Unendliche Weiten: Vor 20 Jahren schuf ein Brite die Grundlagen für das World Wide Web
Internet - das Universum auf Erden
Der "Urknall" im Netz hat viel gemein mit der Entstehung des Weltalls. Doch wie groß ist es? Wo sind die Grenzen? Ein Vermessungsversuch von Olaf Preuß.
Es war der Aufbruch in ein neues Universum, in einen neuen Raum und eine neue Zeit. Im Jahr 1989 machte sich der britische Informatiker Tim Berners-Lee am Kernforschungszentrum Cern in der Nähe von Genf daran, die Kommunikation der Menschheit zu revolutionieren. Es gab damals bereits elektronische Netzwerke, mit deren Hilfe Wissenschaftler und Institute Informationen austauschten. Berners-Lee konstruierte eine Software, die den Zugang zu diesen Netzen vereinheitlichte und vor allem vereinfachte. 1993 wurde das Ergebnis seiner Arbeit erstmals für die Öffentlichkeit nutzbar. Der Brite hatte die Grundlage für das World Wide Web gelegt. Er wies damit den Weg in das Zeitalter des Internets.
Viel hat der "Urknall" dieses Netzes gemein mit der Entstehung und der Ausbreitung unseres Universums. Eine grafische Animation, mit der Wissenschaftler vor einiger Zeit das Wachstum des Internets veranschaulichten, ähnelt verblüffend den Teleskopaufnahmen weit entfernter Sternennebel, in denen Astrophysiker Aufschlüsse über das Wesen des Weltalls suchen. Das Universum breitet sich seit vermutlich rund 14 Milliarden Jahren aus, das öffentlich zugängliche Internet seit gerade einmal 20 Jahren. Doch zwei Fragen faszinieren in beiden Fällen: Wie groß ist es? Und wie lange kann es wachsen?
Irgendwo in Deutschland stehen Gebäude so groß und nackt wie Turnhallen. Was sich darin befindet, sollen möglichst nur wenige Menschen wissen. Würde es zerstört, brächen hierzulande und auch anderswo wichtige Teile des Internet-Verkehrs zusammen. Im Zeitalter der totalen Information (und der wachsenden Abhängigkeit von komplexen Daten), angesichts der Übertragung in Lichtgeschwindigkeit käme das einem Hirnschlag gleich. In den Hallen stehen Rechenzentren mit Zehntausenden Servern. In stahlblauer Kälte summen sie leise vor sich hin, meterhoch gestapelte Kassetten. Die Wände wirken wie ein großer Tresorraum einer Bank. Der Schatz, der hier liegt, ist Information.
Nicht alle Server, die in solchen Rechenzentren stehen, dienen dem Betrieb des Internets. Aber jede Website, die für das breite Publikum zugänglich ist, wird auf irgendeinem solchen Rechner gespeichert und aktiviert. Wie viele "Knotenpunkte" für das Internet es gibt, mag noch vergleichsweise einfach herauszufinden sein. Aber wie viele Geräte hängen letztlich an diesem Netz? Wie viele Computerseiten stehen im World Wide Web? Und wie viel Information enthalten sie?
Schon im Kindesalter wird der Mensch von einer Frage eingefangen, die manchen ein Leben lang begleitet. Ist das Universum endlich? Wenn ja: Wo hört es auf? Wenn nein: Wo hört es dann auf? Ganz wenige Menschen auf dieser Welt, darunter Stephen Hawking, der körperlich gelähmte und gleichwohl berühmteste lebende Physiker, mögen eine Vorstellung davon haben, wie Antworten auf diese Fragen aussehen könnten. Bisweilen versuchen Superhirne wie Hawking, ihre Erkenntnisse in populär verfassten Büchern einem breiten Publikum näher zu bringen. Doch dem größten Teil des breiten Publikums bringt die Lektüre vermutlich nicht die Grenzen des Universums näher, sondern die Grenzen der eigenen Fantasie. Die Wissenschaftler geben sich Mühe, sie berichten von "Zeittunneln", "gekrümmten Räumen", "multidimensionalen Welten", von "Parallel-Universen", "Quarks" und "Higgs-Bosonen", den kleinsten-kleinsten Teilchen. So ähnlich, denkt man als Laie, so fremd und rätselhaft könnte auch eine Beschreibung des Internets klingen. Eine Reise durch die "virtuelle Welt".
Vieles von dem, was sich im Internet abspielt, ist in gängigen Zahlen durchaus noch zu fassen. Zwischen 225 und 625 Millionen Webseiten soll es im Netz geben, schätzen Experten. "Wie groß das World Wide Web ist, lässt sich aber nicht präzise definieren, schon deshalb nicht, weil es dafür praktisch kein präzises Kriterium gibt", sagt Christian Müller, Vorstandsmitglied beim Berliner Internet-Dienstleister Strato und dort zuständig für den Betrieb der Rechenzentren. Denn was genau definiert man als eine "Webseite" jenseits der gängigen Service-Portale und -Angebote, jenseits der Abermillionen Homepages von Unternehmen, Behörden und Privatmenschen. Wie ist ein Blog zu bewerten? Und wie das Sozial-Netzwerk Facebook mit all seinen Einträgen? Google, die führende Suchmaschine für das Internet, stellte die Zählung der aktuellen und nicht mehr aktuellen Webseiten im Jahr 2005 ein - beim Stand von angeblich "mehr als acht Milliarden". Es gebe letztlich keine eindeutige Zählweise, begründete das Unternehmen damals diesen Schritt.
