Was uns um den Schlaf bringt
Jeder zehnte Deutsche findet nachts keine Ruhe. In Schlaflabors wird nach den Ursachen gesucht.
Berlin. Weil in Göttingen gerade der 10. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) tagt, haben wir mal schnell unsere Hamburger Schlaf-Experten angerufen: Anja und Stephan Schlaf im Jonny-Schacht-Weg. Wo man offenbar den Schlaf des Gerechten schläft. Schlafstörungen kennt Frau Schlaf jedenfalls keine. Schlaftabletten? "Noch nie genommen." Betthupferl? "Nö." Herr Schlaf braucht allerdings mehr Schlaf als seine Frau, weshalb er an manchen Tagen ein, zwei Stunden früher ins Bett geht. Für entscheidend halten Schlafs die richtige Schlaf-Unterlage. Sie haben sich eine aus Latex angeschafft. An der Matratze gespart, ist falsch gespart, sagen die Schlafs. Wussten Sie übrigens, dass es Matratzen für Menschen mit Bauchansatz gibt? Und welche für starke Schwitzer? Beziehungsweise Matratzen mit spezieller antibakterieller "Ausrüstung", also eine Art Killer-Matratze? Wenn nicht, dann schlafen Sie heute vielleicht noch wie ein Murmeltier, aber damit kann es morgen schon vorbei sein. Laut Statistik hat nämlich bereits jeder zehnte Deutsche Schlafprobleme, und die Dunkelziffer soll erschreckend sein. Experten unterscheiden mittlerweile zwischen 88 Arten von Schlaf-Wach-Störungen! Allein 100 000 Deutsche leiden unter Narkolepsie, der so genannten Tagesschläfrigkeit. "Bei ihnen", sagt Marga Grimm von der Deutschen Narkolepsie-Gesellschaft, "schaltet das Wachzentrum einfach ab." Von jetzt auf gleich. Wenn Sie also im Restaurant sitzen und sehen, wie Ihrem Tischnachbarn plötzlich der Kopf in die Suppe klappt, lachen Sie nicht. Es ist ernst. Es ist Narkolepsie. Diese Krankheit, die vermutlich genetisch bedingt ist, hat allerdings nichts mit der Tagesmüdigkeit (Vigilanzstörung) zu tun, unter der offenbar schon Goethe gelitten hat und die er in seinem 58. Lebensjahr voller Melancholie so beschrieb: Im Alter schlafe man eigentlich nicht, der Schlaf ziehe sich nur über die Gegenstände des Tages wie eine Art Flor und lasse sie durchscheinen . . . Diese bleierne Müdigkeit hatte ihre Ursachen vermutlich in den "Arousels", den nächtlichen Weckreaktionen, die sich im Alter dramatisch häufen. Während ein junger Mensch nur etwa fünf pro Nacht erlebt, kann es einen Sechzigjährigen schon 150 Mal durchschütteln! Alt sein und Schnarcher sein, das ist die denkbar schlimmste aller Kombinationen. Bei einer Schlafapnoe, also einer schlafbezogenen Atmungsstörung, kann es nämlich sein, dass die Atmung bei 75 Prozent der gesamten Schlafdauer aussetzt! Auf die vielen kleinen Atemstillstände folgt verständlicherweise panikartiges Luftschnappen und lautes Schnauben oder Schnarchen, das - wie Akustiker ermittelt haben - an die Geräuschentwicklung von Pressluftbohrern heranreichen kann. Manchmal hilft in solchen Fällen das Produkt "Schnarch Stopp", eine "Aufbissschiene", die die Zunge nach vorne lagert. Manchmal auch nicht. Manchmal hilft nur die Uvulopalatopharyngoplastik. Die operative Entfernung von Fett- und Bindegewebe im Rachenbereich. Die ist drastisch, hilft aber jedem Zweiten beziehungsweise seinem Doppelbett-Partner. Von außen betrachtet ist auch das Restless-Legs-Syndrom (RLS) sehr interessant, das offenbar noch völlig unerforscht ist. Zucken Menschen im Schlaf mit den Beinen, weil eine Funktionsstörung des Nervensystems vorliegt? Man nimmt es an, aber genau weiß man es nicht. Kniebeugen, Treppensteigen, Fahrradfahren empfehlen Ärzte ihren RLS-Patienten. Mit einem Wort: Sport. Darauf hätte man auch selbst kommen können . . . Zu den schönsten Folgen der Durchschlafstörungen (Insomnie) gehören zweifellos Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen. Eine Auftragsarbeit für den damaligen russischen Gesandten am kursächsischen Hof zu Dresden, Hermann Carl von Keyserlingk, der damit seine durchwachten Nächte totschlug. Das war 1742. Knapp hundert Jahre später schrieb Vincenzo Bellini seine Oper "Die Nachtwandlerin" (La Somnambula). Eine Herausforderung für jede große Sopranistin. Apropos Bellini: Die Ärzte raten strikt davon ab, im Falle von Schlafstörungen das gleichnamige Getränk zu sich zu nehmen. (Sie wissen schon, diese schöne Mischung aus "Harry's Bar" in Venedig: pürierte weiße Pfirsiche, aufgefüllt mit Prosecco.) Jede Form von Alkohol, sagen die Mediziner, mache die Sache nur noch schlimmer. Möglicherweise ist der eine oder andere von uns im Selbsttest zu anderen Ergebnissen gekommen. Wie auch immer. In den meisten Fällen ist Schlaflosigkeit jedenfalls nicht organisch, sondern seelisch bedingt. Die Folgen können in jedem Fall dramatisch sein. Schlafmangel schwächt das Immunsystem. Er kann zu Halluzinationen und zu Wahnvorstellungen führen. Schon jetzt führt er offenbar zu einem volkswirtschaftlichen Schaden erster Güte. Der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley schätzt die Folgekosten von ermüdungsbedingten Unfällen im Straßenverkehr und am Arbeitsplatz auf zehn Milliarden Euro jährlich. Zwecks Ursachenerforschung der allgemeinen Schlaflosigkeit sind in Deutschland inzwischen 242 Schlaflabors eingerichtet worden. Für den Fall, dass medizinische Indikationen nicht ausgemacht werden konnten und selbst die so genannte Fremdanamnese durch den (die) Bettpartner(in) nicht weiterhilft. (Er/sie sagt, was er/sie nachts beobachtet.) Beziehungsweise für den Fall, dass leider gar kein Bettpartner vorhanden ist. Beim Test-Schlafen im Schlaflabor messen Sensoren Hirnkurven, Augen- und Muskelaktivität, Arm- und Beinbewegungen, Herz- und Atmungsfunktionen. Ob es in den Labors wohl auch Kühlschränke gibt? Es besteht nämlich ein Zusammenhang zwischen Schlaflosigkeit und nächtlichem Esszwang. Sagen die Mediziner. Vor allem bei Frauen. Die schnarchen dafür weniger. In den meisten Fällen ist Schlaflosigkeit nicht organisch, sondern seelisch bedingt.



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