nachvollziehbar, wann immer er an einem (versteckten) Empfänger vorbeigeht. Die Funketiketten sind so klein, dass sie sich von herkömmlichen Aufklebern nicht unterscheiden. Ob sie senden oder nicht, sieht man ihnen von außen nicht an, sie kommen ohne Batterien aus.
Die Datenschutzbeauftragten der Länder und des Bundes fordern: Wer Gegenstände mit RFID-Markierung besitze, müsse die Möglichkeit bekommen, diese zu zerstören. Der Datenschutz müsse bei Einführung, Planung und Einsatz der RFID-Technik berücksichtigt werden. Der brandenburgische Landesbeauftragte für den Datenschutz, Alexander Dix, verlangt: "Wer im Supermarkt einen Gegenstand kauft und den Laden verlässt, darf nicht durch diese Technologie heimlich verfolgt und überwacht werden."
In Deutschland ist die Rechtslage klar: "Personenbezogene Daten dürfen nicht einfach erfasst und verarbeitet werden", schreibt der Rechtsanwalt Stefan Jaeger im Computermagazin "c't" (9/2004). Wie weit die potenziell große Funktionalität der RFID-Chips genutzt werden dürfe, hänge unter dem Gesichtspunkt des Datenschutzes davon ab, wie deutlich der Bürger über den damit verbundenen Vertrauensverlust informiert werde.
Im Internet kursieren bereits zahlreiche Tipps, wie sich die Chips aufspüren, zerstören oder abschirmen lassen. Auch der US-Datensicherheitsspezialist RSA Security geht in diese Richtung und hat dazu den Prototyp eines RFID-Chip-Blockers vorgestellt. Dieser funktioniert weitgehend genauso wie die Warenetiketten selbst.
In Europa werden sich die Funkchips in den nächsten Jahren durchsetzen. Das ergab eine Studie der niederländischen Unternehmensberatung LogicaCMG. Der Start sei binnen der nächsten drei Jahre zu erwarten, die Hälfte der Firmen will noch 2004 mit Pilotprojekten beginnen.



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