Den Internet-Exerten Müller lässt die Frage nach der Größe des Netzes kalt: "Für uns ist das völlig irrelevant, weil es technologisch bedeutungslos ist. Wenn wir zusätzlichen Bedarf an Speicherkapazitäten sehen, bauen wir entsprechend nach. Das sehen wir rein praktisch." Schließlich fragt auch der Straßenarbeiter an der Teermaschine nicht danach, wie lang das Autobahnnetz in Deutschland ist.
Das Internet wächst weiter, so viel scheint klar: Etwa 1,5 Milliarden Menschen, schätzt die Uno, haben derzeit Zugang zum Angebot des World Wide Web, mehr oder weniger frei (weniger frei als bei uns zum Beispiel unter der Zensur in China), aber immerhin. Wie groß die Datenmenge ist, die im Netz zirkuliert, lässt sich hingegen auch in den höheren Sphären der Mathematik und der Statistik nicht mehr präzise beschreiben.
Dort operieren Experten mit Begriffen wie "Exabyte", "Petabyte" und "Terabyte", zu Deutsch: mit den "Fantastilliarden" eines Dagobert Duck. Zum Vergleich: Eine Manuskriptseite aus der Schreibmaschine fasst 4000 Zeichen, in den Worten der Computerwelt: vier Kilobyte. Der Fachautor Peter Glaser berechnete einmal, wie hoch sich das doch recht dünne Papier stapeln würde, brächte man auch nur einen sehr kleinen Teil der im Internet zirkulierenden Daten - nämlich 230 Terabyte - auf Blättern mit je 4000 Zeichen unter. Er kalkulierte eine Stapelhöhe von 5750 Kilometern. Glaser vergaß nicht anzufügen, dass der Flugpionier Charles Lindbergh für diese Strecke - der Distanz von New York nach Paris - im Jahr 1927 beim Erstflug 33 Stunden benötigt hatte.
Ist die Frage, wie groß das Internet ist, am Ende also von unendlicher buddhistischer Leere? Ist sie so sinnvoll - oder sinnlos - wie die Frage nach der Beschaffenheit des Universums? Beim Universum immerhin kann man sich auf die Rolle des Schöpfers berufen, wenn man nicht mehr weiter zu denken vermag. Beim Internet ist der Schöpfer zwar irgendwo ebenfalls im Spiel, aber ganz eindeutig hat er den Menschen hier zwischengeschaltet. Wie also können wir wissen, dass etwas weiter wächst, von dem wir längst nicht mehr genau (und immer weniger) wissen, wie groß es ist?
Tatsächlich lassen sich Grenzen des Internets vor allem indirekt gut betrachten. Ebenso gehen Astrophysiker vor, wenn sie die Existenz per se unsichtbarer Schwarzer Löcher Milliarden Lichtjahre entfernt zu entschlüsseln suchen - sie analysieren die Geschwindigkeit von Sternen, die umso schneller werden, je näher die ungeheure Masse des Schwarzen Lochs sie anzieht. Wenn der "Verkehr" im Internet rauscht, wenn die Zahl der Seitenabfragen hochschnellt und immer neue Seiten und Teilnehmer ans Netz geknüpft werden, dann wird es warm in den Rechenzentren, dann saugen die Server am Stromnetz, weil sie ungeheure Mengen an Daten verarbeiten und weil sie dafür gekühlt werden müssen.
Der Stromverbrauch durch den Betrieb des Internets ist gewaltig: Rund 20 Großkraftwerke wurden im Jahr 2005 benötigt, um das Netz weltweit in Schwung zu halten, kalkulierte vor einiger Zeit das Freiburger Öko-Institut. Der amerikanische Internet-Experte Nicholas Carr beschrieb das Problem noch konkreter: Der Stromverbrauch für das Spiel mit einem Avatar, einer virtuellen Existenz in der damaligen Netz-Animation "Second Life", habe pro Jahr rund 1,17 Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) freigesetzt, schrieb er. Das entspricht annähernd dem CO2-Ausstoß eines Menschen in einem der ärmsten Entwicklungsländer.
"Es gibt für das Wachstum des Internets sicher technische und ökonomische Hürden und Begrenzungen, zum Beispiel der Energieverbrauch der Rechner oder die Übertragungskapazität der Leitungen vor allem dort, wo noch keine Glasfaserkabel liegen", sagt Christian Müller von Strato. "Aber ich sehe trotz vieler technologischer Limits keine, die sich nicht überwinden oder lösen ließen."
Eine Grenze des Internets kennen wir: Es ist die Zahl aller Menschen auf der Erde, die theoretisch die Zahl aller möglichen Nutzer wäre, wenn vom Säugling bis zum Greis ein jeder in den Tiefen des Netzes surfen könnte. 6,5 Milliarden Menschen leben es heutzutage. Dies zu wissen gibt indes noch lange keine Antwort darauf, ob im Internet jemals das gesamte Wissen der Menschheit gespeichert werden könnte, so, wie es schon die antiken Griechen erträumten, als sie die große Bibliothek von Alexandria bauten. Sicher erscheint nur eines: Das Gewissen der Menschheit wird das World Wide Web niemals sein.



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