09.07.02

Fließende Übergänge

Naturnahe Konstruktionen für Menschen und Gewässerfauna sind die Zukunft.

"Der Mensch möchte am Wasser leben, es ist seit jeher sein bevorzugter Siedlungsraum", sagt Professor Erik Pasche, Leiter der Abteilung Wasserbau der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH). Statt sich mit nüchternen Zweckbauten vom Wasser abzuschotten, sollte man fließende Übergänge schaffen, "um das Wasser wieder erfahrbar zu machen, das Wechselspiel von Licht und Wellen zu sehen, das Rauschen zu hören und das Nass zu spüren". Als Negativ-Beispiel nennt der Wasserbau-Experte die Binnenalster: Sie sei größtenteils ein einfallslos umgrenztes, fast unnahbares Rückhaltebecken. Pasche wünscht sich mehr Zugang zum Wasser. Eine umlaufende Promenade auf Wasserhöhe sollte errichtet werden, dazu mehr Kleinbootverkehr, Stege, Cafes und eine geschickte Uferbepflanzung. "Hamburg besitzt einige Juwelen", urteilt der Professor. Das seien neben den Alsterseen das dichte innerstädtische Wassernetz und seine von Wasseradern durchzogene Speicherstadt mit dem Baakenhafen. Dort, so der Verfechter des modernen Wasserbaus, wird vielleicht bei der jetzt geplanten Umgestaltung zur Hafencity eine große Chance vertan. Er würde das Areal eindeichen, Sperrwerke bauen und dadurch einen konstanten Wasserspiegel wie bei der Alster erreichen. "Dann ließe sich ein großer, amphibischer Raum schaffen, mit vielseitigen Einrichtungen und Bepflanzungen. Ein Freibad, eine Freilichtbühne und Bootsliegeplätze könnten entstehen, für ein behagliches, lebenswertes, urbanes Leben - das wäre weltweit einmalig und auch für Touristen eine großartige Attraktion." Die Elbe, eingefasst von Ufern aus Stahl und Beton, nennt Wasserbauer Pasche eine "Schmuddelkammer, unschön anzusehen". Wo immer es möglich sei, wünscht er sich intelligentere wasserbauliche Lösungen, die durchaus den Anforderungen des Hochwasserschutzes gerecht würden. "Wir sollten wieder lernen, mit der Elbe lustvoll zu leben", lautet seine Devise. Er verweist auf ein vom ihm verwirklichtes Projekt der Stadt Lieser an der Mosel. Dort schuf er eine Brückenkonstruktion mit Balkenverschlüssen, die nur bei einer nahenden Flut eingesetzt werden. In der übrigen Zeit liegen Stadt und Wasser eng beieinander. Nicht nur für den Menschen, auch für die Natur muss der Wasserbau künftig neue Wege gehen. Als Beispiel nennt Professor Pasche einen gerade erbauten Fischpass in der Trave bei Bad Oldesloe. Dort galt es, ein altes, hohes Stauwehr in eine moderne "Sohlgleite" umzuwandeln - so heißt im ökologisch orientierten, naturnahen Wasserbau ein Fischpass. Bestand dieser früher aus vielen Treppen, die nur von sprunggewaltigen, kräftigen und großen Fischen überwunden werden konnte, so gewährt die heutige sanft abfallende Sohlgleite nicht nur Fischen aller Größen, sondern allen Tieren bis hinunter zur Schnecke und zum Flohkrebs Durchschlupf. Die Lebensvielfalt wird so dem Fließwasser zurückgegeben. Querriegel aus Feldsteinen von bis zu zwei Tonnen Gewicht sowie Geröll und Kies bremsen den Lauf des Wassers, so dass alle aquatischen Lebewesen ihren Weg ins Oberwasser finden können. "Ob wir nun Wasserbau für das Wohlbefinden der Menschen oder der Natur betreiben", so Pasche, "immer müssen genaue Berechnungen über die Fließgewässerhydraulik erfolgen. An der TUHH erforschen wir den Fließwiderstand im Wasser an Steinen, Pflanzen, in Vertiefungen und Flachstellen und entwickeln daraus Formeln. Nur so können wir den naturnahen Wasserbau so steuern, dass Sohle und Ufer eines Gewässers dort bleiben, wo sie sind." Um die komplizierte Rechenmethode in den Griff zu bekommen, wird in den Räumen der TUHH in einer etwa zehn Meter langen und 250 000 Euro teuren Wasser-Kipprinne mit Lasermessgeräten jeder Wirbel, jeder Schwell bei unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten und -widerständen erforscht. Doch Professor Pasche und sein Team machen beim Modell nicht halt. Sie entwickeln aus kleinsten, sensiblen, elektronischen Hochleistungsbauteilen Messgeräte, die via Satellit, Flugzeug oder Schiff genaue und kostengünstige Berechnungen ermöglichen. Solche Methoden werden eine große Bedeutung für den Küstenschutz erreichen, aber auch im kleineren Maßstab den schwierigen, ökologisch orientierten Wasserbau erleichtern. "Es ist klar erkennbar", resümiert Forscher Pasche, "dass für den Wasserfluss-Mechaniker der Zukunft Ökologie und Biologie Vorrang haben und dann erst die Ökonomie kommt."

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